Frau Thiede, sehen Sie Kindern an, ob sie zu häufig Medien nutzen?Wir sind eine Spezialambulanz für Kinder mit Kommunikationsstörung. Oft fragen Eltern: „Warum spricht mein Kind nicht? Warum interessiert es sich nicht für andere Kinder?“ Das sind typische Symptome von Autismus. Aber wir merken: Hoppla, die reagieren schon, die nehmen Blickkontakt auf, und die interessieren sich für Spielzeug. Dann entsteht der Verdacht: Das könnte mit der Mediennutzung zusammenhängen.Kinder, die zu viel auf dem Smartphone spielen, wirken zunächst, als seien sie von Autismus betroffen? Ja. Manche Kinder plaudern in einer Sprache vor sich hin, die keiner versteht, deren Melodie sich aber wie ein Youtube-Lied oder eine Kinderserie anhört. Oder das Kind hört nicht auf seinen Namen. Das hat es nicht gelernt, weil Medien einen nicht rufen. Der Unterschied zu Autismus ist: Wenn man sich dem Kind wirklich zuwendet und den Medienkonsum reduziert, kommt man zu ihm durch.Arnika Thiede ist Oberärztin an der Entwicklungsmedizinischen Ambulanz im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Linz.privatSie sind seit 30 Jahren Kinderärztin. Werden solche Fälle häufiger?Wir sehen das etwa seit 2017 vermehrt. Seitdem ist die Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, selbst zu Eltern geworden. Das sind Menschen, die selbst viel an digitalen Medien konsumieren. Einen zusätzlichen Anstieg gab es während Corona. Da folgte ein Rückzug in den digitalen Raum.Ab wann gilt denn bei Kindern die Mediennutzung als exzessiv?Das Risiko für Entwicklungsstörungen steigt bei mehr als zwei Stunden am Tag. Es ist gut belegt, dass die Sprachentwicklung beeinträchtigt sein kann und Aufmerksamkeitssteuerung, Daueraufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit leiden. Da ist egal, was man nutzt: Smartphone, Tablet oder Fernseher.Fachgesellschaften empfehlen: Bis zu einem Alter von drei Jahren gar keine Medienzeit. Dann höchstens 30 Minuten am Tag. Doch schon kleine Kinder sitzen deutlich länger vor Bildschirmen. Was bringen die Empfehlungen überhaupt?Sie bieten Orientierung und Klarheit. Eltern geben Kindern ein Smartphone, damit sie 20 Minuten beschäftigt sind. Daraus werden 60 Minuten. Empfehlungen machen klar, dass ewiges Rumwischen auf dem Handy schlecht ist.Da gibt es keine Ausnahme?Natürlich kann man mit kleinen Kindern auch mal Fotos auf dem Smartphone schauen – es gibt ja keine analogen Fotoalben mehr. Man kann auch ein Videotelefonat mit der Oma machen. Aber ich sage Ihnen: Das dauert keine zwei Stunden. Da gehen die Kinder nach zehn Minuten von allein weg.Eine zentrale Empfehlung bis zu einem Alter von neun Jahren lautet: Medienzeit nur gemeinsam mit Erwachsenen. Warum?Die Eltern sollen die Inhalte kennen und bewusst auswählen. Kinder verstehen Inhalte durch die schnellen Bildfolgen oft nicht.Reicht es, wenn die Eltern einfach daneben sitzen? Das bringt schon etwas, weil das Kind fragen kann. Noch besser wäre, Eltern fragen: „Hast du das kapiert?“, und besprechen das Gesehene.Wird die Mediennutzung so zu etwas Positivem? Die Art und Begleitung erscheint zwar wichtig, ein Bildschirm hat aber nicht die Fähigkeit, sich den Zusehern anzupassen, daher ist die gemeinsame Zeit ohne Bildschirm, etwa mit einem Bilderbuch, deutlich wertvoller.Kinder sollen sich auch allein ausprobieren, etwa auf dem Spielplatz. Gilt das in der digitalen Welt nicht?Das dürfen sie, wenn die Inhalte bewusst kindergerecht ausgewählt werden. Wenn man dem Kind etwas über Raketen beibringen will, kann man ihm ein angemessenes Youtube-Video öffnen, das es allein schaut. Auch mit einer Serie, die man kennt und einschätzen kann, kann man ein Kind mal allein lassen. Was, wenn die Begrenzung der Bildschirmzeit zum Streit führt?Man sollte bereits früh feste Bildschirmzeiten einführen. Hier ist eine transparente Regelung hervorzuheben, dadurch minimieren sich familiäre Diskussionen.Das Kind mit dem Handy ruhigzustellen ist nun mal sehr verlockend. Welche Alternative empfehlen Sie? Eltern erinnern sich heute offenbar nicht mehr daran, wie sie als Kinder gespielt haben. Sie haben oft keine Idee, was Spielen bedeutet. Man kann sich einfach mit dem Kind und ein paar Spielzeugautos auf den Fußboden setzen. Das Kind soll die Spielsequenz gestalten. Der Erwachsene kann sie mit Vorschlägen erweitern. Das ist ein phantastisches Erlebnis für viele Kinder.Das Ruhigstellen passiert oft im Restaurant.Dann sitzen die Kinder am Smartphone – und die Eltern auch. Früher hatte man einen Block und Buntstifte oder ein Kartenspiel. Das geht heute auch.Manche nutzen das Smartphone als Belohnung: Du warst brav, jetzt darfst du 20 Minuten lang etwas spielen. Ist das ein Problem? Nein, wenn es bei Ausnahmen bleibt. Man sollte nicht jedes positive Verhalten eines Kindes damit belohnen, dass es am Handy spielen kann.Mit welchen Hürden sehen sich Eltern konfrontiert, die die Medienzeit ihrer Kinder einschränken wollen? Die Haupthürde ist die eigene Handynutzung. Natürlich kann ich die Mediennutzung des Kindes kaum einschränken, wenn dieses kleine blinkende, piepsende oder vibrierende Kästchen ständig zwischen dem Kind und mir ist. Das Kind muss um die Aufmerksamkeit der Eltern mit dem Gerät konkurrieren. Wissen Sie, ein Säugling schläft 13 Stunden am Tag. Ich sage vielen jungen Eltern: Da haben Sie doch 13 Stunden Zeit, aufs Handy zu gucken. Zenloop Survey