Der Frieden lässt auf sich warten: Trumps grosser Plan für Gaza stockt – und die Palästinenser verlieren die HoffnungDer «Friedensrat» des amerikanischen Präsidenten kommt nicht vom Fleck, die Hamas stemmt sich gegen ihre Entwaffnung und Israel weitet seine Kontrolle aus. Im Gazastreifen herrscht Stillstand – darunter leiden insbesondere seine schwächsten Bewohner.Jonas Roth, Seham Tantesh, Gaza, Amjed Tantesh (Bilder), Gaza12.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Leben inmitten von Trümmern: Zwischen zerbombten Häusern in der Stadt Gaza hat eine Hilfsorganisation ein Flüchtlingslager errichtet.Abdel Kareem Hana / APYussef Abuharb hatte sich schon gefreut. Eine Lieferung mit Rollstühlen, Krücken und Gehhilfen war unterwegs in den Gazastreifen. Dort, wo Abuharb lebt und arbeitet, werden diese Dinge dringend gebraucht: im «Hope Smile Camp», einem Flüchtlingslager für Menschen mit Beeinträchtigungen in Deir al-Balah. «Im Krieg ist die Anzahl der Personen mit körperlichen Behinderungen aufgrund von Verletzungen stark angestiegen», sagt der 56-Jährige, der wegen einer Polio-Erkrankung in seiner Kindheit selbst eine Gehbehinderung hat. «Aber wir sind derzeit nicht in der Lage, ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Lastwagen mit den Rollstühlen sind bis heute nicht im Lager eingetroffen. Denn als der Konvoi einer humanitären Organisation Anfang Juni am Grenzübergang zum Gazastreifen ankam, entdeckten israelische Soldaten in einem der Fahrzeuge verbotene Schmuggelware. Nun steckt die Lieferung an der Grenze fest. Abuharb, der in der Verwaltung des Lagers tätig ist, kann nicht viel mehr tun, als weiter zu warten. «Die Situation in Gaza ist extrem schwierig», sagt er. «Insbesondere für beeinträchtigte Menschen.»Dabei hätte doch alles besser werden sollen: Acht Monate ist es her, seit der amerikanische Präsident Donald Trump einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas verkündete. Damals war die Rede von Wiederaufbau, von einer internationalen Schutztruppe, von einer Entwaffnung der Terrororganisation Hamas. Trump sprach bereits vom «ewigen Frieden», ganz vage war die Rede von einem palästinensischen Staat. Doch die Euphorie von damals ist verflogen. «Es herrscht nicht wirklich eine Waffenruhe», sagt Yussef Abuharb.Yussef Abuharb arbeitet im «Hope Smile Camp» für Menschen mit Beeinträchtigungen. Er setze sich schon seit Jahrzehnten für deren Rechte ein, sagt er.Dem Friedensrat fehlt das GeldTatsächlich vergeht kaum ein Tag ohne israelische Luftangriffe. In den vergangenen Wochen hat Israel etwa mehrere hochrangige Hamas-Kommandanten getötet. Doch immer wieder gibt es zivile Opfer. Laut der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seit Beginn des Waffenstillstands fast tausend Palästinenser getötet. Derweil halten sich die Islamisten der Hamas eisern und mit brutaler Gewalt an der Macht. Ein kürzlich erschienener Uno-Bericht legt Hunderte Fälle von Hinrichtungen oder Folter dar.Doch nicht nur das: Gemäss der damaligen Vereinbarung sollte Israel weiterhin 53 Prozent des Gazastreifens kontrollieren und sich danach schrittweise weiter zurückziehen. Es entstand die sogenannte «Gelbe Linie», die das kriegsversehrte Gebiet zweiteilte. Doch jüngst hat Israel seine Kontrolle ausgeweitet: Inzwischen hält die israelische Armee mehr als 60 Prozent des Gazastreifens, laut Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sollen es bald 70 Prozent sein. Damit will er die Hamas unter Druck setzen. Kritiker hingegen warnen erneut, Israel wolle Gaza besetzen und die Palästinenser vertreiben.Trumps Friedenspläne sind ins Stocken geraten – wenn nicht sogar zum Stillstand gekommen. Die internationale Stabilisierungstruppe existiert bis jetzt nur auf dem Papier. Das palästinensische Technokratenkomitee, das eigentlich die Verwaltung Gazas hätte übernehmen sollen, sitzt weiterhin in einem Hotel in Kairo fest. Und die Hamas weigert sich in den Verhandlungen weiterhin, ihre Waffen niederzulegen.Zudem ist offenbar kein Geld da: Zwar hatten zehn Mitgliedsstaaten von Trumps Friedensrat, dem sogenannten «Board of Peace», insgesamt 17 Milliarden Dollar versprochen, doch davon ist kaum etwas eingetroffen. Laut einer Recherche der «Financial Times» ist ein von der Weltbank eingerichteter Fonds leer. Nur auf einem Konto der Bank JP Morgan, für das keine Transparenzvorschriften gelten, sollen einige Spenden eingetroffen sein – in welcher Höhe und von wem, ist unbekannt.Etidal al-Farra hat schon seit ihrer Kindheit eine Sehschwäche. Zusammen mit ihrem Mann lebt sie in einem Zelt im «Hope Smile Camp».Rattenplage im Gazastreifen«Ich habe das Gefühl, dass die Welt bereits vergessen hat, was in Gaza passiert», sagt Etidal al-Farra. Die 54-jährige