Wer das Start-up von Boris Mayer und seinen Mitgründern besucht, muss an den äußersten Rand Kölns fahren, am schattigen Grün des Forstbotanischen Gartens entlang und an einem Pferdehof vorbei. Die kleine Zentrale des Unternehmens mit seinen mittlerweile 13 Mitarbeitern liegt in einem Gewerbegebiet. Vorn gibt es einen kombinierten Meeting- und Bürobereich, kaum größer als ein Wohnzimmer, und hinten das, was sie „Fertigung“ nennen: eine Halle, in die ungefähr eine Handvoll Anhänger in der Größe von Wohnwagen passen. Ein Rolltor gibt den Weg frei nach draußen auf den Parkplatz. Der ist wichtig. Schließlich sind Parkplätze Haupteinsatzorte für das Produkt, das Mayer und seine Kollegen hier entwerfen und verfeinern: den Smarcel.Smarcel ist ein Kunstwort aus „smart“ (schlau) und „parcel“ (Paket). Der Smarcel ist so etwas wie eine fahrbare Paketstation in der Größe eines Sprinters, der sich mit einer Anhängerkupplung von fast jedem Fahrzeug ziehen lässt. Die Idee: „Paketautomaten liegen im Trend, weil die Paketmengen weiter steigen, während Zusteller knapper und teurer werden“, sagt Mayer. Gleichzeitig sind Innenstadtstraßen oft verstopft, und auch Kioske oder Läden, die mit Paketdiensten kooperieren, stoßen immer häufiger an ihre Grenzen; für sie ist das Managen der Paketflut zu Stoßzeiten auch oft ein großer Stress. „Der E-Commerce wächst weiter – und damit wächst auch der Druck auf die letzte Meile.“Erfinder der DHL-PackstationAutomatisierte Paketstationen versprechen Abhilfe, und mit ihnen kennt sich Mayer besonders gut aus: Vor rund 20 Jahren hat er die DHL-Packstation nämlich selbst erfunden. Damals arbeitete er noch bei dem Bonner Paketriesen. Mittlerweile betreibt DHL hierzulande rund 15.000 Pack- und Poststationen, bis zum Jahr 2030 soll sich die Zahl verdoppeln. Mayer und seine Mitgründer Christof Schares und Christian Borger haben sich inzwischen selbständig gemacht und haben jetzt ihr eigenes Start-up „Innovative Robot Delivery“. Dort entwickeln und verfeinern sie ihre Ideen für die letzte Zustellungsmeile weiter. Zentral dabei: fahrbare Paketautomaten.In der Kölner Fertigungshalle tüftelt gerade eine Mitarbeiterin an einem Prototyp herum. Die neueste Idee ist eine besonders platzsparende Variante eines „Smarcel“ mit Paketfächern auf zwei Seiten, die sich während der Fahrt im Mittelgang des Wagens kompakt zusammenschieben lassen. In einer anderen Ecke wird ein einarmiger Sortierroboter getestet, der Pakete mit Saugnäpfen aufnehmen und wieder ablegen kann. An der Fensterscheibe kleben handgeschriebene To-do-Listen: „Bestellung Dachkonstruktion“ steht darauf zum Beispiel oder „Tür einbauen“.Keine typischen JungunternehmerSo weit die klassische Start-up-Atmosphäre. Ansonsten verkörpern die Gründer nicht unbedingt das, was man sich unter Jungunternehmern vorstellt: Mayer, Schares und Borger sind 59, 61 und 53 Jahre alt, erfahrene Männer, seit Jahrzehnten befassen sie sich mit dem Paketmarkt. „Das große Problem beim massenhaften Ausrollen von stationären Paketautomaten sind die Standorte“, sagt Mayer. „Orte, an denen Unternehmen solche Automaten aufstellen dürfen, sind rar.“ Die Suche sei aufwendig, und für stationäre Paketautomaten braucht man häufig langwierige Genehmigungen, etwa eine Baugenehmigung.Prototyp: So könnte der Smarcel in Zukunft aussehen.Innovative Robot DeliveryHeute Hähnchen-Maxe, morgen PaketautomatEin Paketautomat auf Rädern löse dieses Problem. Er brauche einfach bloß einen Parkplatz, zum Beispiel vor einem Supermarkt. „Bis Sie eine stationäre Packstation geplant und alle Genehmigungen dafür eingeholt haben, dauert es Monate“, sagt Mayer. „Wenn Sie sich mit einem Supermarktbesitzer morgen darauf einigen, dass ein Smarcel dort von Montag bis Donnerstag stehen darf, dann können Sie übermorgen den Betrieb aufnehmen. Und wenn freitags dort der Fisch-Müller oder der Hähnchen-Maxe steht, dann steht der Smarcel eben am Freitag woanders.