Eisenachs Bachhaus hat für seine Sonderausstellungen nur zwei Räume zur Verfügung. Deshalb sind hier regelmäßig nicht nur die Inhalte bemerkenswert, sondern immer auch das Ausstellungsdesign, mit dem der Direktor Jörg Hansen und sein Stab der „drangvoll fürchterlichen Enge“ trickreich entgehen; dieses Jahr besonders im oberen der beiden Kabinette, wo einem um die Hörstationen herum von Wänden und Vitrinen eine lawinenartige Schrift- und Bilderflut entgegenstürzt. „Lawine“ ist auch der Ausdruck, den der Chef des Hauses selbst gebraucht, um sein aktuelles Thema zu umreißen. Da geht es zum einen um die Bachfeste unter Regie der – ihrerzeit eigens dafür gegründeten – Neuen Bachgesellschaft: vom ersten, das 1901 in Berlin stattfand, bis zum hundertsten, das Mitte Juni in Leipzig gefeiert wird. Weil es gelegentliche „Leerjahre“ gab, ist diese Zählung nicht identisch mit der über 125-jährigen kalendarischen Geschichte der NBG selbst, aus der sich im vergangenen Jahr noch ein kleines Nebenjubiläum ergab.Von Greifswald bis nach KeralaDie genannte Lawine indessen entwickelte sich erst, als diese NBG-getragenen Bachfeste (alle fünf Jahre in Leipzig, ansonsten in wechselnden deutschen Städten und gelegentlich auch einmal außerhalb der Landesgrenzen angesiedelt) als auslösender „Schneeball“ eine wahre Flut von Nachfolgeinitiativen rund um den Erdball bis hin nach Paraguay, Malaysia und dem südindischen Bundesstaat Kerala nach sich zogen. Manche bleiben in eher lokaler, aber vor Ort dennoch prägender Ausstrahlung wie die in Greifswald oder Würzburg, andere suchen internationale Prominenz wie seit Jahrzehnten das fränkische Ansbach oder bauen an Langzeitprojekten wie die Appenzeller Bachtage mit ihrem kompletten Kantatenzyklus unter theologisch-philosophischer Begleitung; einen weiteren Schwerpunkt neben dem deutschsprachigen Raum bilden die USA. Insgesamt weist eine Tafel am Ausstellungsende weltweit 82 derartige Festivals aus, doch darf man diese Zahl getrost dynamisch interpretieren: noch am Tag vor der Eröffnung kam die Vermeldung, dass auch das bisher nicht erfasste Wien ein eigenes Fest unter Bachs Namen veranstaltet.Dabei herrscht der Zyklus von Leben und Sterben, eines der großen Themen des Thomaskantors, auch in seinem eigenen Nachwirken. Manchen relativ jungen Initiativen stehen andere gegenüber, denen oft nach Jahrzehnten das Sterbeglöckchen läutete – und das nicht nur (unter anderem) auf Madeira oder in Lüdenscheid: auch Berlin, die Stadt des ersten NBG-Bachfestes überhaupt, schnitt diesen Traditionsstrang wegen finanzieller Auszehrung schon zur letzten Jahrtausendwende wieder ab.Doch solche wehmütigen Reminiszenzen hindern die Ausstellung natürlich nicht, aus dem positiv Vorhandenen eine vielstimmige Augensymphonie und Bachfest-Wunderkammer zu komponieren. Da gibt es nicht nur fast 60 Plakate aus vieler Herren Länder, die sich bis ins Treppenhaus ausdehnen, sondern auch eine chronologische Programmheft-Reihe der NBG-Feste vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute und dazu eine wahre Flut von Fotos, Postern, Schriftzeugnissen und Souvenirartikeln der ergreifenden bis kuriosen Art.Einblick in die aktuelle Sonderausstellung im Bachhaus Eisenach zu 125 Jahren BachfestenAndré NestlerSo findet sich neben zwei Originalbriefen von Albert Schweitzer und Werner Heisenberg beispielsweise auch Helmuth Rilling als werbende Bobblehead-Kopfwackelfigur für das von ihm mit begründete Oregon Bach Festival. Um hier angesichts der Dokumentenfülle und ihrer mosaikartigen Farbenkreise nicht in Wirrnis zu geraten, sind alle Kommentartafeln mit pink- und magentafarbenen Fonds hinterlegt: eine Idee, in der sich Zweckmäßigkeit und Sinnlichkeit zusammenfinden.Dabei weckt die Lektüre der knapp-bündigen Erklärtafeln und -kommentare das Bedürfnis nach mehr: Kaum ein Bach-Ausstellungsthema der letzten Jahre bietet sich derart für eine ausgedehntere Publikation an wie der nach vielen Seiten ins Politische wie Ästhetische ausgreifende Komplex seiner institutionalisierten Pflege. So bei Betrachtung der in vielen Komponenten brisanten Geschichte der NBG-Bachfeste zwischen ihrer Nachkriegswiederaufnahme 1950 und 1990, die – während der deutschen Zweistaatlichkeit wohl fast ein Unikum – alternierend im West- und Ostteil stattfanden; wobei etwa die direkte Nennung der Bachgesellschaft auf den DDR-seitigen Programmheft-Titelblättern immer weiter einschrumpfte und schließlich ganz verschwand.Oder man erfährt, dass eine historisch informierte Aufführungspraxis nicht erst seit Harnoncourt & Co., sondern bereits in den ersten Jahren der NBG ein kontroverses Diskussionsthema war – zunächst vor allem hinsichtlich des angemessenen Instrumentariums. Es war Wanda Landowska, die hier mit ihrem Triumph in einem regelrechten Duell „ihres“ Cembalos gegen zwei herkömmliche Flügel nach „endlosen Ovationen“ zumindest für die Tasteninstrumente Weichen ins Zukünftige hinein stellte. Schauplatz dessen war das luxuriöse Eisenacher Fürstenhof-Hotel während des Bachfestes 1911, sodass die Bronzebüste der Künstlerin an prominenter Stelle der Schau gleich mehrfache Berechtigung hat.Wenn im Herbst 2027 das NBG-Fest wieder einmal in des Künstlers Geburtsstadt kommen wird, könnte man sich eine vertiefende Broschüre dieser frühen Debatten umso besser vorstellen. Den Fürstenhof indessen, nach jahrelangem Verfall gerade im Abriss begriffen, wird es dann nicht mehr geben. Werden und Vergehen auch hier; doch der Pluspol ist bei Bach bekanntlich fast immer der kräftigere.Phänomen Bachfest. 125 Jahre Bachfeste – 100 Bachfeste: Bachhaus Eisenach, bis 1. November
Ausstellung über Bachfeste im Bachhaus Eisenach
Ob Deutschland, Indien, Paraguay oder Madeira: Das Eisenacher Bachhaus lässt in seiner Sonderausstellung die Geschichte der Bachfeste vorbeiziehen.










