Mit Luxusresorts und Ölpipelines: wie Trumps Amerika auf dem Balkan seine Rivalen verdrängt – und Proteste auslöst«Ivanka, geh nach Hause», heisst es seit Tagen bei Protesten gegen ein Luxusprojekt von Trumps Schwiegersohn in Albanien. Aber die Staatsmänner auf dem Balkan sind auf gute Beziehungen zu Washington angewiesen.11.06.2026, 11.45 Uhr4 LeseminutenViele Albaner sind empört über die Kushner-Projekte.Florion Goga / ReutersIvanka Trump und ihr Gatte Jared Kushner waren auf einem Bootsausflug im Mittelmeer unterwegs, als sie bei einem Badestopp die Insel Sazan entdeckten. «Wir sind hingeschwommen, barfuss bis nach oben gewandert und waren einfach nur fasziniert.» So erzählt die amerikanische Präsidententochter im «Founders Podcast» von David Senra Ende Mai vom Fund ihres Investitionsobjekts vor der albanischen Adriaküste.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Ivanka, geh nach Hause», hiess es zeitgleich auf Protestplakaten in Albaniens Hauptstadt Tirana. Oder: «Albanien ist nicht zu verkaufen.» Seit mehr als einer Woche gehen fast täglich Tausende auf die Strasse. Sie protestieren gegen den Bau eines touristischen Luxusprojekts von Kushners Investmentfirma Affinity Partners im Wert von geschätzt 4,6 Milliarden Euro und fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Edi Rama.Doch dieser gibt sich ungerührt, lobt das Projekt in den höchsten Tönen und lehnt dessen Abbruch kategorisch ab. Dahinter steckt diplomatisches Kalkül. Gewiss will Rama Albanien touristisch voranbringen. Vor allem aber hofft er, durch den Deal mit Kushner gute Kontakte ins Weisse Haus zu knüpfen. Diesen Wunsch hegt er in dieser Region nicht als Einziger.Refugium für MilliardäreKushners Firma möchte auf der unbewohnten Insel Sazan ein Refugium für Milliardäre bauen: ein Luxusresort inklusive Jachthafen, Infinity-Pools und Beach-Klubs. Auf dem Festland bei Zvernec, gegenüber der Insel, plant er eine Luxusanlage mit Fünfsternehotels, Wohnungen, Villen, einer modernen Marina, Wellness-Oasen sowie eine Flaniermeile mit teuren Boutiquen.Um Kushner dafür die Tür zu öffnen, erklärte ihn Tirana zum «strategischen Investor». Dieser Status gewährte ihm direkten Zugriff auf Staatsland ohne Ausschreibung oder beschleunigte Genehmigungsverfahren. Denn die projektierten Bauflächen gehören zum Naturschutzgebiet um die Lagune von Narta im Delta des Flusses Vjosa, einem der wichtigsten Feuchtgebiete Albaniens. Es ist ein Rast- und Brutgebiet für Tausende von Zugvögeln, Flamingos, Pelikanen sowie Meeresschildkröten. Um die Baupläne zu verwirklichen, hat die Regierung den Schutzstatus des Gebietes durch eine umstrittene Gesetzesänderung bereits 2024 aufgehoben.Die Demonstrierenden sorgen sich um Umweltschäden und werfen der Regierung vor, nationales Eigentum auszuverkaufen und durch Gefälligkeitsjustiz rechtsstaatliche Kontrollmechanismen auszuhebeln. Anfang Juni schaltete sich auch die als unabhängig geltende albanische Sonderstaatsanwaltschaft gegen Korruption und organisierte Kriminalität ein. Sie untersucht die Bauprojekte wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch und Korruption.In Zvernec soll Kushners Tourismusprojekt entstehen: Die Menschen protestieren dagegen.Fedja Grulovic / ReutersDie Ermittlungen geben den Protestierenden Auftrieb. Sie wollen weiter demonstrieren. Dabei blicken sie nach Serbien, wo Demonstrationen und Anklagen ein ähnliches Projekt Kushners im Dezember zu Fall brachten.Vucic tobtDenn zeitgleich mit den Investitionsplänen in Albanien kündigte Kushner 2024 ein 470 Millionen Euro teures Immobilienprojekt im Herzen Belgrads an. In einem gigantischen Komplex sollten ein Luxushotel, exklusive Wohnungen, Büroflächen