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Chef des Weltwirtschaftsforums: „Es gibt nichts, was Europa nicht kann“ WEF-Chef Alois Zwinggi sieht Europas größtes Problem nicht im fehlenden Wissen, sondern im fehlenden Mut zum Risiko – und nennt einen Hebel, der am schnellsten wirken könnte.
Annett Meiritz, Tom Thiele 11.06.2026 - 08:40 Uhr Artikel anhörenWEF-Chef Alois Zwinggi: „Wir haben das Wissen, hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine starke industrielle Basis.“ Foto: picture alliance/KEYSTONEBerlin. So viel Optimismus hört man derzeit selten. „Die Globalisierung ist nicht tot“, sagt Alois Zwinggi, neuer Chef des World Economic Forum (WEF), des Ausrichters des legendären – und umstrittenen – Weltwirtschaftsgipfels von Davos.Gerade in Zeiten des Irankriegs, von Energieengpässen und eines kühlen Verhältnisses zu US-Präsident Donald Trump müsse Europa auf seine Stärken setzen, betont Zwinggi: „Wir haben das Wissen, hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine starke industrielle Basis.“Das Handelsblatt hat ihn am Rande des Treffens gesprochen. Im Laufe des Gesprächs weicht der Optimismus zuweilen Sorge: Bei den wirtschaftlichen Folgen des Irankriegs sieht er eine neue „Eskalationsstufe“. Er verrät auch seine Pläne für Davos 2027.Lesen Sie hier das vollständige Interview mit dem WEF-CEO Alois Zwinggi:Herr Zwinggi, das Aus für das Kampfflugzeugprojekt FCAS zeigt, dass die dringend benötigte Zusammenarbeit zwischen Politik und Privatwirtschaft auch scheitern kann, gerade in einer geopolitisch heiklen Zeit. Wie groß ist dieser Rückschlag für die europäische Verteidigungsindustrie?Die Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Privatsektor ist ein fortlaufender Prozess. Wer dauerhaft an solchen Themen arbeitet, erlebt auch Rückschläge. Sicherlich ist nun wertvolle Zeit verloren gegangen. Die Reaktion von Öffentlichkeit und Medien zeigt zugleich, wie wichtig ein Erfolg gewesen wäre. Aus Sicht des World Economic Forum bleibt aber klar: Wir werden weiterhin die öffentliche Hand und den Privatsektor ermutigen, zusammenzuarbeiten.Es fehlte bei FCAS weder am Geld noch an den Ambitionen. Gescheitert ist das Projekt offenbar an Bürokratie und langsamer Abstimmung. Ist das nicht frustrierend?Möglicherweise lag es auch an unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie diese Zukunft gestaltet werden soll. Wir sprechen hier von souveränen Staaten mit eigenen Interessen. Zusammenarbeit funktioniert nur dann, wenn sich die strategischen Ziele ausreichend überschneiden. Vita Alois Zwinggi Alois Zwinggi ist seit März 2026 Präsident des Weltwirtschaftsforums. Seit 2010 bekleidet er verschiedene Führungspositionen beim WEF. Vor seinem Eintritt war er mehr als 20 Jahre beim Baustoffkonzern Holcim tätig. Er hatte Führungspositionen in ganz Europa und Lateinamerika inne, darunter leitende Funktionen im Finanz- und Betriebsbereich in Mexiko und Venezuela. Zwinggi studierte Wirtschaftswissenschaften an der Universität St. Gallen und absolvierte eine Executive Education an der Harvard Business School.Das World Economic Forum, kurz WEF, wurde 1971 als Non-Profit-Organisation gegründet. Es sieht sich an der Schnittstelle zwischen Geopolitik, Politik und Privatwirtschaft. Die Jahrestagung im Schweizer Skiort Davos ist weltberühmt und gilt als die größte ihrer Art. In diesem Jahr zog sie 65 Staats- und Regierungschefs sowie rund 850 internationale Unternehmen an.Der Kontrast zu den USA könnte kaum größer sein. Elon Musk geht diese Woche mit SpaceX an die Börse und wird damit wohl der erste Billionär der Welt. Warum bekommen wir solche Erfolgsgeschichten nicht hin?Die USA haben eine lange Tradition erfolgreicher Unternehmensgründungen, aber auch des Scheiterns. Dort wird Scheitern gesellschaftlich anders bewertet. In Europa ist es deutlich schwieriger, nach