Kratzige Karos, Gespenster und eiskalte Räume: Wer in Schottland den Spuren der britischen Royals folgt, merkt schnell, dass das Leben als Schlossherr nicht nur glamourös ist. Der Überfluss blitzt trotzdem auf – spätestens dort, wo ein Mann in Vollzeit das Tafelsilber poliert.Buckingham Palace und Schloss Windsor in der Nähe von London gelten zwar als die wichtigsten Residenzen der britischen Monarchie. Ähnlich bedeutend, historisch wie emotional, ist für die Königsfamilie jedoch ein kleines Schloss hoch oben im Norden: Balmoral.Hier, auf ihrem schottischen Privatsitz, verbringen die Royals jedes Jahr ihren ausgedehnten Sommerurlaub von August bis Oktober. Hier empfangen sie im familiären Kreis besondere Gäste aus dem In- und Ausland. Hier war es auch, wo Königin Elizabeth im September 2022 starb. Das Gute: Zwischen Ende März und Anfang August öffnet Balmoral seine schmiedeeisernen Tore auch für die Öffentlichkeit. Allerdings beschränkt sich der Zugang auf die Gartenanlagen. Die Räume sind nicht zu sehen, da es sich um ein privates Heim handelt. Einzige Ausnahme ist der Ballsaal, in dem in diesem Jahr eine Ausstellung zu Ehren von Königin Elizabeths 100. Geburtstag gezeigt wird.Der Besuch lohnt sich unbedingt, nicht nur, weil hier regelmäßig echte Monarchen verkehren. Sondern auch, weil das Schloss wunderschön in einer Berglandschaft zwischen den Städtchen Ballater und Braemar am wild rauschenden Fluss Dee liegt. Schottland, das Land der kratzigen Karos und ulkig frisierten Hochlandrindern, ist ohnehin längst zu einem Pilgerziel für Fans königlicher Stätten geworden. Außer Balmoral sind zu nennen: der picobello restaurierte königliche Amtssitz Holyroodhouse in Edinburgh und die ausgemusterte Yacht „Britannia“ im Hafen von Leith; die kleine königliche Whisky-Brennerei Lochnagar, die schon Königin Victoria mit Hochprozentigem versorgte, praktischerweise gleich neben Balmoral gelegen; und schließlich eine der geschichtsträchtigsten Burgen, die man sich überhaupt vorstellen kann, das großartige Glamis Castle, das sogar eine Rolle in Shakespeares Tragödie „Macbeth“ spielte. Alles nah beieinander gelegen, ideal für eine Rundreise.Selbstlosigkeit des MonarchenIn den Außenanlagen von Balmoral sieht man bereits die Handschrift des neuen Hausherrn: Charles hat neue Gärten und einen Wanderpfad anlegen lassen sowie an der Westseite des großen Rasens, wo sich die königliche Familie oft beim Picknick fotografieren ließ, eine Allee aus Birken und Ahornbäumen. Im Herbst soll daraus eine farbenfrohe Promenade entstehen, die dem berühmten Laubfeuerwerk Neuenglands Konkurrenz macht. Lesen Sie auchCharles vollendet damit die Landschaftsgestaltung seines deutschen Vorfahren Prinz Albert, der an der gegenüberliegenden Rasenseite hohe Bäume pflanzen ließ. Zugleich sind Gärten und Natur längst zu einem Markenzeichen des Königs geworden. Wo andere Staatsoberhäupter wie in Washington überdimensionierte Triumphbögen und Ballsäle planen, pflanzt der 77 Jahre alte britische Monarch Bäume. Nicht zuletzt zeugt das Vorhaben von selbstloser Weitsicht: Bis die jungen Bäume ihre volle Pracht erreicht haben, werden Jahrzehnte vergehen. Profitieren werden die nachfolgenden Generationen. Die große Liebe der britischen Königsfamilie zu Schottland ist noch nicht so alt, wie man vielleicht vermutet. Sie begann erst mit