„Wenn zwei Menschen aufeinander losgehen und sich in ihr Gesicht schlagen, finde ich das abartig.“ Oder: „Ich finde es halt nicht so gut, dass man sich gegenseitig schlägt.“ Oder: „Ich schlag jemand ins Gesicht. Der Fakt ist immer der gleiche, ob da eine Regel dabei ist oder nicht.“ Reaktionen wie diese bei einer Straßenumfrage zum Thema Boxen, die gleich zu Beginn der Ausstellung auf einem Monitor zu sehen sind, „waren erwartbar“, sagt Doris Danzer. Es gebe „wahnsinnig viele Vorurteile und Vorbehalte in der Gesellschaft gegen das Boxen“.Es sind welche, „die ich auch hatte, klar – ich hätte mir früher nie einen Boxkampf angeschaut und gesagt, das ist gewalttätig“, sagt die promovierte Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Museen Landshut. Die Ausstellung „Kampf Kunst Geschichte“ über den Landshuter Boxclub SC Bavaria 20 mit Zeichnungen und Fotos von Michael Lange und Christine Vinçon, die Doris Danzer als Kuratorin verantwortet, soll mit solchen Vorurteilen nun aufräumen. Und mehr als das.Für die kleine, aber feine Ausstellung im Landshut-Museum, die dort bei freiem Eintritt noch bis zum 29. März 2027 zu sehen ist, wählte die Kuratorin einen umfassenderen Ansatz. Zentraler Bestandteil sind zwar die Werke von Vinçon und Lange, die den 1920 gegründeten SC Bavaria – nach Angaben des Museums einer der ältesten Boxvereine in Bayern und Deutschland – seit Jahren begleiten. Aber die Ausstellung ist weder eine bloße Vereinschronik noch eine reine Kunstausstellung.Dult-Boxen:"Die wollen Blut sehen"Das Spektakel der Schlägerei ist für viele Zuschauer der Grund, sich Boxkämpfe im Bierzelt anzusehen. Doch für die Sportler geht es um den Kampf - auch gegen sich selbst. Danzer will den Besuchern auch die Regeln, Geschichte und für die Gesellschaft so wichtige integrative Kraft dieser Sportart näher bringen. Die Ausstellung bietet interaktive Elemente, etwa einen Boxsack oder ein vornehmlich an Kinder gerichtetes Quiz. Und sie spannt darüber hinaus ganz allgemein den Bogen vom Boxen zur Kunst- und Kulturszene. Diese beschäftige sich schließlich „seit mehr als 100 Jahren mit dem Boxen“, sagt Danzer.Die „Aufwärmrunde“, die erste von insgesamt sechs Runden der Ausstellung, befasst sich etwa mit Malern, Grafikern und Aktionskünstlern wie Georg Grosz, John Heartfield, Joseph Beuys und Andy Warhol oder den Schriftstellern Ernest Hemingway und Bertolt Brecht. Sie alle hätten sich „intensiv mit dem Boxen beschäftigt, sogar selbst geboxt oder sich als boxende Künstler inszeniert, um ihre gesellschaftskritischen, provokanten Botschaften mit Vehemenz öffentlich zu machen“.Ausgewählte Box-Literatur, unter anderem „Der Kinnhaken“ von Bertolt Brecht. Foto: Alexander KappenEin – wenn auch nur für kurze Zeit – boxender Künstler war es auch, der Doris Danzer, die nach eigenen Worten „nicht Box-affin“ ist, auf die Idee zu der Ausstellung brachte. Michael Lange, Jahrgang 1950, der 1988 auf Anregung eines Künstlerkollegen mit dem Boxtraining beim SC Bavaria begonnen hatte, stellte seine sportlichen Aktivitäten im Verein nach einem Jahr zwar wieder ein. Aber er blieb dem Boxclub auf seine Art treu und begann Szenen im Training oder bei Wettkämpfen im Bierzelt auf der Dult zu zeichnen. Später fertigte er auch Porträts einzelner Boxer oder zeichnete historische Aufnahmen von Athleten nach und interpretierte sie neu.Die Ausstellung „Kampf Kunst Geschichte“ ist noch bis 29. März 2027 im Landshut-Museum zu sehen. Ergänzend gibt es zahlreiche Begleit-Veranstaltungen wie Lesungen, einen Talk mit Ex-Profi Axel Schulz oder Führungen und Workshops. Das Programm findet man im Internet unter museen-landshut.de/veranstaltungen.Zusammen mit der Landshuter Fotografin Christine Vinçon und Bavaria-Präsident Oliver Wunsch kam er auf Doris Danzer zu und fragte, ob man