PfadnavigationHomeICONISTTrends„Ladies First“„Wenn Männer nicht wenigstens einmal pro Woche ejakulieren, werden sie so launisch und aggro!“Stand: 07:08 UhrLesedauer: 5 MinutenRosamund Pike als typisch männlicher Boss – aber als Frau. Welche Botschaft hat das?Quelle: Rob Youngson/NetflixFrauen gehen mit Männern um, wie Männer sonst mit Frauen umgehen: sie nehmen sie nicht ernst, pfeifen ihnen nach, wollen über ihr Sperma bestimmen. Eine ganz lustige Filmidee. Die Männern die Augen öffnen soll. Aber dabei eine Sache vergisst.Damien ist in den schummrigen Gängen von „Victor's Secret“ unterwegs. Sein Freund erklärt ihm ein paar grundlegende Dinge aus dem Leben eines Mannes: „Wenn du zu hässlich bist, werfen sie dich raus, bevor du es überhaupt bemerkst. Wenn du aber zu gut aussiehst, wird dich keiner je ernst nehmen, egal, wie gut deine Arbeit ist. Dein Aussehen muss also genau diesem einen, schmalen Fenster dazwischen liegen.“ Dann schleppt er Damien zu den Umkleidekabinen, wo ein rabiater Verkäufer seine Hoden vermessen will – er brauche schließlich dringend einen Hodenhalter, damit all das da unten nicht „wie ein paar Golfbälle in einer alten Socke herum baumelt“. Und für die Frauen gut aussieht, bequem muss es nicht sein. Es sind Szenen wie diese, weshalb der neue Netflix-Film mit Sacha Baron Cohen (Borat), aktuell gefeiert wird, in den Top 10 der Streaming-Charts steht. „Ladies First“ erzählt die Geschichte des sehr stereotyp-toxischen Machos Damien, der nach einem Schlag auf den Kopf in einer alternativen Realität aufwacht, in der Frauen all das sind und tun, was sonst Männern zugeschrieben wird: Sie haben die Macht (politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich), die Jobs, die Attitüde, die Vorurteile. Sie, ja, furzen und sagen „Lächel doch mal!“ zu ihren männlichen Angestellten. Männer gelten als das „schwächere Geschlecht“, werden auf ihr Äußeres reduziert, erleben Benachteiligungen im Berufsleben und müssen sich in einer Welt zurechtfinden, deren Regeln von Frauen bestimmt werden. So reibt sich eine Frau in der U-Bahn an Damien, er wird herablassend behandelt, darf in Meetings nicht aussprechen, wird gefragt, ob er etwa diese Woche noch nicht masturbiert habe – „Ich schwörs euch, wenn Männer nicht wenigstens einmal pro Woche ejakulieren, dann werden sie so launisch und aggro!“„My sperm, my choice!“So weit, so ok-funny. Dann ist da noch Päpstin Beatrice, Frau der Ringe, Harriet Potter und Burger Queen, die mit einem nackten Mann für den Whopper wirbt. Ja, es gibt wirklich viel Männlich-Geprägtes in unserer Umwelt: Literatur, Straßennamen, Werbung. Und ja, das zeigt dieser Film, der sich der Rollenumkehr als einem der wirkungsvollsten Mitteln gesellschaftlicher Satire bedient. Sie kann Machtverhältnisse sichtbar machen, indem sie vertraute Mechanismen in ungewohnte Kontexte überträgt. Ein Mann, der herablassend „Hübscher“ genannt wird, eine Männergruppe, die in Strickjacken in der Büroküche sitzt und Abnehm-Müslis löffelt? Männer, die demonstrieren müssen: „My sperm, my choice!