Königin Victoria in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie und ihr deutscher Mann Albert zeigten sich vernarrt in die kargen Landschaften, eigenwilligen Traditionen und rauen Menschen dieses Teils des Vereinigten Königreichs. Aus Londoner Sicht war Schottland damals ein entlegener Winkel der bekannten Welt, ein höchst exotischer Ort. Diese Exotik lässt sich bis heute nachvollziehen, wenn man die schrillen Töne des Dudelsacks hört. Er gilt vielen nicht als Musik-, sondern als Kriegsinstrument und wurde in Schlachten tatsächlich zur Einschüchterung des Feindes gespielt.Dass Victoria Dudelsackspieler zu Festen in eben jenen Ballsaal einlud, den man heute besichtigen kann, ist trotz der Launenhaftigkeit der Königin wohl als lokalpatriotische Geste zu verstehen und nicht als Bedrohung der Gäste. Das Landgut Balmoral liegt in den östlichen Grampian Mountains auf der Nordseite des über 1100 Meter hohen Bergs Lochnagar. Man hat das Gefühl, dass die Treuhänder des Earl of Fife die Königin über den Tisch gezogen haben, als sie Victoria den Besitz 1852 verkauften.Elf Monate im Jahr herrscht FrostgefahrDer Boden ist nahezu ungeeignet für landwirtschaftliche Nutzung. Die sieben Gärtner, die sich heutzutage darum kümmern, tragen jedes Jahr 20 Tonnen Kompost auf und haben fünf Glashäuser errichtet, um Kartoffeln, Rote Bete, Fenchel und Estragon für die Küche sowie Blumen für die Zimmer und Säle ernten zu können.Elf Monate im Jahr herrscht Frostgefahr, nur im August nicht. Charles gibt deshalb zum Wohnen schon seit Jugendtagen dem kleineren Anwesen Birkhall den Vorzug gegenüber Balmoral. Es ist gemütlicher und lässt sich besser beheizen.Wie krass das Mikroklima ist, merkt man beim Besuch: Während nur eine halbe Stunde entfernt im „Douneside House“, dem zum charmanten Landhotel umgebauten Familiensitz der MacRoberts, das auch schon Charles beehrte, bei milden 21 Grad der Rhododendron blüht, liegt über Balmoral Castle ein grauer Himmel, und die Glockenblumen schwanken im eiskalten Wind. Da bietet sich zum Aufwärmen beim Nachbarn ein Whisky an. Die Brennerei Lochnagar liegt nur ein kleines Stück den Weg hinauf vom Schlosseingang. Dreimal ist sie abgebrannt, angeblich, weil die Alkoholproduktion den strenggläubigen Dorfbewohnern nicht passte. 1845 wurde sie ein viertes Mal errichtet – und steht bis heute.Lesen Sie auchDass der vierte Versuch gelang, hing auch damit zusammen, dass der Destillerie-Inhaber alsbald die neuen Nachbarn, die Königin und ihren Ehemann, zu einer Besichtigung mit Verkostung einlud. Man kann das heute nachahmen, sowohl den Rundgang durch die Brennerei, als auch den Probetrank. Touren werden regelmäßig angeboten.Der zwölf Jahre alte Single Malt von Royal Lochnagar schmeckt sanft und gefällig, ohne Spuren von Torf, gebraut aus dem Wasser des gleichnamigen Bergs. Königin Victoria zeigte sich davon so begeistert, dass sie der Brennerei den Status des Hoflieferanten verlieh. Er gilt bis heute. Vor allem Prinz Philip, Charles’ Vater, soll der Tropfen aus der Nachbarschaft ein Trost im harten Leben eines Blaublütigen gewesen sein. Von seinem Sohn ist das nicht überliefert.Anders als Balmoral ist die offizielle Residenz des Monarchen in Schottland auch von innen zu besichtigen: das am östlichen Ende der Königlichen Meile in Edinburgh gelegene Holyroodhouse. Verlässlich