Elon Musk will zum Mars. Einen Zwischenstopp aber möchte er mit seinem Unternehmen SpaceX am Freitag noch einlegen: das digitale Parkett der New Yorker Börse Nasdaq. Das nötige Kapital für die Erschließung eines neuen Planeten steuert selbst der reichste Mensch der Welt nicht einfach selbst bei, vielmehr sollen alle daran teilhaben können. Oder eben mit dafür ins Risiko gehen, beides gehört schließlich zusammen.Was SpaceX außer dem von so vielen schon erträumten Sprung zum Roten Planeten noch alles plant, hat das Unternehmen im Wertpapierprospekt festgehalten. Dieses oft mehrere Hundert Seiten fassende Dokument muss vor dem Börsengang bei der Aufsicht eingereicht werden und ist auch der breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Es klärt potentielle Anleger über das Unternehmen auf, über seine Geschäfte, seine Bilanz. Risiken müssen benannt und Details zu den Aktien geklärt werden.Normalerweise ist das ziemlich trockene Kost, seitenweise Finanzmarktfachtermini, Buchführungsabkürzungen und juristisch wohlüberlegte Formulierungen, um stets auf der sicheren Seite zu sein. Bei SpaceX ist es anders. Eine ganze Liste an Zielen und Ankündigungen liest sich, als kämen sie direkt aus der Science-Fiction. Dazwischen finden sich zwar die bekannten Tabellen, Zahlenkolonnen und Steuercodes. Neben Ausführungen, welche Rechte mit dem Eigentum von Aktien der Klasse A und B einhergehen, findet sich aber auch ein festgelegter Bonus für Elon Musk für den Fall, dass SpaceX eine Marskolonie mit einer Million Einwohnern errichtet und eine Marktkapitalisierung von 7,5 Billionen Dollar erreicht. Er umfasst eine Milliarde Stück der B-Aktie mit je zehn Stimmrechten.Die gesamte Leistung der Sonne nutzenGroßspurige Ziele sind bei einem Börsengang nichts völlig Neues, die Aktien sollen schließlich Käufer finden. Für Elon Musk gilt das ebenso, bereits als Tesla-Chef ließ er Investoren immer wieder durch schier unerreichbare Wachstumsziele aufhorchen. Mit dem Börsengang von SpaceX treibt er das aber zu neuen Höhen.Neben der Mars-Millionenstadt soll auch eine permanente Basis auf dem Mond geschaffen werden. Die Technik des Unternehmens werde zu neuen Billionen-Dollar-Märkten auf dem Erdtrabanten, dem Mars und darüber hinaus führen. Grenzen seien nicht in Sicht: „Wir glauben, dass der nächste Paradigmenwechsel für die Menschheit die Schaffung einer resilienten, stetig expandierenden, den Weltraum bereisenden (im Original: spacefaring) Zivilisation sein wird.“Ziel sei es, die Menschheit in die Lage zu versetzen, die gesamte Leistung der Sonne zu nutzen, 3,86 · 10²⁶ Watt. Nur etwa 0,000000045 Prozent davon erreichen die Erde. Die gegenwärtig genutzte Leistung der Menschheit beträgt laut Schätzungen circa 19 Terawatt. Das ist wiederum weniger als ein Prozent der Sonnenenergie, die auf der Erde ankommt. Das Ziel bedeutet also, 20 Billionen Mal so viel Energie wie heute zu produzieren und zu nutzen. Ein Energieunternehmen, man könnte es fast vergessen, ist SpaceX nicht.Science mit oder ohne FictionIn den 1960er-Jahren kam der sowjetische Astronom Nikolai Kardaschow auf die Idee, außerirdische Zivilisationen nach ihrer Energienutzung zu kategorisieren. Die gesamte Leistung des eigenen Zentralgestirns nutzbar zu machen, wird nach ihm Kardaschow-Typ-II-Zivilisation genannt und tauchte unter diesem Schlagwort bisher eher in Science-Fiction-Romanen denn in Börsenprospekten auf.Andere Ziele klingen dagegen mittlerweile nach ganz normalen futuristischen Verheißungen. Mithilfe Künstlicher Intelligenz sollen Systeme zur menschlichen „Augmentation“ entwickelt werden, um Vernunft, Kreativität und Produktivität zu multiplizieren. KI-Rechenzentren sollen ebenso in den Orbit verlegt werden wie Materialien- oder Medikamentenfertigungsstätten, die die geringe Schwerkraft produktiv nutzen können.Die Geschwindigkeit der SpaceX-Raketen soll nicht bloß den Raumfahrern vorbehalten bleiben, sie könnten schließlich auch zwei Orte auf der Erde verbinden. Die Ressourcen für all das sollen nicht nur von der Erde kommen, Asteroiden könnten ebenso die nötigen Minen beherbergen. Ein elektromagnetisches Beschleunigungssystem auf der Mondoberfläche, das Last ohne Raketen in dessen Orbit schießt, soll die neue Mondökonomie in Gang bringen.Eine Frage des AdressatenSpaceX ist ein innovatives Unternehmen, das technisch Beeindruckendes vollbringt – und das wesentlich ökonomischer als bisherige Raketensysteme. Der Prospekt zeigt, dass die Aktie sich aber längst nicht nur an professionelle Investoren richtet, die aus der Überzeugung handeln, in ein zukunftsweisendes Unternehmen zu investieren. Er adressiert offenbar auch ein Publikum als Fans oder Anhänger, das vermutlich nicht mit Umsatzzahlen, Gewinn vor Steuern und Zinsen und einem Businessplan zu begeistern ist, wohl aber mit Ankündigungen, die es aus der Science-Fiction kennt.Beim geplanten bisher größten Börsengang der Geschichte will SpaceX 75 Milliarden Dollar einnehmen. Auf 135 Dollar ist der Ausgabekurs je Aktie festgelegt. Bis zu 30 Prozent der Papiere sollen an Privatanleger gehen, ein ungewöhnlich hoher Anteil. In Deutschland können, auch das ein Novum bei einem amerikanischen Börsengang, Privatanleger etwa über Trade Republic und Flatex Aktien zeichnen.An den Unternehmensentscheidungen beteiligt werden die Aktionäre, professionelle Anleger wie auch Privatanleger, ohnehin nicht wie sonst üblich. Das geht aus dem Prospekt hervor. Über die erwähnten Klasse-B-Papiere behält Musk auch weiterhin die Kontrolle über das Unternehmen, trotz bald zahlreicher neuer Anteilseigner. Ob die auch, wenn es erst mal um ihr eigenes Geld geht, sich weiterhin von großspurigen Science-Fiction-Ankündigungen beeindrucken lassen, wird sich zeigen.