“ Kunden sollen per App darüber informiert werden, wo der mobile Automat gerade parkt, so stellen es sich die Gründer vor. Das sei so ähnlich, wie man schon heute in Karten-Apps sehen kann, wo Leihfahrräder oder E-Roller sich in der Stadt befinden.Der rollende Automat habe aber noch einen weiteren Vorteil. „Wenn Sie eine Packstation be- und entladen, ist das komplex“, sagt Mayers Kollege Schares. „Ein Fahrzeug muss zum Standort fahren, dort einen Parkplatz finden, und dann muss sich der Zusteller manuell um Retouren kümmern und die einzelnen Fächer händisch aus- und einräumen.“ Der Smarcel hingegen könne abends von seinem Parkplatz abgeholt und in ein Zustelldepot gefahren werden. Dort gehe das Be- und Entladen deutlich schneller und effizienter – im Moment noch manuell, in Zukunft automatisiert.„Wie ein Einschubsystem in einem Backofen“Das Innere des Smarcel-Prototyps namens „One“ ist schon heute voll automatisiert, es sieht aus wie ein Minihochregallager. Alle Pakete kommen über eine standardisierte Schleuse hinein und landen auf einer Art Tablett, auf dem sie die ganze Zeit im Inneren des Wagens verbleiben. Ein Roboter scannt und vermisst jedes Paket und puzzelt die Tabletts so übereinander, wie es am effizientesten ist – „wie ein Einschubsystem in einen Backofen“, sagt Mayer.Zum Abholen können Kunden ihr Paket per App anwählen; der Roboter befördert es dann auf dem jeweiligen Tablett durch die Schleusenöffnung wieder nach draußen. Theoretisch denkbar ist den Gründern zufolge mit diesem System auch eine verpackungsfreie Lagerung von Waren. Der Kunde würde dann seine unverpackte Ware aus einer Box nehmen und einfach in eine mitgebrachte Tasche stecken. Nervige Karton-Fluten wären dann Geschichte, umweltfreundlicher wäre das obendrein.Smarcel kostet rund 80.000 EuroGanz günstig ist die fahrbare Hightech-Packstation allerdings nicht. Momentan liege der Preis eines Smarcel bei rund 80.000 Euro, die Gründer wollten aber mittelfristig auf einen mittleren fünfstelligen Bereich runterkommen, sagt Schares. Das Start-up habe „Wirtschaftlichkeitsrechnungen“ über die Lebensdauer des Systems gemacht. „Danach kann ein Smarcel seine initialen Investitionskosten über einen Zeitraum von zehn Jahren ungefähr zweifach wieder erwirtschaften.“ Vorteile, verglichen mit der stationären Packstation, entstünden durch die kosteneffizientere Beladung, geringere Standortsuchkosten und die bessere Skalierbarkeit.Seit etwas mehr als vier Jahren tüfteln die Gründer jetzt an ihren mobilen Paketautomaten. Private Risikokapitalgeber haben ihnen in Summe rund sechs Millionen Euro dafür gegeben, rund 3,8 Millionen Euro zusätzliches Geld haben sie über öffentliche Förderungen eingeworben. „Als Hardware-Start-up brauchen wir solche Summen“, sagt Schares. Darüber hinaus hätten Partner zusätzliches Geld investiert, etwa das Lagerlogistik-Unternehmen Kardex, das zukünftig die Smarcel-Wagen in Serie bauen könnte. Das Geld aus der jüngsten Finanzierungsrunde trage das Start-up noch bis in den Sommer 2027 hinein, sagt Mayer.Paketunternehmen aus vier Ländern testenEr glaubt, dass die Geschäfte gerade Fahrt aufnehmen. Für den Smarcel interessierten sich inzwischen Paketunternehmen aus sieben Ländern. Mit vier von ihnen haben die Gründer nach eigenen Angaben kürzlich bezahlte Pilotvereinbarungen geschlossen, um das System in der Praxis auszuprobieren: mit Posten Bring in Norwegen, Planzer in der Schweiz, Nova Post in Moldau und mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber DHL in Deutschland.Allerdings steht noch in den Sternen, ob eines der Unternehmen das System anschließend wirklich flächendeckend einsetzen wird. DHL etwa hält sich ob des frühen Stadiums der Gespräche bedeckt. Die Bonner bestätigen zwar, mit den Gründern „im Austausch“ zu sein, möchten sich aber zu der damit verbundenen Strategie noch nicht äußern. Das Interesse des Paketriesen scheint indes schon eine Weile anzudauern: Vergangenes Jahr hatte DHL schon einmal gemeinsam mit einem schwedischen Dienstleister probeweise einen Smarcel in Stockholm aufgestellt.