Der große, schwarze Kasten macht den Kindern Angst. Sie haben am Dorfrand gespielt, die jungen Künstler aus Darmstadt, die die schwere Kamera zu ihnen hinaus in die freie Natur geschleppt haben, sorgen am Abend auch auf dem Marktplatz von Zwingenberg und in der Gaststube des „Goldenen Löwen“ für Staunen. Der kleine Philipp, Sohn einer armen Witwe, der im Gasthof überall mit anpackt, hat als einziges der Kinder den Mut, sich fotografieren zu lassen. Es sind die späten Vierzigerjahre des 19. Jahrhunderts, die Technik der Fotografie, der Lichtmalerei, wie es in Luise Büchners Erzählung „Der kleine Vagabund“ heißt, ist noch ganz neu. Sich sein Bild von der Sonne malen zu lassen, kommt daher auch den erwachsenen Zwingenbergern unheimlich vor.In den folgenden Jahrzehnten hängt Philipps Bild in der Gaststube, während er selbst aus dem Leben der Wirtskinder verschwindet. Aber Büchner, die geübte Erzählerin, hat einen kleinen technischen Trick parat, so wie die Fotografen, deren Metier sich in den folgenden Jahrzehnten rasch entwickelt und immer beliebter wird. Während alle Beteiligten nur das Bild ihrer jeweiligen Umgebung wahrnehmen, kann die Autorin ihre Geschöpfe über die ganze Welt verfolgen, auch Philipp.Als seine Mutter stirbt, werden seine Geschwister zu Verwandten gegeben, er selbst soll beim Schneider in die Lehre gehen, will aber lieber mit dem jungen Fotografen sein Glück machen. Später hört man in der Heimat nichts mehr von ihm. Nur der Leser weiß, dass es ihn nach Italien, Indien und Amerika verschlagen hat, wo er ein erfolgreicher Fotograf geworden ist. Als ein deutscher Professor ihn in Washington aufsucht, packt Philipp die Sehnsucht nach der Heimat. Er reist zurück an den Fuß des Melibokus und findet das viele Jahre zuvor angefertigte Kinderbildnis, das die neue Wirtin abgehängt hat, im Nähkörbchen seiner treuen Spielgefährtin Grete.Genauer Blick auf ihre Zeit„Der kleine Vagabund“ ist die letzte Erzählung, die Büchner veröffentlicht hat. 1877 kam sie heraus, kurze Zeit später starb die Frauenrechtlerin, deren Geburtstag am 12. Juni gefeiert wird. Sie war 15, als ihr Bruder Georg im Februar 1837 in Zürich starb, der Ruhm des Dramatikers beginnt so richtig erst, als sie schon tot ist. In den Jahrzehnten dazwischen zeigt sie zusammen mit ihren anderen überlebenden Geschwistern Format. 1855 veröffentlicht sie „Die Frauen und ihr Beruf“, in Hessen-Darmstadt gründet sie zusammen mit Großherzogin Alice zahlreiche Institutionen der Frauenbildung, in ganz Deutschland wird sie zur gesuchten Expertin.„Der kleine Vagabund“, der am 11. Juni von 18 Uhr an im Mittelpunkt eines Abends im Literaturhaus Darmstadt steht, ist in der rührenden Sprache des späten 19. Jahrhunderts gehalten. Er hat nichts von den ästhetischen, psychologischen und politischen Feuerwerken, die Luises Bruder in seinen Dramen zündet. Aber die Erzählung ist geprägt von Warmherzigkeit, Mitgefühl und einem sehr genauen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit der damaligen Zeit. Die Armut in Deutschland, der Drang, etwas aus sich zu machen, ohne dazu die Möglichkeit zu haben, der zivilisatorische Fortschritt – all das kommt vor, beiläufig, kenntnisreich, geschickt platziert.Begraben ist Büchner auf dem Alten Friedhof in Darmstadt. Man kann ihr zum Geburtstag einen Besuch machen und mit dem Handy ein Foto ihrer Grabstele mit Porträtmedaillon aufnehmen. Heute hat niemand mehr Angst vor Kameras. Aber über die Sorgen vieler Beschäftigter vor dem Einsatz Künstlicher Intelligenz wüsste Büchner genau die richtige Geschichte zu erzählen – ihre Darmstädter Künstler haben von der Malerei auf das Lichtbild umgesattelt, weil sie fürchten, arbeitslos zu werden. Dass uns die Technik auf immer schnellere Lebenswege schleudert, hat Büchner genau gespürt.
Luise Büchner: Der kleine Vagabund und Darmstadt
In ihrer letzten Erzählung beschäftigt Luise Büchner sich 1877 mit dem Menschen und der Technik. Was sie schreibt, gilt auch für heute.






