Herr Seibel, die Ukraine hat in ihrem Abwehrkrieg gegen Russland Fähigkeiten entwickelt, Wirkungstreffer tief im Hinterland zu erzielen, und das zuletzt sogar am Rande von Putins Wirtschaftsforum in St. Petersburg demonstriert. Russland wiederum überzieht ukrainische Städte mit den härtesten Raketen- und Drohnenangriffen seit Langem. Erleben wir gerade die nächste Stufe der Eskalation?Ja, das ist eine weitere Eskalation. Aber diesmal ist der Grund, dass die Ukraine einen großen Druck auf die Lieferketten des Feindes ausüben kann. Den Russen ist klar, dass sie den Krieg tatsächlich verlieren können, wenn das noch eine Zeit lang so weitergeht. Auf der Krim wird schon der Sprit rationiert. Ich sehe das schon als eine Art der Verzweiflungstat der Russen.Die aber umso härter ausfällt, weil zunehmend moderne Hyperschallwaffen zum Einsatz kommen. Dagegen können sie und ihre ukrainischen Partner mit ihren Drohnenabwehrsystemen wenig ausrichten.Natürlich kann sich die Ukraine nur mit dem wehren, was man ihr zur Verfügung stellt oder was sie sich selbst aufgebaut hat. Die langsameren Schwärme von Shahed-Drohnen haben sie sehr gut im Griff. Aber eine eigene Alternative zum Patriot-System konnte das Land im Krieg natürlich so schnell nicht aufbauen. Deshalb braucht die Ukraine jetzt eigentlich nochmals die richtigen Antworten aus dem Westen, die man ihr aber wieder nicht ausreichend zur Verfügung stellt.„Putin würde das als Einladung zur Eskalation nutzen.“Dominik GierkeDas Leid ist groß. Wie lange kann das Land das aushalten?Gute Frage. Es kommt entscheidend auf das russische Arsenal an solchen Waffen an. Hat Putin eher Hunderte oder viele Tausend dieser Raketen? Das ist wohl ein sehr gut gehütetes Geheimnis. Aber wenn die Ukraine es weiterhin schafft, ihre Nadelstiche zu setzen, kann es auch sein, dass Putin im eigenen Land unter Druck gerät und sich bewegen muss. Zurzeit ist es wieder mal eine schwierige Situation für die Ukraine, aber keine aussichtslose.In den angrenzenden NATO-Ländern steigt die Anspannung: Die polnische Luftwaffe ist alarmiert, und in Rumänien ist eine russische Drohne eingeschlagen.Die Frage wird sein, ob der Westen eine geschlossene Antwort auf diesen Angriff auf Rumänien findet, ob er nun beabsichtigt war oder nicht. Putin jedenfalls würde einen solchen Vorfall wiederum sofort als Einladung zur Eskalation nutzen. Die NATO müsste prüfen, ob hier nicht der Bündnisfall nach Artikel 5 vorliegt. Man muss ja nicht gleich Bodentruppen schicken, aber eine Schließung des ukrainischen Luftraums wäre ein deutliches Zeichen.Ein ordentlicher Auftrag aus dem SAFE-Programm der Europäischen Union für Rumänien ging immerhin gerade an Quantum Systems. Was beinhaltet dieser genau?Wir werden für rund 30 Millionen Euro weitere Drohnensysteme liefern. Durch verschiedene Optionen kann daraus später auch ein dreistelliges Millionenvolumen werden. Damit muss Rumänien jetzt seine Lücken schließen. Wir bauen gerade in Rumänien auch ein Werk, wo wir einen Teil unserer Systeme produzieren werden.Quantum Systems muss ohnehin viele Produktionskapazitäten aufbauen, allein um den Auftrag für 15.000 Strila-Drohnen für die Ukraine aus dem Frühjahr zu erfüllen.Das Volumen wurde mittlerweile auf 25.000 erweitert. Ein Teil der Fabrik in der Ukraine ist fertig, und