An Deutschlands Schulen fehlen Lehrer. Das hat KonsequenzenDer anhaltende Personalmangel führt in vielen Bundesländern zu Unterrichtsausfällen. In Brandenburg fürchtet der Bildungsminister nun gar, dass Abschlüsse nicht mehr anerkannt werden könnten.11.06.2026, 11.54 Uhr4 LeseminutenIn Deutschland fehlen Tausende Lehrer.ELIA BIANCHI / KEYSTONEIn Deutschland wird seit einigen Jahren über den Lehrermangel diskutiert. Gelöst wurde das Problem in dieser Zeit jedoch nicht. Nun zeigt sich im ostdeutschen Bundesland Brandenburg besonders deutlich, welche gravierenden Folgen dies für Schüler haben könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Brandenburgs Bildungsminister Gordon Hoffmann von der CDU räumte jüngst offen ein, dass es wegen des Personalmangels in seinem Bundesland zu Unterrichtsausfällen kommen wird. In den vergangenen Jahren sei es stets das Ziel gewesen, die Stundentafel im ganzen Land abzusichern, sagte er am Dienstag im Podcast «Moment mal, Brandenburg». «Wir wissen, dass wir dieses Ziel im nächsten Jahr nicht erreichen werden.»Hoffmann stellte gar infrage, ob die Abschlüsse vor diesem Hintergrund noch von der Kultusministerkonferenz anerkannt werden würden. «Wir müssen sicherstellen, dass die Leute, die bei uns einen Abschluss kriegen, damit auch durch den Rest des Lebens gehen können und sich in ganz Deutschland bewerben können», sagte er. Die Situation bereite ihm «Bauchschmerzen».Landeselternrat zeigt sich besorgtIn jedem deutschen Bundesland gibt es eine festgelegte Anzahl an Stunden, die für alle Schüler einer Klasse Pflicht sind. Die Zahl schwankt ein wenig, etwa ob jemand auf ein Gymnasium oder eine Realschule geht oder ob man 12 oder 13 Jahre bis zum Abitur braucht. In diesem Schuljahr muss etwa ein Gymnasiast in der 10. Klasse in Brandenburg mindestens 35 Schulstunden pro Woche in seinem Stundenplan haben. In Bayern sind es 34, in Niedersachsen 31.In Deutschland ist die Bildungspolitik Sache der Bundesländer. Gemeinsame Absprachen über Lehrinhalte und Mindeststundenzahlen sollen sicherstellen, dass Schüler bundesweit vergleichbare Kompetenzen erwerben. Weicht ein Land wegen des Lehrermangels von diesen klar definierten Zielen ab, steht die Vergleichbarkeit jedoch auf dem Spiel.Der brandenburgische Landeselternrat wandte sich deshalb am Donnerstag mit einem Brief an Ministerpräsident Dietmar Woidke von der SPD. «Eltern fragen sich zunehmend, wie Unterricht, Förderung und Bildungsqualität unter diesen Bedingungen noch gewährleistet werden sollen», heisst es darin. Die Nachrichten aus den Schulen machten vielen Eltern «grosse Sorgen».Die Babyboomer hinterlassen eine LückeDer Lehrermangel ist allerdings nicht nur in Brandenburg ein Problem. Derzeit fehlen deutschlandweit nach Schätzungen der Kultusministerkonferenz rund 6200 Lehrer.Die Kultusministerkonferenz führt das Defizit vor allem auf demografische Faktoren zurück. Die geburtenstarken Jahrgänge der sogenannten Babyboomer gehen in Pension, die nachfolgenden Generationen sind deutlich kleiner. Gleichzeitig gibt es jedoch mehr Schüler. Gründe hierfür sind ein temporärer Geburtenanstieg zwischen 2012 und 2016 sowie die Migrationswellen ab dem Jahr 2015 und durch den Krieg in der Ukraine.AfD fordert Ende der InklusionspolitikHinzu kommt ein strukturelles Problem: Als die Lage noch nicht so dramatisch war, wurden die pädagogischen Standards erhöht. Die Kultusministerkonferenz nennt etwa den Ausbau der Inklusion, der Ganztagsschulen und von Sprachförderung als Beispiele. Für diese Massnahmen ist mehr Personal nötig. Dies verschärft den Lehrermangel zusätzlich.Die oppositionelle AfD will dem Lehrermangel durch einen Abbau dieser Massnahmen begegnen. Die Rechtsaussenpartei fordert ein Ende der Inklusionspolitik und will stattdessen zu Förderschulen zurückkehren. Zudem will sie eigene Klassen für Kinder von Asylbewerbern und nicht ausreisepflichtigen Ausländern einführen sowie auf pensionierte oder bald in den Ruhestand gehende Lehrer zugehen.«Die Institution Schule ist sozialpolitisch überformt worden und hat so zu einer erheblichen Mehrbelastung für Lehrkräfte geführt», sagte der bildungspolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag, Martin Reichardt, der NZZ. Die Schulen müssten von «schulfremden Aufgaben» entlastet werden.Die Bundesländer suchen nach kurzfristigen LösungenNicht zuletzt haben die Bundesländer die Krise allerdings auch durch Fehlplanungen selbst verschärft. In Brandenburg etwa kürzte die vorherige Regierung aus SPD und BSW noch im Haushalt 2025 aus Spargründen 345 Vollzeitstellen für Lehrkräfte. Die neue Koalition aus SPD und CDU versucht nun gegenzusteuern und will 250 zusätzliche Stellen schaffen.Ähnlich sieht es in Bayern aus. Für das Jahr 2026 gilt dort ein Stellenmoratorium. Es werden also keine neuen Lehrer eingestellt. In Baden-Württemberg sorgte gar eine Panne bei einer IT-Umstellung dafür, dass unbesetzte Stellen im System jahrelang als besetzt galten. Der tatsächliche Bedarf wurde schlicht nicht erkannt.Die Bundesländer suchen daher nun nach Wegen, das Problem kurzfristig zu lösen. In Brandenburg denkt man etwa über «Umsetzungen» nach, also die beamteten Lehrer an Schulen zu versetzen, die sie dringender benötigen. Zudem setzt Brandenburg auf finanzielle Anreize wie das «Landlehrerstipendium»: Lehramtsstudenten erhalten 600 Euro monatlich, wenn sie sich dazu verpflichten, nach dem Abschluss an einer unterversorgten Schule zu unterrichten.Mehr QuereinsteigerZudem sinken die Anforderungen an Lehrer. Die Länder stellen zunehmend Quereinsteiger ein, also Personen, die gar nicht Lehramt studiert haben, aber eine zusätzliche pädagogische Ausbildung bekommen.Kurzfristig lässt sich die personelle Lücke so kaum schliessen. Es gibt jedoch zumindest einen Lichtblick: Die Kultusministerkonferenz rechnet damit, dass sich die Lage ab dem Jahr 2030 wieder entspannen soll, weil sich dann voraussichtlich die niedrige Geburtenrate bemerkbar machen wird.Für die Schüler, die heute akut von dem Unterrichtsausfall betroffen sind und um die Anerkennung ihrer Abschlüsse bangen müssen, ist das freilich kein Trost.Passend zum Artikel