einem Fehlschlag wieder durchzustarten. Das wirkt sich auf die Innovationskraft aus. Amerikanische Unternehmer denken häufig größer, gehen höhere Risiken ein und finden leichter Kapital. Elon Musk hat klein angefangen und auch Rückschläge erlebt. Dennoch konnte er Investoren immer wieder überzeugen. Genau hier hat Europa Nachholbedarf.Kommentar Amerikanischer Größenwahn trifft auf europäische Schwerfälligkeit Annett MeiritzSie sind auf Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin. Anlass ist das einjährige Bestehen der Initiative „Leaders for Growth and Competitiveness“, die gemeinsam mit der EU ins Leben gerufen wurde. Was hat sich schon getan?Ziel ist es, Unternehmen, Wissenschaft und staatliche Akteure zusammenzubringen, um Innovationen voranzutreiben, etwa in den Bereichen Energie, Finanzmärkte oder Künstliche Intelligenz. Vor allem haben sich die Beteiligten kennengelernt und Vertrauen aufgebaut. Dazu wurden in allen Themenfeldern Fortschritte erzielt. Gerade im Energiebereich gibt es interessante Entwicklungen. Die jüngsten geopolitischen Spannungen rund um die Straße von Hormus haben den Handlungsdruck natürlich zusätzlich erhöht.Viele Ökonomen befürchten, dass die härtesten wirtschaftlichen Folgen des Irankriegs erst noch kommen. Wie bewerten Sie die Lage?Der Fokus liegt derzeit vor allem auf Öl und Energie. Weniger beachtet wird aus meiner Sicht die mögliche Auswirkung auf Düngemittel und damit auf die Nahrungsmittelversorgung. Das könnte eine zusätzliche Eskalationsstufe dieser Krise sein. Wir hören von vielen Volkswirtschaftsexperten, dass das Wachstum im kommenden Jahr negativ beeinflusst werden dürfte. Ob uns das Schlimmste noch bevorsteht, hängt wesentlich davon ab, ob eine Deeskalation gelingt. Das lässt sich derzeit schwer vorhersagen.Wie soll Europa unter diesen Bedingungen überhaupt noch auf einen Wachstumspfad zurückfinden?Europas große Stärke ist seine Stabilität, wirtschaftlich wie politisch. Es gibt nichts, was Europa nicht kann. Das sollten wir uns stärker bewusst machen. An unseren Universitäten entsteht Forschung auf höchstem Niveau, die den USA in nichts nachsteht. Wir haben das Wissen, wir haben hervorragend ausgebildete Fachkräfte und eine starke industrielle Basis. Jetzt müssen wir konsequent handeln.Konferenz Biocap Wie Europa den globalen Biotech-Wettbewerb doch noch gewinnen kann Wo gibt es am ehesten Potenzial für schnelle Fortschritte?Mit einer Reform der Kapitalmärkte ließe sich vermutlich am schnellsten die größte Wirkung erzielen. Ein zweites großes Thema ist Energie. Zwar haben wir nicht dieselben Rohstoffvorkommen wie andere Regionen, aber wir besitzen die Kompetenz, unterschiedlichste Energiequellen erfolgreich zu nutzen. Die Entwicklung in den USA zeigt zugleich, wie wichtig es für Europa ist, seine Beziehungen zu anderen Weltregionen auszubauen. Indien etwa wird als Absatzmarkt ebenso wie als Quelle von Talenten immer wichtiger.Der Irankrieg wirkt wie ein massiver Katalysator für einen europäischen Green-Tech-Boom – während die USA unter Donald Trump energiepolitisch in die Gegenrichtung laufen. Inwiefern ist das ein Problem?Energiepolitik muss drei Ziele gleichzeitig erfüllen: Verfügbarkeit, Bezahlbarkeit und Nachhaltigkeit. Für Europa wird das anspruchsvoll, aber es ist notwendig. Die USA werden weiterhin eine zentrale Rolle dabei spielen, als Technologieanbieter und insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz. KI wird für die Energiewende enorm wichtig sein. Viele Durchbrüche werden erst durch den Einsatz von KI möglich werden.Sie haben Europa als stabilen Raum beschrieben. Man könnte aber auch sagen: Europa gerät zunehmend in eine Zuschauerrolle zwischen den Handels- und Technologiekriegen der großen Machtblöcke. Im Fall des Irankriegs sind wir sogar in einer Opferrolle. Wie sehen Sie das?Sich in eine