Ist die Zeit der Stars in München vorbei?Die Bayerische Staatsoper verpflichtet den bis anhin wenig bekannten Tschechen Petr Popelka als neuen Generalmusikdirektor – mit der Personalie geht das Haus eine riskante Wette auf die Zukunft ein.Marco Frei, München12.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer tschechische Dirigent Petr Popelka.Geoffroy Schied / Bayerische StaatsoperSeit einiger Zeit kursierten die Gerüchte, jetzt ist es offiziell: Ab 2029 wirkt Petr Popelka als Generalmusikdirektor (GMD) an der Bayerischen Staatsoper. Der 40 Jahre alte Tscheche folgt auf Wladimir Jurowski, dessen Vertrag ausläuft. Bei einer kurzfristig anberaumten Medienkonferenz am Münchner Nationaltheater mit dem bayrischen Kunstminister Markus Blume, dem Intendanten der Staatsoper, Serge Dorny, und Petr Popelka wurde der Vertrag über zunächst fünf Jahre unterzeichnet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Personalie überrascht, weil der Name des Dirigenten bis anhin kaum geläufig ist. Popelka ist zudem vor allem im Konzertbereich in Erscheinung getreten. Als Chefdirigent leitet er seit 2024 die Wiener Symphoniker – das zweite Orchester der Stadt, immer ein wenig im Schatten der weltberühmten Philharmoniker. Opern hat Popelka dagegen bislang nur vereinzelt dirigiert, unter anderem in Berlin, Dresden und im Theater an der Wien. In Zürich wird er in der kommenden Saison eine Wiederaufnahme von Verdis «Don Carlo» leiten. Was aber qualifiziert ihn für München?SchattengewächseAn der Bayerischen Staatsoper hat Popelka erst 2025 debütiert – sein kometenhafter Aufstieg zum GMD erscheint deshalb aussergewöhnlich. An der Medienkonferenz betonten Blume und Dorny, dass die Staatsoper nicht nur für Tradition stehe, sondern auch für Erneuerung. Dennoch kann man in der Berufung Popelkas einen Paradigmenwechsel sehen: Die Zeiten, in denen international angesehene Persönlichkeiten wie Wolfgang Sawallisch, Zubin Mehta, Kent Nagano oder Kirill Petrenko die musikalischen Geschicke des Hauses lenkten, sind offenbar vorbei.Selbst Jurowski war zum Zeitpunkt seiner Berufung bekannter und besass überdies einschlägige Erfahrungen im Musiktheater. Es war Dorny, der sich beim Kunstministerium für Popelka starkgemacht hat. Schon an der Opéra de Lyon, wo Dorny zuvor als Intendant wirkte, hatte er auf Schattengewächse gesetzt und beispielsweise Daniele Rustioni zum Musikdirektor gemacht. Rustioni ist in München unterdessen zum Ersten Gastdirigenten aufgestiegen.Die Idee, auch einmal weniger bekannte Namen zum Zuge kommen zu lassen, ist an sich löblich. Der Musikbetrieb braucht eine derartige Frischluftzufuhr, gerade bei der Vergabe von Spitzenämtern. Aber die Bayerische Staatsoper zählt zu den grössten und weltweit führenden Musiktheatern: Ein solches Haus muss gefüllt werden, und das gelingt in dieser Stadt nicht ohne Glanz und Prestige. Popelka ist gegenwärtig noch kein Publikumsmagnet – anders als etwa Joana Mallwitz, Pablo Heras-Casado, Nathalie Stutzmann oder Antonio Pappano, die allesamt ebenfalls im Gespräch für München waren und über deutlich mehr Opernerfahrung verfügen.Wette auf die ZukunftMan kann die Berufung Popelkas auch als bewusste Abwertung der GMD-Position deuten. Profitieren würde davon vor allem die Stellung des Intendanten. Mit einem musikalischen Leiter, der ihm verpflichtet ist, dürfte es Dorny bei Konflikten leichter haben. Zudem steht Mitte der 2030er Jahre eine Generalsanierung des Nationaltheaters an. Mit einem Newcomer ist ein solches mehrjähriges Interim im Zweifel einfacher zu bestreiten als mit einem Star.Im Staatsorchester wird Popelka dem Vernehmen nach mehrheitlich geschätzt. Er war selbst Kontrabassist, spielte bei der Sächsischen Staatskapelle, bevor sein Aufstieg als Dirigent begann. Bei den Musikern gilt er als «einer von uns». Der Beweis, dass Popelka der Spitzenposition künstlerisch gewachsen ist, muss dagegen erst erbracht werden. Es ist eine Wette auf die Zukunft, mit erheblichem Risiko. Denn entweder wird diese Berufung ein veritabler Coup für das Haus oder ein Prestigeverlust mit Ansage – mit allen kulturpolitischen Konsequenzen.Passend zum Artikel
Wette auf die Zukunft: Die Bayerische Staatsoper verpflichtet einen wenig bekannten Dirigenten als neuen Musikchef
Die Bayerische Staatsoper verpflichtet den bis anhin wenig bekannten Tschechen Petr Popelka als neuen Generalmusikdirektor – mit der Personalie geht das Haus eine riskante Wette auf die Zukunft ein.
Die Bayerische Staatsoper verpflichtet den bis anhin unbekannten tschechischen Dirigenten Petr Popelka ab 2029 als neuen Generalmusikdirektor mit fünfjährigem Vertrag. Der Bruch mit der Tradition international renommierter Führungspersönlichkeiten birgt erhebliche Risiken für das Prestige des Hauses, signalisiert aber auch eine bewusste Strategie der Erneuerung statt etablierter Namen.









