Sebastian Münzenmaier will an die Macht. Mit der AfD – und innerhalb der AfD. Das sagt der Bundestagsabgeordnete klarer als viele andere in seiner Partei. Zum Beispiel in einem Infobrief, den er vor wenigen Tagen verschickte. Darin wendet er sich an „liebe Freunde und Mitstreiter“, um ihnen zu erklären, warum er AfD-Landeschef in Rheinland-Pfalz werden wolle.Manches klang nach üblicher Politiker-Eigenwerbung. Man müsse „geeint und mit ganzer Kraft“ arbeiten, es gebe „große Herausforderungen“, Münzenmaier wolle seinen „Teil dazu beitragen“, heißt es in dem Schreiben, das der F.A.Z. vorliegt. Doch in anderen Passagen machte er deutlich, worin genau er seine Stärke sieht. Die Partei müsse sich „weiter professionalisieren“. Auch auf der Bundesebene sei die „Professionalisierung“ eines seiner Hauptanliegen. Und dann, im Text fett hervorgehoben: Bis 2029 „müssen wir inhaltlich, strukturell und auch personell optimal aufgestellt sein“. Gemeinsam könne man dafür sorgen, dass dann „Dr. Alice Weidel aus dem Kanzleramt grüßt“.Münzenmaier und Weidel wollen die AfD professionalisierenMünzenmaier gilt als einer der engsten Vertrauten von Weidel. Aus der Fraktion heißt es, er halte ihr den Rücken frei. Manche Abgeordneten beklagen, dass sie sich nicht genug kümmere, Konflikte zu lang laufen lasse, oft weg sei. Münzenmaier kläre dann manches. So intensiv pflegt er seine Kontakte, dass von einem „Münzenmaier-Netzwerk“ die Rede ist. Das nutzt er auch vor dem Bundesparteitag Anfang Juli. Da wählt die AfD ihren Bundesvorstand neu. Gut für die Parteiführung wäre, wenn es wenig Streit um Kandidaten und wenig Kampfkandidaturen gäbe. Daran arbeitet Münzenmaier gerade im Hintergrund mit. Klärt, wo Konflikte schwelen, versucht, Kompromisse zu finden.Im Gespräch mit der F.A.Z. beschreibt er das als Teil der Professionalisierung, die Weidel und ihm vorschwebt. Münzenmaier empfängt in seinem Bundestagsbüro, geschmückt mit Wimpel des 1. FC Kaiserslautern und passender Kaffeetasse. „Für mich war der Parteitag in Riesa 2022, als es viel Streit gab, der Anlass zu sagen: Da müssen wir etwas ändern“, sagt Münzenmaier. Riesa 2022 ist in AfD-Kreisen berüchtigt. Nach erbittertem Streit beendete die AfD den Parteitag vorzeitig. Das soll nie wieder vorkommen, wenn es nach Münzenmaier geht. Er freue sich, dass er zur Professionalisierung „beitragen konnte und kann“, sagt er und lächelt konziliant.Geht es Münzenmaier also darum, bescheiden seine Partei voranzubringen? Daran haben manche Parteifreunde Zweifel. In seinem früheren Leben verkaufte Münzenmaier Finanzprodukte. Bis heute attestieren ihm AfD-Leute das Auftreten eines Vertrieblers. Manche finden, er vermarkte in erster Linie sich selbst und betreibe seinen Aufstieg, die AfD in Rheinland-Pfalz mache er zur „Ein-Mann-Partei“.Münzenmaier wirbt für Treffpunkte statt WahlkreisbürosMünzenmaier hat ein Gespür für Gelegenheiten. Im vergangenen Jahr gelang es ihm fast, das erste Direktmandat der AfD in Westdeutschland zu gewinnen. Nachdem er 2017 und 2021 eher chancenlos in Mainz angetreten war – er lebt mit seiner Familie im Umland –, kandidierte er in Kaiserslautern. Bei den Zweitstimmen lag die AfD dort vorn, aber bei den Erststimmen setzte sich knapp ein Sozialdemokrat durch. In der Partei wurde das als Achtungserfolg wahrgenommen.Dazu kommt, dass Münzenmaier sich Gedanken macht, wie die AfD sich bei den Bürgern etablieren könnte. Ein Konzeptpapier von ihm heißt „Verankerung in der Fläche – die AfD erobert die Dörfer!