sowie Restaurants und Einkaufszentren entstehen. Der Bau war auf den Ruinen des ehemaligen jugoslawischen Verteidigungsministeriums geplant, das die Nato 1999 zerbombte. Das Projekt stiess auf Protest und rief bald die serbische Sonderstaatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität auf den Plan.Im Mai 2025 gestand der verhaftete Chef des Denkmalschutzamtes, ein Gutachten gefälscht zu haben, um den Denkmalschutz des einstigen Verteidigungsministeriums für das Bauprojekt rechtswidrig aufzuheben. Offenbar handelte er auf Anweisung von oben. Die Sonderstaatsanwaltschaft klagte darauf den Kulturminister und weitere Spitzenbeamte aus dem Umfeld von Präsident Aleksandar Vucic wegen Amtsmissbrauchs und Urkundenfälschung an. Einen Tag später gab Kushner seinen sofortigen Rückzug aus dem Projekt bekannt.Vucic tobte über den Verlust der Investitionen. Er drohte damit, jeden auf Schadenersatz zu verklagen, der an der «Hexenjagd» gegen das Projekt beteiligt gewesen sei. Und jammerte: «Jetzt bleiben wir auf einer Ruine sitzen.» Vor allem ärgerte ihn wohl aber, dass sich über Nacht seine Hoffnung zerschlug, mit dem Bauvorhaben das Wohlwollen der Trump-Administration zu gewinnen. Nicht zuletzt wollte er so auch die lästigen amerikanischen Sanktionen gegen die heimische Ölindustrie loswerden.Die Hinwendung der Balkan-Staatsmänner Richtung Washington hat auch mit ihrer Frustration gegenüber der EU zu tun. Weil Brüssel die Länder seit Jahrzehnten auf einen Beitritt warten lässt, suchen sie sich anderswo Partner. Der pragmatische Kurs der USA, Deals ohne moralische Belehrungen oder Fragen zur Rechtsstaatlichkeit abzuschliessen, passt einem Vucic oder Rama ganz gut. Gleichzeitig nutzt ihnen die Annäherung an Washington auch als Druckmittel gegen die EU.Geopolitische ZieleWie stark diese transaktionale Aussenpolitik der USA in der Region bereits Fuss gefasst hat, zeigt ein Blick nach Bosnien. Dort stehen nicht Luxusresorts, sondern die zentrale Infrastruktur im Zentrum. Konkret geht es um den 1,38 Milliarden Euro teuren Bau einer Gaspipeline von einem Flüssiggasterminal auf der kroatischen Insel Krk nach Bosnien sowie um drei Gaskraftwerke. Im Frühjahr erhielt das amerikanische Unternehmen AAFS Infrastructure and Energy aus Trumps engem Umfeld den Zuschlag. Das Parlament der Föderation Bosnien-Herzegowina verabschiedete im Eilverfahren ein Sondergesetz, das die direkte Vergabe des Projekts an die Trump-Vertrauten ermöglichte.Der bosnisch-serbische Politiker Milorad Dodik unterstützte die amerikanischen Pipeline-Pläne. Vieles deutet darauf hin, dass die USA im Gegenzug langjährige Sanktionen gegen ihn und seine Familie aufhoben. Der Rücktritt des Hohen Repräsentanten für Bosnien-Herzegowina, Christian Schmidt, im Mai dürfte ebenfalls damit zusammenhängen. Schmidt selbst erklärte, er habe seinen Posten auf massiven Druck der USA geräumt. Der Deutsche galt nicht nur als Gegner Dodiks, sondern offenbar auch als Stolperstein für Washingtons Pipeline-Pläne – weswegen er wohl aus dem Weg geschafft wurde.Die USA interessieren sich nur am Rande dafür, welche innenpolitischen Folgen ihr Handeln für ein Land wie Bosnien haben könnte. Washington hat andere Ziele: Es will Geld verdienen und vor allem geopolitische Fakten schaffen. Wirtschaftsprojekte dienen als Hebel, um die amerikanische Vormacht in der Region zu festigen – etwa indem es mit Tourismusprojekten Chinas expansionistische Wirtschaftspolitik an der albanischen Adria ausbremst oder mit einer Pipeline die russische Vorherrschaft auf Bosniens Energiemarkt durchbricht. Die Politiker auf dem Balkan greifen dankbar zu, begeben sich damit aber auf riskantes Terrain.Passend zum Artikel