Der Lokführer, der auf der Simplonstrecke aus dem fahrenden Zug sprang – jetzt ist der Untersuchungsbericht daZwischen Brig und Domodossola geriet ein Güterzug der SBB ausser Kontrolle. Die Ursache war menschliches Versagen.12.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAuf der Strecke zwischen Brig und Domodossola (im Bild der Simplontunnel) konnte ein Lokführer im Jahr 2023 nicht bremsen.Dominic Steinmann / KeystoneAm frühen Morgen des 22. November 2023 spielten sich auf der Simplonstrecke dramatische Szenen ab. Ein Güterzug von SBB Cargo International befand sich auf der Fahrt von Brig nach Domodossola. Auf der Höhe der italienischen Ortschaft Preglia, wo das Gefälle von bis zu 25 Promille beginnt, setzte der Lokführer den Fahrdienstleiter darüber in Kenntnis, dass er den Zug nicht mehr zu bremsen vermöge. Er ersuchte darum, die Signale auf Grün zu stellen. Kurz darauf sprang der Lokführer bei einer Geschwindigkeit von rund 110 km/h aus dem Zug. Gegenüber der italienischen Tageszeitung «La Stampa» sagte er später, er habe befürchtet, dass der Zug entgleise.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wartende Passagiere leisteten dem SBB-Angestellten erste Hilfe. Er musste mit leichten Verletzungen ins Spital. Der führerlose Güterzug, bestehend aus einer Lokomotive und vier mit Sattelaufliegern beladenen Wagen, setzte seine Fahrt in Richtung Domodossola fort. Der Fahrdienstleiter leitete den Zug im Rangierbahnhof auf ein nicht elektrifiziertes Abstellgleis, wo er schliesslich vor dem Prellbock zum Stillstand kam. Einzig glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass keine grösseren Schäden entstanden.Vorschriften missachtetInzwischen hat die italienische Untersuchungsbehörde ihren Abschlussbericht vorgelegt. Dieser zeigt, dass menschliches Versagen für den schwerwiegenden Vorfall verantwortlich war. So versäumte es das Personal, das Ventil der pneumatischen Bremse der Lokomotive sowie des ersten Wagens zu öffnen. Zudem wurde vor der Abfahrt keine Bremsprobe durchgeführt. Auch nach der Abfahrt überprüfte das Personal nicht, ob die Druckluftbremse ordnungsgemäss funktionierte – eine Massnahme, die vor dem Befahren von Strecken mit starkem Gefälle wie der Simplonlinie vorgeschrieben ist.Die Unfalluntersuchungsstelle hat zuhanden der italienischen Agentur für Eisenbahn- und Strassensicherheit (Ansfisa) Empfehlungen formuliert. Sie soll sich dafür einsetzen, dass die Bahnunternehmen ihre Massnahmen für eine gute Sicherheitskultur evaluieren. Sie sollen ihr Sicherheitsmanagement sowie die Kontrolle des Personals überprüfen. Zudem sollen Behörden und Bahnen die Einführung von technischen Vorrichtungen forcieren, die verhindern, dass ein Zug bei falsch eingestellten Bremsventilen anfährt.Darüber hinaus regt der Abschlussbericht an, dass Italien mit der Schweiz ein neues Kooperationsabkommen schliesst. Dieses soll sicherstellen, dass Genehmigungen nach denselben Modalitäten erteilt werden, wie sie in den EU-Mitgliedstaaten Anwendung finden. Die grenzüberschreitende Simplonstrecke ist ein Spezialfall. Sie ist mit dem Schweizer Stromsystem elektrifiziert, für die Infrastruktur zeichnet jedoch die italienische Betreiberin verantwortlich.Ein Sprecher von SBB Cargo International sagt, der Abschlussbericht bestätige im Wesentlichen die eigenen Erkenntnisse. Bereits nach dem Vorfall habe das Unternehmen Massnahmen umgesetzt. Die Sicherheit entstehe im Zusammenspiel von Mensch, Organisation und Technik. Die internen Prozesse würden laufend weiterentwickelt und wenn nötig optimiert. Das Sicherheitsniveau bei SBB Cargo International sei generell hoch, und es komme selten zu Vorfällen.Digitale Kupplung lässt auf sich wartenDas Bundesamt für Verkehr (BAV) unterstützt die italienischen Empfehlungen, wie der Sprecher Andreas Windlinger sagt. Ein neues Abkommen für die grenzüberschreitenden Strecken mit Italien werde aber voraussichtlich erst möglich sein, wenn die Schweiz die Bilateralen III mit der Europäischen Union abgeschlossen habe.Auch auf technologischer Ebene dürfte sich vorderhand wenig bewegen. Das BAV befürwortet zwar die Einführung der Digitalen Automatischen Kupplung (DAK). Diese biete etliche Vorteile und trage auch dazu bei, die Sicherheit zu optimieren, sagt Windlinger. Das Schweizer Parlament hat beschlossen, den Einbau der DAK finanziell zu unterstützen. Allerdings ist die flächendeckende Einführung auf der Ebene der EU gemäss Windlinger gegenwärtig nicht gesichert.Passend zum Artikel
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Zwischen Brig und Domodossola geriet ein Güterzug der SBB ausser Kontrolle. Die Ursache war menschliches Versagen.