nicht eine Ausstellung über den Boxclub machen könne. Nach 38 Jahren, die Lange den Verein zeichnerisch begleite, wolle er diese Arbeiten damit „zu einem Abschluss bringen“, erzählt die Kuratorin.Michael Lange fängt mit seinen Bildern die Atmosphäre im und neben dem Ring ein. Foto: Oliver HasslerSeine Werke entstehen oft aus Skizzen, die er vorab fertigt. Foto: Alexander KappenLange geht es, wie er sagt, in seinen Arbeiten darum, „den Verein, das Vereinsleben, als Teil der Landshuter Gesellschaftsgeschichte darzustellen, mit vielen verschiedenen Charakterköpfen, Bildungsschichten und Nationalitäten“. Letzterem widmet auch die Kuratorin einen eigenen Teil der Ausstellung, denn, so ist dieser überschrieben: „Boxen integriert“. Zwischen den Jahren 2010 und 2020, so zeigt es eine Statistik in der Ausstellung, hatten 85 Prozent der Bavaria-Vereinsmitglieder einen Migrationshintergrund.„Der Verein hat viel Zulauf von Menschen, die nicht hier geboren wurden“, sagt Doris Danzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im Boxclub viele US-Soldaten, später folgten Gastarbeiter aus Italien und der Türkei, danach Sportler aus dem ehemaligen Ostblock. Heute kommen viele Mitglieder aus Afghanistan, der Ukraine oder Syrien. So wie der aktive Boxer Mohammad Kharsa, der in Syrien geboren wurde, inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und in der Ausstellung in einem der zahlreichen Interviews zu sehen ist, die man sich auf Monitoren anschauen kann.Mohammad Kharsa, geboren in Syrien, hat sich durchgeboxt und fand beim SC Bavaria eine neue Heimat. Foto: Christine Vinçon„Der Boxclub war wirklich der Grund, warum ich mich hier in dieser Stadt integrieren konnte“, sagt Kharsa. „Viele finden beim Boxclub ein neues Zuhause, weil sie hier respektiert werden“, sagt Doris Danzer. Beim SC Bavaria, das ist die Botschaft, sind alle gleich, für alle gelten beim Boxen und im Umgang miteinander die gleichen Regeln.Die Begegnungen mit den Menschen im Verein sind auch der Grund, warum Doris Danzer ihre Meinung über den Boxsport inzwischen geändert hat. „Ich habe selten so höfliche und respektvolle Menschen kennengelernt wie hier – und zwar durchgehend“, sagt sie. Zudem bewundere sie den Mut der Boxer, „sich in den Ring zu stellen und gegen einen Fremden anzutreten, so fokussiert zu sein“.Dieser Mut, aber auch Eigenschaften wie mentale Stärke, Selbstbewusstsein, Disziplin oder Trainingsfleiß sind es, die Fotografin Christine Vinçon am Boxen so faszinieren. Und speziell beim Fotografieren mag sie es, „diese eine Millisekunde einzufangen, in der was passiert“. Dabei blendet sie alles drum herum aus, richtet den Fokus nur auf die zwei Boxer. Deshalb eignen sich Schwarz-Weiß-Fotografien, wie die in der Ausstellung gezeigten, ihrer Meinung nach auch besonders gut für Box-Fotos.Bavaria-Präsident Oliver Wunsch (von links), Fotografin Christine Vinçon, Kuratorin Doris Danzer, Zeichner Michael Lange und Boxprofi Yunes Ramadan. Foto: Oliver HasslerSie sind entstanden bei den traditionellen Bierzelt-Boxkämpfen auf der Dult, aber auch beim Profikampf des Bavaria-Athleten Yunes Ramadan im Januar in Landshut, um den es auch in anderen Teilen der Ausstellung geht. Auf einer einem Boxring nachempfundenen, dreiseitigen Leinwand werden Szenen aus besagtem Profikampf gezeigt, bei dem Ramadan den Gürtel des WBF-International-Champion gewann. Auch dieser ist in der Ausstellung zu sehen.Den Profikampf im Januar hat sich im Zuge ihrer Recherchen übrigens auch Doris Danzer angesehen. Bei einem der Dult-Kämpfe war sie ebenfalls dabei. Obwohl sie viele ihrer früheren Ansichten über das Boxen geändert hat, „bin ich immer noch nicht hundertprozentig überzeugt“, sagt sie. „Aber man muss es sich eben vorher erst mal anschauen, bevor man darüber redet.“ Und voreilig urteilt.