Haltung der Starre und Ohnmacht zurückzuziehen, wäre der falsche Weg. Ja, wir haben möglicherweise Zeit verloren und uns stark auf globale Lieferketten verlassen. Das bekommen wir nun zu spüren. Aber Globalisierung ist nicht tot. Sie muss neu gedacht und neu organisiert werden. Unternehmen müssen ihre Strategien entsprechend anpassen.Für Europa fühlt sich diese neue Globalisierung allerdings deutlich unbequemer an als früher.Wahrscheinlich erleben wir gerade eine Rückkehr zu Inflationsraten, die historisch eher normal sind, wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren. In den vergangenen Jahrzehnten profitierten wir von extrem effizienten Lieferketten und entsprechend niedrigen Kosten. Die jetzige Lage könnte Europa motivieren, sich strategischer mit der Versorgungssicherheit bei Rohstoffen auseinanderzusetzen und neue Partnerschaften aufzubauen.Blockierte Straße von Hormus: Die Meerenge gilt als eine der wichtigsten Seehandelsrouten der Welt. Foto: AFPSie rechnen also mit dauerhaft höheren Inflationsraten. Die bekommen vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen zu spüren. Gleichzeitig bleibt das Wachstum schwach. Das Einzige, was steigt, sind Börsenkurse. Drohen damit nicht neue gesellschaftliche Spannungen?Das ist durchaus ein realistisches und zugleich besorgniserregendes Szenario. Hier sind Regierungen ebenso gefordert wie Unternehmen. Wir setzen uns für sozial verantwortungsvolles Unternehmertum ein. Unternehmen sollten sich fragen, welche Rolle sie in einer Gesellschaft spielen wollen, die mit solchen Herausforderungen konfrontiert ist. Ich habe viele Jahre in Lateinamerika gearbeitet und erlebt, wie Unternehmen teilweise Aufgaben übernehmen mussten, die eigentlich dem Staat zufallen. Das muss nicht das europäische Modell sein. Aber es zeigt, dass Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung tragen.Donald Trump war beim diesjährigen Davos im Januar ein Publikumsmagnet. Soll er 2027 wiederkommen?Wir laden grundsätzlich alle Staats- und Regierungschefs der G20 ein. Das gilt selbstverständlich auch für den amerikanischen Präsidenten. Für unsere Gäste ist es wichtig, die Stimme des Präsidenten der größten Volkswirtschaft der Welt zu hören. Gleichzeitig sollten wir nicht vergessen, dass am Jahrestreffen 2026 auch andere internationale Akteure wichtige Reden hielten ...Wer blieb Ihnen da besonders im Gedächtnis?Der kanadische Premier Mark Carney, der französische Präsident Emmanuel Macron oder der indonesische Präsident Prabowo Subianto. Und ich glaube, in Europa vernachlässigt man zuweilen die Stars der chinesischen Politik, schließlich hatten wir den chinesischen Vizepremier He Lifeng auf der Bühne. Verwandte Themen EuropaUSAAsienBerlinFriedrich MerzDonald TrumpWird China, und Asien insgesamt, in Davos künftig noch stärker vertreten sein?Asien ist eine Schlüsselregion. Wir werden alles daransetzen, dass sie beim nächsten Jahrestreffen prominent vertreten ist. Als Organisation verstehen wir uns als neutral und unparteiisch, ganz in Schweizer Manier. Unser Ziel ist es, eine Plattform für alle relevanten Stimmen zu bieten, und dazu gehört Asien unbedingt.Wie belastend war die Verbindung des World Economic Forum mit den Epstein-Enthüllungen? Ihr Vorgänger-CEO Børge Brende trat wegen früherer Kontakte zu Jeffrey Epstein zurück.Die Organisation hat ihre Hausaufgaben gemacht. Die Vorwürfe wurden von einer externen Kanzlei untersucht, personelle Konsequenzen wurden gezogen und wir haben unsere Strukturen überprüft. Solche Krisen sind immer Anlass, Governance und Prozesse zu verbessern. Als Schweizer Stiftung unterliegen wir zudem einer strengen Aufsicht und arbeiten eng mit den Behörden zusammen. Operativ steht das World Economic Forum heute sehr gut da. Wir haben mehr Partner als vor einem Jahr. 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