Holzvertäfelte Wände, ein gelblich gealterter Linoleumboden und ein muffiger Geruch, der in der Luft hängt. Die alte Sporthalle der Paul-Hindemith-Schule ist an diesem Freitagabend der Treffpunkt von rund 60 Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren. Neben dem Quietschen der Hallenschuhe hört man lautes Geschrei und immer wieder das Geräusch eines Balls, der im Tornetz landet. Ein Trick hier, ein Trick da – alles, um das Publikum zu begeistern und als Sieger vom Platz zu gehen. Jeden Freitag veranstaltet die Sportjugend Frankfurt den Mitternachtssport. Insgesamt sind heute elf Mannschaften mit jeweils fünf Spielern dabei, die gegeneinander antreten.Aus Problemfällen werden TeamleiterDie Sportjugend Frankfurt organisiert schon seit 1997 Fußballturniere zur Mitternachtsstunde in verschiedenen Stadtteilen Frankfurts. Hier kommen junge Menschen zusammen, egal ob sie noch zur Schule gehen, studieren oder in der Lehre sind. Was sie alle verbindet, ist der Fußball. Er ist ein wesentlicher Teil des wöchentlich stattfindenden Mitternachtssports und sorgt für Gemeinschaft, fördert Fairness, gibt den Jugendlichen die Möglichkeit, sich im Wettkampf auszuprobieren und sich zu messen. „Wir sind nicht nur beim Spiel Anlaufstelle; viele Jugendliche haben Probleme in der Schule, Probleme in der Lehre oder im Elternhaus – da sind wir auch Ansprechpartner“, erzählt Michael Schrimpf. Er leitet den Mitternachtssport.Man wolle den Jugendlichen einen Raum geben, in dem sie wahrgenommen werden und sich zugehörig fühlen können, der aber nach festen Regeln funktioniert, an die sich die Teilnehmenden halten müssen. Außerdem gehe es darum, „dass die an einem Freitagabend nicht irgendwo in der Stadt rumlungern“, meint Dirk Ibenthal, der ebenfalls für die Sportjugend arbeitet.„Wir sind auch Ansprechpartner“: die Jugendlichen bei einem SpielprivatDamit solche Abende funktionieren, setzt die Sportjugend auf ein Team aus mehreren Menschen. An diesem Abend sind es sieben, die je nach ihrer Qualifikation eingesetzt werden. Sie organisieren und koordinieren den gesamten Ablauf – sie bereiten die Halle vor, sie durchsuchen Taschen am Einlass, sie pfeifen die Spiele als Schiedsrichter und leiten das Turnier, sie verteilen Wasser und Obst an die Spieler.Zum Team des Mitternachtssports zählen mittlerweile auch ehemalige Teilnehmer, die als Jugendliche selbst teilgenommen haben. Dazu gehört auch der ein oder andere „Problemfall“, wie Michael Schrimpf sie liebevoll nennt. Er findet es „schön, dass Jugendliche, die vielleicht an der ein oder anderen Stelle angeeckt sind, heute als Übungsleiter tätig sind oder auch als Teamleiter, für eine Veranstaltung an einem Abend komplett verantwortlich sind.“Neun Jahre ist es her, dass Rian das erste Mal am Mitternachtssport teilgenommen hat, damals noch selbst als Spieler. „Party war nie so eine Option für mich“, denn er habe lieber seinen Freitagabend beim Fußballspielen mit Freunden verbracht. Früher sei er ein „bekannter Unruhestifter“ gewesen, wie er selbst sagt. Durch den Mitternachtssport habe er gelernt, Disziplin zu entwickeln und sich an Regeln zu halten. Heute geht der Unruhestifter von einst mit gutem Beispiel voran und verkörpert die Werte, auf die es beim Mitternachtssport ankommt: gemeinsamen Spaß am Spiel, einen fairen Umgang und das Einhalten der Regeln.Sport und Bewegung ohne LeistungsdruckDas Konzept ist mittlerweile in mehreren deutschen Großstädten wie Berlin, Köln und Hamburg etabliert. Die Idee ist überall die gleiche: ein offenes und kostenloses Angebot für junge Heranwachsende, in dessen Mittelpunkt Sport und Bewegung stehen, das ohne Leistungsdruck und nach einem einfachen Regelwerk funktioniert. „Viele der Jugendlichen kennen bestimmte Regeln nicht. Wir versuchen ihnen einen Rahmen zu geben an diesem Abend, in dem sie sich drin bewegen können“, erklärt Leiter Schrimpf. Trotzdem sei der Mitternachtssport über die letzten Jahre ruhiger geworden, von den „Revierkämpfen“ der verschiedenen Stadtteile von damals sei kaum noch etwas zu bemerken, erzählt der Bereichsleiter.An diesem Abend scheint er mit dieser Einschätzung nicht ganz richtig zu liegen, denn nach einem Foulspiel geraten zwei Spieler aneinander. Die Situation scheint sich von selbst geklärt zu haben, doch nach dem Spielabpfiff kommt es wieder zur Rudelbildung der beiden gegnerischen Teams. Erst durch das Einschreiten von Schrimpf und seinem Team kann die Situation beruhigt werden, und die beiden Streithähne geben sich schließlich die Hand. Auch deswegen, weil „der Nachtsport mit der Zeit deutlich professioneller geworden ist und auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingegangen ist“, meint Daniel, der als Teamleiter für diesen Abend verantwortlich ist.Von Erste-Hilfe-Kursen bis hin zu Fortbildungen im Bereich Gewaltprävention durchlaufen die Übungsleiter des Mitternachtssports regelmäßige Schulungen, um die jungen Erwachsenen bestmöglich zu unterstützen. Das ist nur möglich, weil die Stadt das Projekt fördert. Finanziert wird der Mitternachtssport nämlich durch einen jährlichen Zuschuss von rund 80.000 Euro aus Sportfördermitteln. Dass die Förderung so schnell nicht aufhören wird, da ist sich Leiter Schrimpf sicher; trotzdem sei es in Zukunft wichtig, das Angebot weiter zu etablieren und auszuweiten.Vor allem in den sozialen Medien soll der Mitternachtssport präsenter werden und so mehr Teilnehmende gewinnen. Früher habe es noch mehr Veranstaltungen zur Mitternachtsstunde gegeben, was damit zusammenhänge, dass die Teilnehmerzahl in Summe geringer geworden sei. Wichtig ist für Michael Schrimpf aber auch, „dass die Teilnehmer am Ende sagen: ‚Klasse Veranstaltung!‘“ und dann wiederkommen.
Jugendfußball in Frankfurt: „Viele kennen bestimmte Regeln nicht“
Jeden Freitag treffen sich in Frankfurt junge Menschen zum Fußballspielen. Die Stadt fördert den „Mitternachtssport“ und seine Organisatoren. Weil sie so hofft, die Jugend von der Straße fernzuhalten.






