Einst wünschte ein Erdogan-naher Kommunalpolitiker den Grünen Cem Özdemir auf den «Hundefriedhof». Nun ehrt ihn die Stadt DuisburgDie Auszeichnung für Bekir Sipahi wurde vom Duisburger SPD-Oberbürgermeister überreicht. Die Sozialdemokraten stehen schon seit längerem im Verdacht, sich nicht genügend von islamistischen und rechtsextremen Akteuren der türkischen Diaspora abzugrenzen.12.06.2026, 13.02 Uhr3 Leseminuten«Zionisten und Juden» würden «jeden Tag Palästinenser aus Lust und Laune ermorden», schrieb der Duisburger Kommunalpolitiker Bekir Sipahi.PDFür gewöhnlich erregt es eher wenig Aufmerksamkeit, wenn Kommunalpolitiker für ihr Engagement ausgezeichnet werden. Beim goldenen Ehrenwappen, das der sozialdemokratische Duisburger Oberbürgermeister Sören Link in der vergangenen Woche verlieh, ist das anders. Und das liegt am diesjährigen Preisträger: Der Lokalpolitiker Bekir Sipahi hat wiederholt Sympathien für extremistische Positionen erkennen lassen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sipahi steht repräsentativ für ein türkischstämmiges Milieu, das sich in der Nachfolge der Gastarbeiter in den ehemaligen industriellen Zonen des Ruhrgebiets herausgebildet hat und sich an den islamistischen und nationalistischen Positionen der türkischen Regierung um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan orientiert. Immer wieder entstehen Kleinstparteien und Organisationen, die dem Vorfeld der türkischen Regierungspartei AKP entspringen. Eine Erdogan-nahe Partei erhielt bei der Europawahl 2024 in zwei Duisburger Wahlkreisen gar 40 Prozent der Stimmen.Bundesweite Bekanntschaft erlangte Sipahi 2016, als er über den damaligen Grünen-Chef und heutigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten schrieb: «Ob das Totengebet für den Verräter Cem Özdemir verrichtet wird? Ihn sollte man demnächst auf dem Hundefriedhof von Berlin begraben.» Er bezog sich dabei auf Özdemirs Engagement für eine Resolution im Bundestag, die den Genozid osmanischer Truppen an den Armeniern ab 1915 anerkannte. Für die Schmähung wurde er später zu einer Geldstrafe verurteilt.Juden, die «Palästinenser aus Lust und Laune ermorden»Dass Sipahi ausgerechnet wegen des Genozids an den Armeniern so ausser sich war, ist kein Zufall. Für nationalistische Türken ist die Benennung des Genozids als solcher bis heute ein Reizthema. Auch Sipahi scheint seine Meinung nicht geändert zu haben. Auf die Anfrage der Lokalzeitung «NRZ» sagte er, die «historische Bewertung dieser Ereignisse» sei weiterhin Gegenstand von Debatten.Damit ist er ganz auf der Linie der islamistisch-nationalistischen Strömungen, mit denen er offenbar sympathisiert. So zeigte er im Internet wiederholt Bewunderung für Erdogan ebenso wie für den Politiker Muhsin Yazicioglu, der den rechtsextremen Grauen Wölfen nahestand. Ab 2013 war Sipahi drei Jahre lang Vorsitzender einer örtlichen AKP-Vorfeldorganisation, kandidierte 2023 dann sogar bei den türkischen Parlamentswahlen in Ankara für die AKP. Auf seinem X-Account schrieb er 2017, «Zionisten und Juden» würden «jeden Tag Palästinenser aus Lust und Laune ermorden».Sipahis politische Positionen hinderten ihn jedoch nicht daran, in Duisburg ab den 1980er Jahren in Sportvereinen, dem Integrationsrat und der Kommunalpolitik tätig zu sein. Zuletzt sass er ab 2020 für die Kleinstpartei «Solidarität für Duisburg» im Stadtrat, durfte aber wegen formaler Gründe 2025 nicht erneut antreten. Für dieses lange Engagement wurde er nun ausgezeichnet.Die Kurdische Gemeinde Deutschland zeigte sich «fassungslos» über die Ehrung, die Grünen-Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor sprach von einem problematischen gesellschaftlichen Signal. Der Islamismus-Experte Eren Güvercin sagte der NZZ, Sipahi mache aus seinen Positionen «kein Hehl». An den SPD-Oberbürgermeister Link gerichtet, fragte er: «Ist das Unwissen, Naivität oder Ignoranz? Zur Abwechslung sollten manche Parteien eine Brandmauer zu türkischstämmigen Extremisten fordern.»Die Stadt Duisburg gibt sich defensiv. Gemäss «NRZ» hiess es, Sipahi habe lediglich die «formalen Voraussetzungen» erfüllt und deswegen das Wappen erhalten. Eine «politische Würdigung von Meinungen» sei das nicht. Offenbar ist die Entscheidung zu seiner Würdigung einstimmig im Stadtrat gefallen, in dem die SPD die stärkste Fraktion stellt, aber auch die AfD vertreten ist.Gerade der SPD wird immer wieder vorgeworfen, ein problematisches Verhältnis zu rechtsextremen und islamistischen Strukturen der türkischen Diaspora zu haben. Dafür gibt es viele Beispiele. So kandidierten etwa 2024 in Baden-Württemberg mehrere Personen aus dem Umfeld der Grauen Wölfe für die SPD auf kommunaler Ebene. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Nils Schmid nahm im selben Jahr an einem Fastenbrechen eines Graue-Wölfe-Vereins teil. Sein Bundestagskollege Helge Lindh traf sich Berichten gemäss in Wuppertal zwischen 2020 und 2024 achtmal mit türkischstämmigen Islamisten und Rechtsextremen. Und in Hamburg feierte ein SPD-Landespolitiker Ende vergangenen Jahres beim islamistischen Verband Milli Görüs bei einem martialischen Festakt mit.Auch wegen solcher wiederholter Vorfälle warnte kürzlich der Brandenburger Innenminister davor, islamistische Bestrebungen auf kommunaler Ebene «blauäugig zu verharmlosen». Sein Parteifreund, der Berliner CDU-Innenexperte Burkard Dregger, sagte, in der SPD gebe es «mit wenigen Ausnahmen keine ausreichende Abgrenzung von islamistischen Bestrebungen». Bereits im vergangenen Jahr hatte Güner Balci, Integrationsbeauftragte im Berliner Problemstadtteil Neukölln, gesagt: «Teile der SPD wollen nicht, dass islamistische Strukturen bekämpft werden.»Passend zum Artikel