Herr Sunstein, Sie besuchen die Universität Heidelberg gerade für mehrere Vorträge. Anlass ist die neue Kooperation zwischen Harvard und Heidelberg in mehr als 20 Projekten. Ist die Kooperation auch eine Reaktion auf den Druck der amerikanischen Regierung auf die heimischen Universitäten?Das würde ich nicht so sehen. Sie ist in erster Linie eine Gelegenheit zum intellektuellen Austausch. Es gibt viele Bereiche, in denen Harvard vom Austausch mit Heidelberg profitieren kann.Sind Sie nicht besorgt über die Angriffe der Regierung auf die Hochschulautonomie?Natürlich nehme ich die Ereignisse wahr, aber die meisten Fakultätsmitglieder konzentrieren sich auf ihre Studenten und ihre Forschung. Für die Harvard Law School, an der ich hauptsächlich beschäftigt bin, hatten weder die Verhandlungen mit der Regierung noch die Prozesse gegen sie signifikante Folgen. Die Diskussionen über die Einschränkung der Visumvergabe für internationale Studenten haben wir aufmerksam verfolgt. Wir profitieren enorm von den Studenten aus Europa und anderen Ländern. Am Ende wurden die Beschränkungen aber von den Gerichten aufgehoben.Der Druck der Regierung auf die Wissenschaft hat seither deutlich abgenommen. Haben die Universitäten die Auseinandersetzung mit der Regierung gewonnen?Ich denke, es gibt einen Konsens darüber, dass die Universitäten einen großen Wert für die Vereinigten Staaten haben und dass wir stolz auf sie sein sollten.Das haben die Universitäten in der juristischen Auseinandersetzung mit der Regierung immer wieder hervorgehoben. Die betrachtet sie jedoch als Hochburgen linker Ideologie.Es gibt die berechtigte Sorge, dass es an den amerikanischen Universitäten keine ausreichende Meinungsvielfalt gab. Universitäten sollten offen für linke wie rechte Standpunkte sein. Es gibt heute stärkere Bemühungen um intellektuelle Vielfalt an amerikanischen Universitäten als vor zehn Jahren. Das ist eine positive Entwicklung. Der Supreme Court hat die Bevorzugung von Minderheiten im Bildungssystem aufgehoben, und die Universitäten haben dies befolgt. Nichtdiskriminierung ist eines der höchsten Ideale im amerikanischen Bildungssystem.Meinen Sie nicht, dass die Regierung den Universitäten unter dem Deckmantel der Meinungsvielfalt ihre eigene Weltanschauung oktroyieren will?Das würde ich nicht so sehen. Einmal gibt es dafür keinen klaren Beleg. Außerdem ist es erkenntnisfördernd, wenn sowohl linke wie rechte Stimmen an der Universität vertreten sind. Im Übrigen spielt die Politik in den meisten Fächern keine große Rolle. Sicher haben die Universitäten vorwiegend Professoren mit linken Einstellungen. Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie ihre politischen Überzeugungen in einen Kurs über höhere Mathematik einfließen lassen.Die Förderstopps der Regierung trafen nun aber gerade naturwissenschaftliche Disziplinen wie die Biomedizin. Gerichte haben die oft ideologisch begründeten Sanktionen größtenteils wieder aufgehoben. Wird die Regierung einen neuen Anlauf mit besser ausgearbeiteten Maßnahmen nehmen?Das ist schwer vorherzusagen. Es kommt ganz auf die Prioritätensetzung innerhalb der Regierung an. Die Gerichtsurteile zur Fördermittelvergabe durch die Bundesregierung sind real und in manchen Fällen eindeutig. Das ist ein klarer Erfolg für die Universitäten. Es könnte nun sein, dass die Regierung meint, sie habe die Universitäten erfolgreich zu größerer Meinungsvielfalt bewegt. Sie kann aber auch der Meinung sein, dass die Universitäten noch nicht auf dem richtigen Weg sind, und nach gesetzlichen Alternativen suchen. Allerdings gibt es im Moment viele andere Prioritäten.Präsident Trump scheint das Interesse an der Wissenschaft verloren zu haben. Gibt es in der Regierung noch einen Willen zur grundlegenden Umgestaltung des Wissenschaftssystems?Es sieht nicht danach aus, als gehörten Bildung und Wissenschaft zu den obersten Prioritäten. Dazu passt die Kürzung der Fördermittel. Gleichwohl sind die wissenschaftlichen Fortschritte durch die Fördergelder des Bundes frappierend, ob es um Krebs oder Diabetes geht. Das ist im Grunde die beste Begründung für die Bundesförderung.Trotzdem wurde sie beschnitten.Ich denke, dass es darüber in der Regierung und im Kongress unterschiedliche Ansichten gibt.Die Regierung hat die Gerichtsurteile akzeptiert. Lässt das darauf schließen, dass sie die Unabhängigkeit der Justiz anerkennt?Es sieht danach aus. Das Justizministerium hat bislang klar zu erkennen gegeben, dass es sich an das Recht halten wird, auch dann, wenn es ein Urteil für falsch hält.Zur PersonCass Sunstein ist Professor an der Universität Harvard und gehört zu den meistzitierten Juristen der Welt. Er beriet mehrere amerikanische Regierungen und leitete unter dem Demokraten Barack Obama das Office of Information and Regulatory Affairs.
Harvard-Professor Cass Sunstein zur Lage an den amerikanischen Universitäten
Die amerikanischen Universitäten haben im Machtkampf mit der Trump-Regierung viele juristische Siege errungen. Wird man sie nun in Ruhe lassen? Harvard-Rechtsprofessor Cass Sunstein geht davon aus.






