GastkommentarJan KapusnakWo die europäische Zivilisation begann und wo sie endet – Athen als Schule der MenschenverachtungÜber dem Krieg um Gaza, Libanon und Iran hat sich im Westen eine Kultur der Hetze gegen Israel breitgemacht, die nicht mehr von der Meinungsfreiheit gedeckt ist. Die Einstimmung in Phantasien von Tötung und Auslöschung bedeutet eine Normalisierung von Gewalt.12.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenVerherrlichung der Kampfgemeinschaft von Islamischer Republik und palästinensischer «Revolutionsbewegung». - Plakat in Athen.Jan KapusnakEine Reise nach Athen sollte für einen Bürger Israels ein wenig Abstand bieten: von den Sirenen, von der Angst und von den ständigen Explosionen, wenn der Iron Dome anfliegende Raketen abfängt – von einem Krieg, den man nicht einfach hinter sich lässt, wenn man ausser Landes fährt. Als eine der Wiegen der westlichen Zivilisation steht Athen für Kultur, Demokratie und Geschichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch in der griechischen Hauptstadt harzt es mit der Erinnerung an die hehren Werte Europas, sie verströmt dieser Tage eine irritierend andere Anmutung. In der Innenstadt finden sich an unzähligen Wänden, Laternenpfählen und Strassenecken propalästinensische Plakate, Aufkleber und Graffiti, die weit über Kritik an israelischer Politik hinausgehen. Es handelt sich um offene Verherrlichung gewalttätiger Gruppen, um Aufrufe zur Gewalt gegen Israeli und «Zionisten» sowie um eine Sprache, die jede anständige Gesellschaft als das erkennen sollte, was sie ist: Hetze.Normalisierung extremistischer GewaltÜberall in der Stadt sieht man Aufkleber und Graffiti mit Botschaften, die weit über politische Kritik hinausgehen. Wie: «Get your mental boost – kill a Zionist.» Auf einem anderen: «Save a life – kill a Zionist.» Man macht sich über Israeli lustig, indem man erklärt, wenn ein Israeli einen Kaffee bestelle, solle man ihm «einen Kaffee servieren» – eine eindeutige Anspielung darauf, ihm kochend heissen Kaffee ins Gesicht zu schütten. Auch sieht man Darstellungen, die den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu zeigen, wie er Adolf Hitler küsst – eine groteske moralische Verkehrung, in der Juden, die historischen Opfer Nazideutschlands, nun selbst als Nazis gelten sollen.Die Unfähigkeit – oder der Unwille –, Gut und Böse zu unterscheiden, gehört zu den moralischen Verwirrungen unserer Zeit.Es gibt auch Plakate, welche den Hizbullah, die Hamas, das Korps der Islamischen Revolutionswächter und die Volksfront zur Befreiung Palästinas verherrlichen. Einige der Gruppen, die an Athens Wänden gefeiert werden, stehen auf der Terrorliste der EU. Das ist bedeutsam. Denn Griechenland ist kein rechtsfreier Randbezirk, es ist ein Mitgliedstaat der Europäischen Union. Wenn solche Bewegungen im öffentlichen Raum einer europäischen Hauptstadt glorifiziert werden, ist das kein rebellischer Protest. Es ist die Normalisierung extremistischer Gewalt.Diese Gruppen sind keine «Widerstandsbewegungen» in irgendeinem einfachen oder auch edlen Sinn, was auch immer die Plakate behaupten mögen. Viele Palästinenser, Libanesen und Iraner hegen keinerlei Bewunderung für diese militanten Extremisten. Viele sehen in der Hamas, dem Hizbullah, den Revolutionswächtern der Mullahs und ähnlichen Gruppierungen wesentliche Quellen von Unterdrückung, Zerstörung, Korruption und Elend in ihren eigenen Gesellschaften. Sie aus der Sicherheit Europas heraus zu romantisieren, ist keine Solidarität mit den Völkern des Nahen Ostens. Es ist eine oberflächliche Ästhetisierung von Gewalt gegen Israel, verbunden mit Gleichgültigkeit gegenüber den vielen Arabern und Iranern, die unter ebendiesen Kräften leiden und gelitten haben.Meinungsfreiheit ist ein Grundpfeiler der Demokratie. Politische Rede, auch wenn sie hart oder verletzend ist, muss geschützt werden; Regierungen sollten nicht darüber entscheiden, welche Meinungen akzeptabel sind. In