Wie ausgebrannt unsere Krankenhäuser sind, macht eine Warnung von Gerald Gaß deutlich, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). „Da stellt sich ernsthaft die Frage, wie manche Kliniken Ende des Jahres beispielsweise Weihnachtsgeld bezahlen sollen“, sagt Gaß. Er kommentierte damit das Anfang Juni veröffentlichte Krankenhauskonjunkturbarometer. Dessen Zahlen alarmieren. Nur neun Prozent der Krankenhäuser können ihre laufenden Ausgaben demnach dauerhaft aus flüssigen Mitteln finanzieren. Bei den meisten aber reicht das Geld im Durchschnitt nur noch für sechs Wochen Betrieb.Wie ist es zu dem Finanzdesaster gekommen? Tjark Thies von der Kanzlei Reimer Rechtsanwälte hat viel Erfahrung mit Insolvenzen von Krankenhäusern und Pflegebetrieben. Ein wichtiger Grund für die finanzielle Schieflage ist laut dem Insolvenzverwalter die Explosion der Kosten für Energie, Material und Personal. Die Kosten würden schneller steigen als die Krankenhäuser höhere Vergütungssätze mit den Krankenkassen aushandeln könnten.Der Mangel an Fachkräften treibe die Personalkosten in die Höhe, 8000 Ärzte fehlten. „Kompetente Ärzte und zuverlässige Pfleger sind so rar und begehrt, dass sie sich ihre Arbeitgeber aussuchen und hohe Gehälter aushandeln können“, sagt Thies. Das hat Folgen. „Früher gab es bis zu drei Insolvenzen von Krankenhäusern im Jahr, doch seit 2022 ist die Zahl in die Höhe geschnellt“, sagt der Fachanwalt für Insolvenz- und Sanierungsrecht.Welche Kommunen und Träger können sich ihr Krankenhaus noch leisten?Verschärft wird die Situation durch die Krankenkassenreform. Der Insolvenzverwalter Stefan Denkhaus von der Kanzlei BRL warnt, dass das geplante Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge die Umsätze und die Ergebnisse der Krankenhäuser um fünf bis sechs Prozent sinken lassen werde. „Das dürfte über kurz oder lang zu weiteren Insolvenzen führen“, sagt Denkhaus, der Sprecher des Gravenbrucher Kreises der Insolvenzkanzleien ist. Betroffen seien vor allem kreisfreie Städte, Landkreise oder kirchliche und gemeinnützige Träger, die es sich nicht mehr leisten könnten, die Verluste ihrer Krankenhäuser auszugleichen.Personalintensiv und energieintensiv: Notaufnahme im St. Josefs-Hospital in Cloppenburg, Foto: Timo LutzDer Krankenhausmanager Ulrich Pelster erwartet ebenfalls negative Folgen durch die Gesetzesänderung. „Durch das Spargesetz bekommen Krankenhäuser von der gesetzlichen Krankenkasse weniger Geld für ihre Leistungen, ihre Kosten bleiben aber gleich“, sagt Pelster. Er ist Vorstandsvorsitzender der Schwester Euthymia Stiftung, die vier Krankenhäuser in Niedersachsen betreibt. Der katholische Klinikverbund gehört mit seinen 950 Betten und 3500 Mitarbeitern zu den wichtigsten Gesundheitsversorgern in der Region. Seine Kliniken in Vechta, Cloppenburg, Damme und Lohne behandeln auf ihren Stationen jährlich 48.000 Patienten und weitere 175.000 in ihren Ambulanzen.Kommunen müssen Krankenhäuser mit Milliarden stützenKirchliche und gemeinnützige Krankenhausträger wie die Euthymia Stiftung bilden neben kommunalen und privaten Krankenhäusern eine der drei Säulen des Krankenhaussystems in Deutschland. Ihre Finanzierung unterscheidet sich. „Kommunale Krankenhäuser erhalten schon jetzt hohe Zuschüsse von durchschnittlich 20.000 Euro pro Bett und Jahr, insgesamt rund fünf Milliarden Euro“, sagt Krankenhausmanager Pelster. Ein Teil dieser Zuschüsse fließe, weil die Landkreise gesetzlich verpflichtet seien, die medizinische Versorgung zu sichern. „Aber aus Sicht von kirchlichen oder privaten Krankenhäusern, die kein Steuergeld bekommen, sind das unfaire Subventionen“, kritisiert Pelster.Die Subventionen führen laut Insolvenzverwalter und Sanierungsfachmann Rainer Eckert zu einer Schieflage. „Welche Krankenhäuser überleben, entscheidet die Kassenlage des zuständigen Landkreises oder der Gemeinde“, sagt der in der Gesundheitsbranche bestens bewanderte Fachanwalt für Steuerrecht, Insolvenz- und Sanierungsrecht von der Kanzlei Eckert. Während es in wohlhabenden Regionen bei einer teuren Überversorgung bleibe, verschwänden in finanzschwachen Regionen Krankenhäuser, die eigentlich vor Ort gebraucht würden.Stefan Denkhaus, Kanzlei BRL Boege Rohde LuebbehuesenBRLNach Einschätzung von Insolvenzverwalter Denkhaus gibt es vor allem in den Ballungsräumen zu viele Krankenhausbetten. „Die wirtschaftlich nötige Konsolidierung wird gebremst, weil jeder Bürgermeister und jeder Landrat um sein Krankenhaus kämpft“, sagt Denkhaus.Spezialisierung statt teurer Überversorgung mit KrankenhausbettenInsolvenzverwalter Thies beobachtet ebenfalls, dass Insolvenzen von Krankenhäusern regelmäßig für einen Aufschrei sorgen, weil Bürger eine schlechtere Gesundheitsversorgung fürchten. Das sei verständlich, doch gerate dabei oft in Vergessenheit, dass die Gesundheitsbranche effizienter werden müsse. Auch laut Thies gibt es hierzulande vor allem in Städten eine im internationalen Vergleich ungewöhnlich hohe Zahl an Krankenhäusern je Einwohner.Die Krankenhäuser hätten es daher schwer, ihre Kapazitäten auszulasten, und blieben oft auf hohen Fixkosten für ihre Gebäude, medizinischen Anlagen und das Personal sitzen. Besser wäre, die Krankenhäuser würden sich auf ausgewählte Dienstleistungen spezialisieren und gegenseitig ergänzen, statt alles aus einer Hand anzubieten. Spezialisierung würde nicht nur die Effizienz steigern, sondern auch die medizinische Qualität.Nach Einschätzung von Thies wird die Welle an Insolvenzen wohl etwas abflachen, doch seien weiter zahlreiche Insolvenzen von Krankenhäusern zu erwarten. Für Pflegeheime sei noch keine Abflachung der Insolvenzwelle zu erkennen. Wenn ein insolventes Pflegeheim schließe, sei das vor allem für die betagten und gesundheitlich labilen Patienten schrecklich. Diese hätten sich jahrelang an ihre Pfleger und ihre Umgebung gewöhnt und müssten plötzlich in ein anderes Heim umziehen.Auch Insolvenzverfahren von Krankenhäusern sind laut Thies anspruchsvoll. So müssten Vermieter, weitere Gläubiger, Gesellschafter und Kassen mit unterschiedlichen Interessen an einen Tisch gebracht und meist auch ein neuer Investor überzeugt werden. Bislang gelinge das im Rahmen von Insolvenzplanverfahren recht gut.