Ein Theater steht vor dem Aus: Alexander Beck, der Gründer und Leiter des kleinen Theaters Alte Brücke im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, hat angekündigt, er müsse aller Voraussicht nach den Betrieb einstellen. Der Grund: Er wird die Dreijahresförderung der Stadt Frankfurt für freie Theater nicht mehr bekommen. In seinem Fall hatte sie sich auf 22.000 Euro belaufen, eine der geringsten Fördersummen unter knapp 50 Posten. Sie war Basis der Mietsicherung des Theaters, das Beck mit eigenen Mitteln gegründet hat und betreibt. Beck ist wie fünf weitere Frankfurter Theatermacher laut Magistratsbeschluss aus der Mehrjahresförderung 2027 bis 2029 gestrichen worden, die den Gruppen Planungssicherheit verschafft und die Basiskosten, etwa für Räume, deckt.Anders als die Gruppen Ligna von Ole Frahm, Haptic Hide der Choreographin Paula Rosolen, Briefkastenfirma mit Hannes Seidl, Work of Act des Choreographen Fabrice Mazliah und der Choreographin Joana Tischkau, die zum Teil weit über Frankfurt hinaus und international tätig sind, hat Beck sich nicht an dem offenen Brief beteiligt, den diese nach dem Bekanntwerden der Förderliste verschickt hatten. Der Text ist im städtischen Informationssystem Parlis nachzulesen.„Das Ende der strukturellen Unterstützung dieser Gruppen ist ein klares Signal der Stadt, dass die Arbeitssituation der Freien Szene, die sich in den letzten Jahren sowieso zunehmend verschlechtert hat, weiterhin prekär ist“, heißt es in diesem Brief. Der Einzug neuer, junger Gruppen dürfe nicht auf Kosten derjenigen gehen, die älter und schon etablierter seien. Tatsächlich habe man den gestrichenen Künstlern Bedeutung bescheinigt, sie seien „ausschließlich aus Spargründen aussortiert“ worden, heißt es. Für sie bedeutet die Streichung, dass auch weitere Förderungen etwa von Bund und Land, die von der Sitzgemeinde abhängen, teilweise nicht mehr beantragt werden können.„Künstlerische Arbeit wie ein Hobby betrachtet“Inzwischen hat es mehrere offene Briefe gegeben, auch eine Kundgebung soll geplant sein. Der Ko-Leiter des Produktionshauses Naxos, Simon Möllendorf, hat in einem Schreiben scharf formuliert, die jetzige Förderentscheidung signalisiere, dass in Frankfurt professionelle künstlerische Arbeit wie ein Hobby betrachtet werde. Schon lange reichten die Mittel für freie Produktionen nicht mehr, nun seien weitere drastische Kürzungen und Personalabbau nötig. Fehlendes Geld sei kein „Naturereignis“, sondern das „Ergebnis politischer Prioritätensetzung“, so Möllendorf.Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) hatte Zufriedenheit geäußert, trotz der Haushaltslage nicht kürzen zu müssen, sondern die Zuschüsse durch Umschichtung von 3,88 auf 3,92 Millionen Euro steigern zu können. Einzelne Posten sind nun um wenige Tausend Euro erhöht worden. Die Antragssummen allerdings beliefen sich auf das Doppelte der nun vorgeschlagenen Summe. Der Landesverband der professionellen freien Theater fordert daher eine Erhöhung der Fördermittel um zwei Millionen Euro, eine solche hatte es 2017 gegeben. Zunächst hatte das Kulturdezernat mitgeteilt, es würden 44 freie Theaterensembles, Spielstätten und andere Infrastrukturen von 2027 bis 2029 kontinuierlich finanziell unterstützt, darunter drei neue: Die Künstlerinnen Judith Altmeyer und Tümay Kılınçel sowie der Verein Freigetanzt, mit dem Raffaele Irace am Gallustheater freien Tanz kuratiert. Dass dafür fünf langjährig Geförderte gestrichen würden, war erst später zu erfahren.Einen Großteil der Förderung mache die Sicherung von Infrastruktur aus, so das Dezernat. Tatsächlich ist aber eine Trennung von Spielstätten- und Produktionsförderung geplant, was dazu führen könnte, dass die jetzige Dreijahresförderung ohnehin nur für ein Jahr gelten könnte. Denn „im Geschäftsgang“ befinde sich ein Magistratsvortrag zu dieser Trennung von 