Michael Gilpin wohnt seit ein paar Monaten in einer Siedlung aus Tiny Houses. So muss er wenigstens nicht mehr in seinem Auto auf der Straße schlafen. Das Tiny House aus Plastik besteht nur aus einem Raum. Die Wohnfläche von sechs Quadratmetern muss sich Gilpin mit einem anderen Mann teilen. Der frühere Restaurantmanager vergleicht die Unterkunft mit einer „Gefängniszelle“. Aber: „Es ist besser als auf der Straße, keine Frage.“Außerdem müsse er sich in seiner neuen Unterkunft nicht mit Kakerlaken herumschlagen, sagt der 44 Jahre alte Mann. Gilpin ist einer von ein paar Tausend Menschen, die davon profitiert haben, dass Los Angeles Hunderte Millionen Dollar in die Bekämpfung von Obdachlosigkeit steckt. Dabei geht es auch um das öffentliche Bild der zweitgrößten Stadt der USA.Acht Spiele der Fußballweltmeisterschaft werden in Los Angeles ausgetragen. Das ist ein Grund mehr für die Metropole, etwas gegen die weitverbreitete Obdachlosigkeit zu tun. Bürgermeisterin Karen Bass von der Demokratischen Partei setzt dazu auf Tiny Houses. Viele Touristen sind schockiert, dass es so viele Obdachlose gibt in einer Stadt, die das Zuhause der Reichen und Schönen zu sein scheint.Michael Gilpin teilt sich ein Minihaus mit einem anderen Bewohner.AFPAuf Gehwegen überall in der Stadt sind Zeltlager von Obdachlosen zu sehen. Menschen, die erst vor Kurzem ihre Wohnung verloren haben, teilen sich die Straße mit Drogenabhängigen und Menschen mit schweren unbehandelten psychischen Erkrankungen.Auch Olympische Spiele in Los AngelesBürgermeisterin Bass hat daher die Bekämpfung der Wohnungslosigkeit zu Beginn ihrer Amtszeit vor drei Jahren zu einer Priorität erklärt. Sie weitete die Initiativen aus, durch die Tausende Menschen zumindest eine einfache Unterkunft bekommen, wie in Hotels oder Minihäusern. Los Angeles soll nicht nur für die Fußballweltmeisterschaft, sondern auch für die Olympischen Sommerspiele präsentabler werden, die 2028 hier ausgetragen werden.Die Bemühungen beginnen Früchte zu tragen: Mittlerweile sind auf den Boulevards von Hollywood und Venice Beach weniger Camps aus Zelten und voll bepackten Einkaufswagen zu sehen. Die jüngste Volkszählung, die vergangenes Jahr veröffentlicht wurde, ergab einen Rückgang der auf der Straße lebenden Menschen um 17,5 Prozent binnen zwei Jahren. Das ist der stärkste Rückgang seit der Erhebung der Daten in Los Angeles vor zwei Jahrzehnten.Dennoch hat Obdachlosigkeit weiterhin ein immenses Ausmaß. Im Bezirk Los Angeles, zu dem auch die Vororte der Metropole gehören, gibt es nach offiziellen Angaben 72.000 Wohnungslose, von denen 47.000 auf der Straße schlafen.Auch in Venice Beach sind Obdachlose weiter alltäglich: Während nahe dem berühmten Strandboulevard die Aufbauarbeiten für das offizielle „Fan-Haus“ des US-Fußballverbandes auf Hochtouren laufen und alles auf Hochglanz geputzt wird, stehen nur eine Straßenecke weiter abgewrackte Autos und Zelte, in denen Obdachlose wohnen.Im San Fernando Valley nördlich von Los Angeles verteilt der Aktivist Armando Covarrubias auf seinen täglichen Runden Wasserflaschen, Snacks und Fertigsuppen an Obdachlose. „Leider gibt es nicht genügend Betten, nicht genügend Notunterkünfte“, sagt Covarrubias, der für die Organisation Hope The Mission arbeitet. In seinem Zuständigkeitsgebiet ist die Zahl der Wohnungslosen „vier- oder fünfmal so hoch wie die der Betten“.Auf der Suche nach einer UnterkunftAls die städtischen Behörden vergangenen Monat ein Zeltlager von Obdachlosen entlang einer Bahnstrecke auflösten, konnte Covarrubias nicht für alle Betroffenen eine Unterkunft finden. In der Folge sei wieder rund ein Dutzend Zelte aufgebaut worden.Zwischen den Planen sagt eine Frau namens Maggie, sie hoffe, nach zehn Jahren auf der Straße endlich eine Bleibe zu bekommen. Sie stehe schon seit drei Monaten auf einer Warteliste, „damit sie mir helfen“, sagt sie.Doch auch diejenigen, die einen Platz in einer Unterkunft ergattern, haben damit nicht unbedingt eine dauerhafte Lösung gefunden. Schließlich gelten in den Unterkünften strenge Regeln wie ein Besuchsverbot, die nicht jeder einhalten kann.Und auch ein Hotelzimmer oder ein Tiny House ist für viele keine Dauerlösung. Im Rahmen des 300-Millionen-Dollar-Programms bekamen bis Ende vergangenen Jahres 5800 Menschen eine solche Unterkunft. Allerdings lebten 40 Prozent von ihnen später wieder auf der Straße.Los Angeles leidet weiter unter einer Wohnungskrise, die im Grunde ganz Kalifornien betrifft. Fachleuten zufolge werden im bevölkerungsreichsten US-Bundesstaat nicht genügend günstige Wohnungen gebaut. Die Ausgaben fürs Wohnen verschlingen einen unverhältnismäßig großen Anteil der Gehälter. Schon kleinere Einkommensausfälle können daher Folgen haben.So erging es dem Wartungsarbeiter Michael Reyes. Nach einem Arbeitsunfall verdiente er nicht mehr genug für seine regelmäßigen Ausgaben in einer Stadt, in der schon ein Ein-Zimmer-Apartment im Durchschnitt 1800 Dollar kostet. Reyes verlor seine Wohnung, schlief ein Jahr lang in seinem Auto und lebt nun in einem der Tiny Houses. Der 59 Jahre alte Mann glaubt nicht an eine nachhaltige Verbesserung der Wohnungspolitik in der Stadt. „Sie machen das nur für die Touristen“, sagt er.