Der ChatGPT-Entwickler Open AI übernimmt das Kieler Start-up Ona, um damit sein KI-Softwareentwicklungsangebot Codex zu stärken. Das gab das amerikanische Unternehmen am Donnerstagabend deutscher Zeit bekannt. Über den genauen Kaufpreis vereinbarten die beiden Parteien Stillschweigen. Aus Branchenkreisen heißt es aber, es gehe um einen der größten deutschen Start-up-Verkäufe der vergangenen Jahre.Ona wurde 2020 noch unter dem Namen Gitpod in Kiel gegründet – ursprünglich mit dem Ziel, die Entwicklung von Software in der Cloud anstelle lokaler Rechner zu vereinfachen. Mit den rasanten Fortschritten Künstlicher Intelligenz nach dem Erscheinen ChatGPTs im Jahr 2022 entwickelte sich aber auch das Geschäftsmodell weiter: Das Start-up entwickelte Ona, eine Cloud-Umgebung zur Nutzung sogenannter KI-Agenten für die Softwareentwicklung. Solche KI-Agenten können eigenständig eine ganze Kette komplexer Aufgaben autonom ausführen, etwa Codes schreiben.Das Produkt von Ona unterstützt KI-Agenten dabei, den nötigen Kontext für das Schreiben von Codes zu kennen, Fehler zu finden und Änderungen direkt in Entwicklungsumgebungen umzusetzen. Dem Unternehmen zufolge haben insgesamt schon mehr als zwei Millionen Entwickler die Plattform genutzt.Das deutsche SkalierungsproblemDas passt gut in die Strategie von Open AI, im Firmenkundengeschäft auf den Rivalen Anthropic aufzuschließen. Der ist insbesondere in der KI-generierten Softwareentwicklung mit seinem Modell Claude Code inzwischen Marktführer. Open AI will mit seinem Angebot Codex dagegenhalten, das inzwischen mehr als fünf Millionen wöchentliche Nutzer vorweisen kann. Ona soll Codex ermöglichen, immer komplexere und länger andauernde Aufgaben geräte- und systemübergreifend zu erledigen.Der Verkauf weist aber auch auf ein strukturelles Problem der deutschen Technologiebranche hin. Europa und Deutschland können zwar im Bereich der großen KI-Modelle keinen ernsthaften Wettbewerber vorweisen. Aber in der zweiten Reihe haben sich in den vergangenen Jahren zahl­reiche vielversprechende Start-ups gegründet, die branchen- oder funktionsspezifische KI-Anwendungen ent­wickelt haben und damit durchaus Erfolge feiern – so wie Ona.Doch um eigenständig international zu expandieren und zu wachsen, fehlt in Europa oft das Kapital. In Deutschland flossen im vergangenen Jahr knapp sieben Milliarden Euro in junge Techunternehmen. Das entsprach etwa 0,15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In den Vereinigten Staaten flossen hingegen 0,8 Prozent des BIP an Investitionen in den Sektor.Für amerikanische Unternehmen relevant, aber ein SchnäppchenHinzu kommen die niedrigeren Bewertungen europäischer KI-Start-ups. Für amerikanische Techunternehmen gelten Bewertungen mit einem Umsatzmultiplikator zwischen 20 und 50 als üblich, in Europa sind es eher zehn bis 20. Europäische KI-Start-ups werden so für US-Anbieter zum Schnäppchen. Einige Branchenvertreter fürchten deshalb seit geraumer Zeit einen Ausverkauf. Ona-Mitgründer Johannes Landgraf schrieb auf der Plattform Linkedin hingegen, er habe immer gedacht, dass sich der Verkauf des Unternehmens wie ein Ende anfühlen würde. „Stattdessen fühlt es sich so an, als wäre unser Lebenswerk gerade größer und noch wichtiger geworden.“Denn die Übernahme zeigt auch, dass Deutschland junge Unternehmen hervorbringen kann, die für große amerikanische KI-Anbieter interessant sind. „Europa hat im KI-Markt einen strukturellen Vorteil dort, wo Technologie besonders nah an realen Kundenproblemen entsteht“, sagt Florian Obst, Partner des Wagniskapitalgebers Speedinvest, der F.A.Z. Das sei in regulierten Branchen, komplexen Unternehmensumgebungen und tief integrierten Prozessen der Fall.Speedinvest war der erste und größte Investor in Ona; Obst hat Ona-Mitgründer Landgraf schon 2012 im Studium kennengelernt. „Teams wie Ona verstehen nicht nur die Technologie, sondern auch die Anforderungen großer Kunden an Sicherheit, Verlässlichkeit und Compliance“, sagt Obst. Diese Nähe zu anspruchsvollen Märkten mache spezialisierte europäische Softwareunternehmen für globale KI-Anbieter zunehmend strategisch relevant.