Griechenland, der Wiege der Demokratie, sollte man das besonders gut verstehen. Doch Meinungsfreiheit ist kein Freibrief für Hetze. Zum Mord aufzurufen, ist keine Meinung. Terrorgruppen zu verherrlichen, ist kein Widerstand. Gewalt gegen Israeli oder Juden als bewundernswert darzustellen, ist kein Aktivismus. Es ist menschenverachtende Aufstachelung.Dabei handelt es sich nicht um ein echtes Dilemma, so oft es auch als ein solches dargestellt wird. Selbst pauschale Anschuldigungen, israelische Soldaten seien Kriegsverbrecher, so hässlich oder entmenschlichend sie auch sein mögen, sind nicht dasselbe wie direkte Aufrufe zu Gewalt. Doch sobald Menschen offen zum Mord aufrufen, Gruppen feiern, die Zivilisten attackieren, und Antisemitismus in allen seinen ideologischen Spielarten pflegen, ist die Grenze eindeutig überschritten.Besonders bedrückend ist die Diskrepanz der Wahrnehmung. Wer direkt aus Israel nach Athen kommt, bringt den Krieg mit: die Sirenen, die Angst, die Anspannung, das Wissen, wie wenig abstrakt und brutal nah Gewalt ist. Für viele in Europa, die Israel aus der Ferne betrachten, bleibt Krieg etwas, das man auf Bildschirmen sieht und in politischen Kategorien diskutiert. Sie haben keinen Begriff vom Trauma, das mit Krieg einhergeht, auch wenn man nur Zivilist ist. Gewalttätige Parolen und die Verherrlichung des Terrors wirken daher nicht wie abstrakte Politik, sondern wie konkrete Gewaltandrohung.DoppelmoralGerade darin zeigt sich eine auffällige Heuchelei. In Europa wird gern ausgiebig und eingehend über Trauma, Verletzlichkeit und marginalisierte Erfahrungen gesprochen. Doch sobald es um israelische Angst oder jüdische Unsicherheit geht, schlägt Empathie gern in Skepsis um. Das, wofür andere Gruppen Anteilnahme ernten, wird bei Israeli schnell als Übertreibung oder politische Instrumentalisierung abgetan.Diese Doppelmoral verweist auf ein grösseres Problem. Der Antisemitismus nimmt wieder zu, oft verhüllt in der Sprache von Gerechtigkeit, Befreiung und Antikolonialismus. Doch Aufrufe, «Zionisten» zu ermorden, werden nicht weniger verbrecherisch, nur weil das Wort «Jude» ersetzt wurde. Die Grenze zwischen Antizionismus und Antisemitismus wird in dem Moment überschritten, in dem politische Feindseligkeit zur Lizenz wird, reale Menschen zu bedrohen, sie einzuschüchtern oder zu entmenschlichen.Man muss nicht jede israelische Politik unterstützen, man muss sich den Zionismus nicht zu eigen machen, um Aufrufe zur Gewalt gegen Zionisten als moralisch verkommen zurückzuweisen. Man muss die Sorge um das Schicksal der Palästinenser nicht aufgeben, um zu erkennen, dass das Feiern des Hizbullah, der Hamas oder der Revolutionswächter schändlich ist. Die Unfähigkeit – oder die Weigerung –, Gut und Böse zu unterscheiden, gehört zu den moralischen Verwirrungen unserer Zeit.Und es lohnt sich, klar zu benennen, was Zionismus ist: die Überzeugung, dass das jüdische Volk, so wie alle anderen Völker auch, ein Recht auf Selbstbestimmung hat. Wenn also «Zionisten sind nicht willkommen» zum Slogan wird, dann wird nicht nur eine politische Doktrin zurückgewiesen, sondern das Prinzip, dass Juden das Recht auf kollektive Würde, Sicherheit und nationale Existenz zusteht wie jedem anderen Volk. Besonders bitter ist, dass all dies in Europa geschieht – auf einem Kontinent, der einen bedeutenden Teil seiner moralischen Identität nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs auf dem Versprechen «Nie wieder» aufgebaut hat. Und doch wird Juden an zu vielen Orten weiterhin gepredigt, ihre nationale Existenz sei illegitim, ihr Trauma nicht überzeugend und Gewalt gegen sie politisch entschuldbar.Der in immer weiteren Kreisen systematisch praktizierte und öffentlich immer mehr akzeptierte Missbrauch der Meinungsfreiheit ist nichts anderes als moralische Kapitulation.Jan Kapusnak lebt als freier Autor in Tel Aviv und schreibt über den Nahen Osten, Israel sowie geopolitische Themen.Passend zum Artikel