kann man den König hier in der sogenannten Royal Week zur Jahresmitte sehen, wenn er auf dem Rasen eine Teeparty für 5000 Gäste gibt. 15.000 Tassen Tee, drei pro Gast, werden serviert, aber kein Whisky, und alle im Schloss müssen mithelfen, auch diejenigen, die wie Guide Rosie im dunkelgrünen Schottenrock sonst nur Touristen durch die vierflügelige Anlage begleiten. Die Führungen durch Holyroodhouse befassen sich im Wesentlichen mit der ersten Etage, einer Abfolge von Prunksälen und Schauzimmern in bemerkenswert perfektem Zustand. Wer andere Königsschlösser Europas kennt, weiß um deren, vornehm ausgedrückt, elegante Vernachlässigung. Der Unterhalt solcher denkmalgeschützter Immobilien kostet schließlich ein Vermögen. Da knirscht der Boden, die Farbe blättert ab, einzelne Steckdosen hängen aus der Wand.Vollzeitjob Tafelsilber polierenNicht so in Holyroodhouse, bezahlt aus Staatsmitteln. Alles ist auf bestem Stand, vom gewachsten und gebürsteten Parkett bis zum Kronleuchter, von den tennisplatzgroßen Teppichen bis zu den atemberaubend schönen Stuckdecken. Das Tafelsilber, nicht weniger als 3000 Teile, poliert ein Mann in Vollzeit. Die beiden spannendsten Räume sind die „Apartments“ der berühmten schottischen Königin Mary, die hier sechs Jahre lang lebte, bevor sie auf Befehl ihrer englischen Cousine Elizabeth I. hingerichtet wurde. Zu sehen sind Marys Schmuck, Geldbörsen und sogar angeblich eine Locke ihres Haares. Die sagenumwobene Figur aus dem 16. Jahrhundert wirkt so greifbar und nah wie kaum irgendwo sonst. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen Zu Gast war Mary, Queen of Scots, auch auf Glamis Castle, knapp zwei Autostunden von Edinburgh entfernt. Eine lange Allee führt hinab zu der rot schimmernden Burg, die mit ihren wuchtigen Türmen und Zinnen so drohend am Fuß des Hügels sitzt, als habe „Game of Thrones“ hier schon vor Jahrhunderten die ideale Kulisse gefunden.Kein Wunder, dass Shakespeare seinen blutrünstigen „Macbeth“ zum Grafen von Glamis machte. Damals, Anfang des 17. Jahrhunderts, hatte gerade James I. den englischen Thron bestiegen, 13 Generationen vor Charles. Charles’ Großmutter Elizabeth Bowes-Lyon, besser bekannt als Queen Mum, wuchs auf Glamis als Tochter des 14. Earl of Strathmore and Kinghorne auf. Was muss sie als Kind gefroren haben! Selbst bei der Besichtigung an einem sonnigen Spätfrühlingstag klappern den Besuchern im Inneren nachgerade die Zähne.Frische elf Grad herrschen zwischen den meterdicken Mauern. Man hätte einen karierten Schottenpullover überziehen sollen. Im Winter liegt die Innentemperatur sogar nur bei fünf Grad, erzählt Führerin Lynne, die dank ihrer Ortskenntnis mit dicker Daunenjacke gekommen ist. Nur wenige Räume sind beheizt. Natürlich spukt es in Glamis, wie könnte es in Schottland anders sein? Selbst der Teufel soll schon an die Tür geklopft und einen spielsüchtigen Ahnen des Burgherrn neben der Krypta in die Wand gemauert haben.Die hauseigenen Gespenster nervenDort spielt der Mann angeblich noch immer mit seinen Karten. So kann man festhalten: Es ist kein Vergnügen, im britischen Hochadel aufzuwachsen. Entweder es ist eiskalt im Zimmer, oder die hauseigenen Gespenster nerven. Man kann nachvollziehen, dass Queen Mums Tochter, die spätere Königin Elizabeth II., nicht allzu viel Zeit auf Glamis verbrachte. Ihr Lieblingsdomizil