Englischlehrerin lebt ebenfalls im «Hope Smile Camp» für beeinträchtigte Personen. Schon seit ihrer Kindheit hat sie eine Sehschwäche. Doch aufgrund der Mangelernährung während des Krieges sehe sie nun noch schlechter, sagt sie. «Mir ist es egal, wer in Gaza regiert, solange sich unsere Lebensumstände verbessern.»Seit Beginn des Waffenstillstandes sei die Lage nur minim besser geworden, sagt Farra. Es gebe nun wieder mehr Lebensmittel. Doch bleibe vieles zu teuer, zumal sie kein Einkommen habe. Die meisten ihrer Mahlzeiten erhält sie in Strassenküchen, die von Hilfsorganisationen betrieben werden. Unterdessen ist im Gazastreifen eine Ratten- und Insektenplage ausgebrochen, die sich kaum eindämmen lässt. Oft fressen sich die Nager durch die Kartonschachteln mit Hilfsgütern. Zwar hat Israel in letzter Zeit vermehrt Lieferungen mit Rattengift und Mäusefallen nach Gaza erlaubt, doch gelöst ist das Problem bei weitem nicht.Noch immer beklagen Hilfsorganisationen, dass die Versorgung mit humanitären Hilfsgütern den Bedürfnissen nicht gerecht werde. Yussef Abuharb von der Verwaltung im «Hope Smile Camp» erklärt, es gebe einen grossen Mangel an medizinischer Ausrüstung, Hygieneartikeln und Nahrungsergänzungsmitteln. Israel sagt derweil, es lasse wie vereinbart täglich 600 Lastwagen mit humanitärer Hilfe nach Gaza passieren. Doch viele Güter, darunter Batterien und Chemikalien, unterliegen israelischen Beschränkungen, da sie von der Hamas zu kriegerischen Zwecken genutzt werden könnten. Immer wieder wird Israel dabei Willkür vorgeworfen.In seiner Kindheit erkrankte Yussef Abuharb (Zweiter von links) an Polio. Seither leidet er an einer Gehbehinderung.Trump ist mit Iran beschäftigtDie Frage stellt sich: Wie geht es weiter? Von israelischer Seite heisst es, alle weiteren Schritte in Trumps Friedensplan seien von der Entwaffnung der Hamas abhängig. Der palästinensische Friedensaktivist und Kommentator Samer Sinijlawi in Jerusalem hingegen sagt, das Problem reiche tiefer. «Das ist ein amerikanisches Projekt. Und die Amerikaner sind derzeit nur mit Iran beschäftigt. Der Einzige, der im Moment über die Situation in Gaza bestimmt, ist Netanyahu.» Aber dieser habe im Vorfeld der Wahlen kein Interesse daran, Kompromisse gegenüber den Palästinensern einzugehen.Donald Trump ist laut Sinijlawi der Einzige, der Bewegung in die Sache bringen könnte. Doch solange der amerikanische Präsident anderweitig beschäftigt sei, würden sich auch die anderen Mitgliedsstaaten im «Board of Peace» mit ihrem politischen und finanziellen Engagement zurückhalten. Auch die palästinensische Führung unter Präsident Mahmud Abbas sei tatenlos: «Abbas hat den Bezug zur politischen Realität völlig verloren. Er konzentriert sich nur auf seine eigene Macht.»Sinijlawi sagt, er glaube immer noch an Trump und sein Friedensprojekt. Wenn die Iran-Krise vorüber sei, würden die Amerikaner zurückkehren. «In Gaza kann Trump wirklich etwas erreichen, sein Vermächtnis aufbauen. Sein Friedensplan ist mehr als ein Projekt zum Wiederaufbau. Es ist eine strategische Investition in die Sicherheit Israels und die Stabilität im Nahen Osten.»Khaled Abunamos umarmt seine Tochter. Der 38-Jährige ist querschnittgelähmt. Im Rollstuhl kann er sich in der Trümmerlandschaft des Gazastreifens kaum unabhängig bewegen.«Ich hoffe, dass die Hamas ihre Waffen abgibt»Im Gazastreifen selbst wagen es allerdings nur die wenigsten, hoffnungsvoll zu sein. «Es fällt mir schwer, mir eine Zukunft im Gazastreifen vorzustellen. Alles ist zerstört», sagt Khaled Abunamos, der aufgrund einer Querschnittlähmung im Rollstuhl sitzt. Gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter hat auch er in einem Zelt im «Hope Smile Camp» Zuflucht gefunden. Die Situation sei schwierig: Er habe seine Arbeit verloren, zudem sei im Krieg sein elektrischer Rollstuhl zerstört worden. «Ich kann mich nicht mehr ohne Unterstützung bewegen.»Er sei nicht sehr gut über die politische Lage informiert, die Nachrichten verfolge er nur selten, sagt Abunamos. Doch er sehe derzeit eigentlich nur einen Ausweg: «Ich hoffe, dass die Hamas ihre Waffen abgibt.»Passend zum Artikel
Während Trumps Friedenspläne stocken, verlieren die Menschen in Gaza die Hoffnung
Der «Friedensrat» des amerikanischen Präsidenten kommt nicht vom Fleck, die Hamas stemmt sich gegen ihre Entwaffnung und Israel weitet seine Kontrolle aus. Im Gazastreifen herrscht Stillstand – darunter leiden insbesondere seine schwächsten Bewohner.
Trumps Gaza-Plan steckt fest: Israel erweitert Kontrolle auf 60 Prozent, Hamas verweigert Entwaffnung, 17 Milliarden versprochene Hilfen entfallen. Die diplomatische Sackgasse und fehlende internationale Finanzierung signalisieren Risiken für Supply Chains und ESG-Compliance.