“ Bei Dämmerschoppen sollen die Leute auf Einladung der AfD zusammenkommen, Bratwurst und Wein dazu, „keine langen politischen Reden“, erst mal kennenlernen. Und dann – „darauf aufbauend“ – Neumitglieder gewinnen. Netzwerk aufbauen, könnte man auch sagen.Schon vor vier Jahren hatte Münzenmaier einen AfD-Treffpunkt in einem Industriegebiet in Mainz geschaffen. Der Widerstand dagegen war groß, potentielle Wähler fanden ihren Weg eher nicht dorthin. In Gauersheim, einem 600-Einwohner-Ort in Münzenmaiers neuem pfälzischem Wahlkreis, bot sich die Gelegenheit, eine leer stehende Dorfkneipe zu mieten. Den „Treffpunkt Nordpfalz“ verkauft Münzenmaier als Teil der Dorfbelebung.Von der AfD gemietet: Das frühere Restaurant und Gästehaus Bicking im Dorf GauersheimMaximilian von LachnerIn dem Konzeptpapier wirbt er auch dafür, dass Abgeordnete statt Wahlkreisbüros Zentren wie jenes in Gauersheim schaffen sollten, das nütze im ländlichen Raum mehr. Dass Medien über die AfD-Kneipe berichteten, wertet Münzenmaier als Erfolg. Aus Gauersheim selbst heißt es, dass bei der Kneipe abseits seltener Parteiveranstaltungen kaum jemand gesichtet würde.Absetzung Bollingers soll lange vorbereitet worden seinIn der rheinland-pfälzischen AfD kam Münzenmaiers Kandidatur als Landeschef nun für viele nicht überraschend. Erstens wegen seiner grundsätzlichen Ambitionen. Zweitens wegen der Vorgänge nach der Landtagswahl im März: Da begann die Entmachtung des bisherigen Vorsitzenden Jan Bollinger. Er hatte mit 19,5 Prozent das höchste AfD-Ergebnis in Westdeutschland erzielt. Trotzdem wurde in einer Kampfabstimmung nicht Bollinger, sondern der bisherige Fraktionsgeschäftsführer Michael Büge zum Fraktionschef gewählt. Büge, einst CDU-Staatssekretär in Berlin, steht wie Münzenmaier für eine Professionalisierung der AfD. Die beiden kennen sich aus dem Milieu der Burschenschaften, heißt es. Büge selbst, Anfang 60, werden keine Ambitionen über Mainz hinaus nachgesagt. Ob Bollinger gegen seinen Herausforderer Münzenmaier antritt, ließ er in einer persönlichen Erklärung noch offen.Aus der Partei heißt es, Münzenmaier habe die Absetzung Bollingers lange vorbereitet. Das habe bei der Aufstellung der Landesliste begonnen, auf der ein Großteil der Kandidaten als loyal zu Münzenmaier gilt. Er selbst, sagt einer, mache sich nie die Finger schmutzig, sondern dirigiere immer aus dem Hintergrund. So sei es ja auch in dem Fall gewesen, für den Münzenmaier 2017 verurteilt worden sei.Münzenmaier war dabei, als Hooligans des 1. FC Kaiserslautern Fans von Mainz 05 verprügelten und teils schwer verletzten. Das Amtsgericht Mainz kam zum Schluss, dass der AfD-Politiker selbst nicht zuschlug. Er lotste seine Kumpels aus der Fanszene lediglich dorthin, wo es zur Eskalation kam. Münzenmaier wurde wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz sieht Münzenmaier als zentrale Figur des „solidarisch-patriotischen Lagers“, das für eine völkisch-nationalistische Ausrichtung stehe.Kaum jemand zweifelt daran, dass Münzenmaier Ende Juni zum Landeschef gewählt wird. Und dann? Will er die AfD an die Regierung bringen, im Land und im Bund. Dafür gibt er sich kompromissbereiter, als andere in der AfD es tun. „Man muss in einer Demokratie Kompromisse machen“, sagt er der F.A.Z. „Aber in bestimmten Kernbereichen darf man eben keine machen.“ Er sei „zuversichtlich“, dass eine Koalition mit der CDU irgendwann gelinge. Dafür müsste die CDU sich allerdings „wesentlich mehr verändern, als wir uns verändern müssten“. Genauer: „Sie bräuchte eine andere Führung, und sie müsste das Rückgrat haben, Ziele auch gegen linken Widerstand, zum Beispiel Massenproteste, durchzusetzen.“
Münzenmaier will AfD-Landeschef in Rheinland-Pfalz werden
Sebastian Münzenmaier gilt als Strippenzieher in der AfD. Er will die Partei professioneller machen. Jetzt geht er in die Offensive.