lag ohnehin nicht auf festem Boden, sondern hatte drei Masten, fünf Decks und war hochseetauglich: die königliche Yacht „Britannia“.Auf ihr konnten sie und ihre Familie in die warmen Gefilde des Commonwealth segeln, nach Barbados, Sri Lanka, Australien. Tränen flossen, als die Labour-Regierung unter Tony Blair kalten Herzens beschloss, die Yacht nach mehr als 1000 Reisen am 11. Dezember 1997 außer Dienst zu stellen. Der Vorteil ist, dass nun auch die Öffentlichkeit an Bord des eleganten Schiffes gehen kann. Es liegt als schwimmendes Museum in Leith, dem Hafen von Edinburgh.Zu sehen sind die erstaunlich schmalen Betten in den getrennten Schlafkabinen von Elizabeth und Prinz Philip (definitiv keine Queen-Size-Betten), der Salon mit Flügel und Kamin, in dem schon Ronald und Nancy Reagan tanzten, die Kombüse, die Etagenbetten der Besatzung und selbst das Klo des Admirals. Hier und da sind auf den Decks Plüsch-Corgis platziert – die knuffig-kurzbeinigen Corgis waren die Lieblingshunde der Queen. Lesen Sie auchWenn man Glück hat und an Bord die Archivarin Eavey Hacker trifft, zeigt sie einem vielleicht sogar einige alte Speisekarten. So liest man unter dem goldenen Siegel der Königin, dass es am 28. Mai 1965 unter anderem Folgendes zu essen gab: Spargelcremesuppe, Lachs nach Balmoral-Art, Rinderfilet mit grünen Bohnen und neuen Kartoffeln in Butter, zum Nachtisch eine Eisbombe.An jenem Tag lag die „Britannia“ während eines Staatsbesuchs in Hamburg. Laut Wetterbericht war es teils bewölkt, teils sonnig bei 18 Grad. Alles in allem also ein heiterer Tag, und kein Grund für die Monarchin, zu frieren. Tipps und Informationen:Wie kommt man hin? Flüge nach Edinburgh nonstop mit Lufthansa; British Airways fliegt via London, KLM über Amsterdam nach Edinburgh und Aberdeen. Obligatorisch ist die elektronische Einreisegenehmigung ETA: gov.uk/etaWo wohnt man gut? „Douneside House“ in Tarland nahe Balmoral mit gutem Restaurant und schönem Garten, DZ ab 250 Euro, dounesidehouse.co.uk. Das Hotel „Fingal“ ist ein ausgemustertes, luxuriös ausgestattetes Schiff im Hafen von Edinburgh, fünf Minuten von der Yacht „Britannia“ entfernt, DZ ab 380 Euro, fingal.co.uk. Sehenswertes: Holyroodhouse (rct.uk/visit), Glamis Castle (glamis-castle.co.uk) und die „Britannia“ (royalyachtbritannia.co.uk) sind alle auch von innen zu besichtigen. In Balmoral (balmoralcastle.com) ist neben den Gärten nur der Ballsaal zugänglich, wo gerade eine Ausstellung zu Ehren von Queen Elizabeth II. gezeigt wird. Touren durch die Whisky-Brennerei Lochnagar: malts.com/en/royal-lochnagarWeitere Infos: visitscotland.com Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Scotland. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit
Schottland-Reise: Wo die Royals Urlaub machen, Whisky trinken und frieren - WELT
Kratzige Karos, Gespenster und unterheizte Räume: Auf den Spuren der Royals im Land der Highlands zeigt sich, dass das Leben als Schlossherr nicht nur glamourös ist. Und doch blitzt natürlich der Überfluss auf – etwa, wenn das Tafelsilber in Vollzeit poliert wird.
König Charles hat seit 2022 die schottische Sommerresidenz Balmoral mit neuen Gärten und einer Birken-Allee erweitert. Die Investitionen für die Landschaftsgestaltung folgen einer mehrere Jahrzehnte andauernden Vision, die künftige Generationen unterstützt.