2028 an. Wann dieser beschlossen werden kann, ist allerdings offen und auch, welche Summen dann für Spielstätten wie etwa die Naxoshalle, das Gallustheater oder das Titania-Theater zur Verfügung stehen werden.Hartwig sei mit den Vorschlägen, die im Magistrat beschlossen wurden, den Empfehlungen des Theaterbeirats der Stadt gefolgt, heißt es auf Anfrage. Dieser sei „2015 durch ein partizipatives Verfahren mit der freien Szene auch auf deren Wunsch eingerichtet“ worden. Auch sei die freie Szene durch die Personen, die dem Beirat angehörten, repräsentiert, so eine Sprecherin Hartwigs.Entscheidungen an Theaterbeirat delegiertDie als Empfehlungen bezeichneten Voten dieser Jury sind, so bestätigt sie auf Nachfrage, im Dezernat weder evaluiert noch verändert worden. Die kulturpolitische Entscheidung darüber, was in den nächsten drei Jahren in der Stadt an Kunst gezeigt und langfristig erhalten werden sollte, ist damit vollständig an den Theaterbeirat delegiert worden. Die heterogene Liste, in der sich auch wenig präsente Akteure, Straßentheater und eine Laienspielstätte befinden, muss noch von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen werden.„Es sollte den Verantwortlichen klar sein, dass für die Arbeit der Freien Theaterszene keine Anschubfinanzierung genügt, da die Gruppen selten in traditionelle Institutionen wechseln“, heißt es in einem offenen Brief der fünf gestrichenen Gruppen. Dies allerdings verkürzt die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte stark. Etliche freie Künstler arbeiten erfolgreich auch in Institutionen, etwa Tischkau und Rosolen, deren Förderung nun gestrichen wurde, andere bleiben ganz in der freien Szene. Zahlreiche heute erfolgreiche Regie- und Produktionsteams an festen Theatern und Opern sind als freie Kollektive in wechselnden Konstellationen tätig, manche mit zusätzlichen freien Projekten in freien Spielstätten, andere nicht. Alle Ausformungen finden sich in der jetzigen Förderliste. Ob und wie die künstlerischen Entwicklungen bewertet werden, ist nicht bekannt.Etliche Antragsteller sind leer ausgegangen, etwa das neu gegründete Theater in der Engelsburg, das auf privaten Initiativen im einstigen Bürgerhaus Sindlingen beruht. Es steht nun aber als Förderziel im Vertrag der künftigen Stadtregierung, der soeben beschlossen worden ist. Auch die Förderung der freien Szene nimmt darin einen breiten Raum ein. Wie strukturell über die geplante Trennung der Förderschienen hinaus gehandelt und die Entwicklung der freien Szene beobachtet und bewertet werden soll, um sinnvolle kulturpolitische Förderentscheidungen zu fällen, geht allerdings weder aus den Antworten des Kulturdezernats noch aus den Vereinbarungen der künftigen Stadtregierung hervor. Unabgestimmte Förderzeiträume zwischen Stadt, Land und Bund, die fehlende Möglichkeit, Wiederaufnahmen zu unterstützen, und unterfinanzierte Spielstätten werden seit Jahrzehnten beklagt.„Die Mehrjahresförderung ist nicht die einzige Fördermöglichkeit, auf die freie Künstlerinnen und Künstler zurückgreifen können“, teilt das Kulturdezernat auf Nachfrage mit. Es gebe auch „Einzelproduktionsförderung als wichtige Alternative“, damit könnten „sich die Theater- und Tanzschaffenden gut aufstellen und relevante und große Produktionen realisieren“. Die Summen der Einzelförderungen liegen allerdings in der Regel weit unter den Mehrjahresbeträgen. Gespräche hat es mit den betroffenen Künstlern nicht gegeben. „Sobald das Verfahren abgeschlossen ist, wird sich das Kulturamt mit den jeweiligen Kulturschaffenden in Verbindung setzen, um die Situation zu besprechen“, so das Kulturdezernat.
Frankfurt: Freie Szene empört über Förderpläne in Frankfurt
Die geplante Mehrjahresförderung für die Frankfurter freien Theater stößt auf viel Empörung. Nicht nur bei den fünf Gruppen, für die das Geld ganz gestrichen worden ist.