“ Was im Alltag häufig so hingenommen wird, erscheint plötzlich absurd. Und das funktioniert auch hier: Belästigung, Herablassung, Objektifizierung oder doppelte Standards erscheinen in „Ladies First“ befremdlich, weil sie plötzlich Männer treffen. Gute Satire arbeitet mit Verzerrung. Sie erklärt gesellschaftliche Missstände nicht, sondern macht sie sichtbar, indem sie sie überzeichnet. Und vor allem Männer, die es so nun indirekt durch den Protagonisten „am eigenen Leib“ erleben, sollen es jetzt einmal verstehen. Aber gleichzeitig sind genau diese Storyline und dieser Dreh ein Problem für das hehre Ziel des Films – und erweisen dem Feminismus vielleicht sogar einen Bärendienst. Denn die Frauen im Film verhalten sich exakt so, wie Männer in feministischen Kritiken prototypisch beschrieben werden. Sie belästigen, nutzen ihre Position aus, treffen Entscheidungen auf Grundlage von Vorurteilen und reproduzieren die Demütigungen, die in der Realität häufiger Frauen treffen. Der Film verlässt sich so stark auf die Mechanik der Umkehrung, dass er die Chance auf ein wirkliches Augenöffnen liegen lässt, auf oft recht platte Witze setzt, statt zu zeigen, was wirklich anders wäre, würden wir in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben. Die Frage lautet also, ob der Film klar genug macht, worauf seine Satire eigentlich zielt. Mächtige Männer sind doof, mächtige Frauen auchDenn er lässt eben auch den Rückschluss zu: Wer die Macht hat, missbraucht sie. Wer die Welt regiert, wird korrumpiert. Das Problem ist nicht die patriarchale Sozialisation. Das Problem ist schlicht: Macht. Mächtige Männer sind doof, mächtige Frauen am Ende aber auch. Kann sein – will der Film das wirklich als Botschaft mitgeben? Ohne es zu hinterfragen? Untergräbt der Film hier nicht seine eigene feministische Prämisse, ist zu wenig eindeutig? Wäre es nicht viel revolutionärer und feministischer, eine Welt zu zeigen, die von Frauen regiert wird, die sich auch wie Frauen verhalten? Können wir uns das nicht vorstellen? Oder wären Frauen dann wirklich wie Männer? Reicht Island mit seiner weiblichen Führung als Inspiration?Lesen Sie auchEine Gesellschaft, die wirklich von Frauen dominiert wird, würde sich doch hoffentlich gerade nicht über „die Zeit im Monat“ lustig machen. Vielleicht gäbe es einen Nachteilsausgleich, überall gratis Tampons, Pflegerinnen (und Pfleger!) wären Millionäre, Erzieherinnen bekämen besonders viel Urlaub. Man könnte sie wie Kim Kardashian inszenieren, Reichtum und Wertschätzung ihrem gesellschaftlichen Wert entsprechend, nicht der Po-Größe. Der Alltag in dieser Welt wäre nicht sexistisch geprägt einem Geschlecht gegenüber. Man könnte sichtbar machen, dass bestimmte Verhaltensweisen nicht „natürlich“, sondern kulturell erlernt sind, zeigen, welche Mechanismen hinter Diskriminierung stehen. Oder wäre es zu langweilig, weil im Wortsinne märchenhaft? Damien fordert mit einer „Free the Nipple“-Aktion, seine männlichen Brustwarzen zeigen zu dürfen – klar, das demonstriert recht plump die gesellschaftliche Doppelmoral der Wahrnehmung von Brustwarzen. Aber könnte eben auch anders gelesen werden, etwa, dass körperliche Selbstbestimmung albern klingt, sobald Männer sie einfordern. Lesen Sie auchDer Film demonstriert Feminismus mit der bloßen Umkehrung von Demütigung, das funktioniert zu einem gewissen Grad, lässt aber eine große Chance liegen, die über das Sichtbarermachen von Missständen hinausgeht. Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass jetzt die anderen einmal dran sind, schlecht behandelt zu werden. Wie eine gleichberechtigte Welt wirklich aussähe, wissen wir nach diesem Film immer noch nicht.