die ersten zweieinhalbtausend Drohnen sind ausgeliefert. Tausende weitere kommen monatlich dazu.Das ist eine imposante Entwicklung. Dennoch braucht es ja für eine effektive Drohnenabwehr bestimmt das zehnfache Volumen.Ja, aber wir sind ja nicht der einzige Lieferant der Ukraine. Zusammen können wir schon 200.000 bis 300.000 Drohnen liefern.Die technische Entwicklung auf dem Kampffeld ist enorm hoch. Wie sieht derzeit eine effektive Drohnenabwehr aus?Die Entwicklung geht hin zu automatisierten Drohnenbatterien, ähnlich wie bei Patriotraketen. Dann wird nicht mehr jede Drohne per Hand gestartet, sondern aus einer Art Container, der dann 50 oder 100 Drohnen beinhaltet. Diese Containerlösungen sind einfacher zu positionieren, etwa an bekannten Einflugrouten. Zudem wird sich die Zuverlässigkeit der Systeme erhöhen. Derzeit wird noch viel per Hand gesteuert, künftig wird die Künstliche Intelligenz stärker übernehmen und damit die Trefferwahrscheinlichkeit erhöhen. Derzeit fangen wir je nach System zwischen 50 und 80 Prozent der Angreifer ab, künftig soll es in Richtung 90 Prozent gehen. Dann werden die Shahed-Drohnen hoffentlich wirkungslos.Wie bleiben Sie bei dem Entwicklungstempo auf dem Laufenden, was die Angreifer angeht?Dafür sind soziale Medien eine wahre Fundgrube. Dort findet sich alles, von Bauanleitungen bis zu Handbüchern zu den jüngsten Produktvarianten. Außerdem bekommt man immer wieder auch Angriffsdrohnen in die Hände, die in einem Getreidefeld gelandet sind, weil ihnen der Sprit ausgegangen ist oder die beim Aufprall nicht detoniert sind. Da lässt sich schon einiges herausziehen.Sensible Daten über Waffensysteme, auf die früher Heerscharen von Spionen angesetzt waren, werden heute im Netz frei geteilt?Ja, das ist auch die Strategie der Ukrainer. Die füttern gezielt ihre Industrie mit allen Daten, um Innovationen zu beschleunigen. Da gibt es keine Geheimnisse untereinander, und das funktioniert gut. Wenn es ums Überleben geht, rücken wirtschaftliche Interessen in den Hintergrund.Rheinmetall-Chef Armin Papperger hat unlängst viel Kritik einstecken müssen, weil er bei der Beurteilung der Innovationskraft der ukrainischen Rüstungsindustrie von Hausfrauen und Legosteinen sprach. Was denken Sie darüber?Auf eine kurze Formel gebracht, weisen die Ukrainer eine hohe Innovationsgeschwindigkeit auf. Viele schnelle Iterationen – das ist ein Mindset. Sie streben nicht die perfekte Goldrandlösung an, die dann nie fertig wird, sondern setzen auf sehr schnelle, dezentrale Weiterentwicklungen. Ich unterstelle Herrn Papperger, dass er das meinte, als er sich so unglücklich und abfällig ausgedrückt hat.Das sind ja schon fast versöhnliche Töne gegen den Platzhirsch Rheinmetall, den sie sonst gern kritisieren.Es ist einfach logisch, dass die Produktion durch hundert Hausfrauen weniger gefährdet ist als in einer großen Fabrik. Wenn ich viele Anbieter für Drohnenabwehrsysteme habe, dann stehen diese miteinander in Konkurrenz, lernen voneinander, und man kommt schneller ans Ziel als mit einer Rheinmetall, die für alles zuständig ist.Börsengang? Quantum System sei bereit, sagt Seibel. Zunächst steht aber eine große Finanzierungsrunde an.Dominik GierkeDas nennt man Wettbewerb.Eben. Die Amerikaner haben es doch vorgemacht, wie es nicht geht. Dort hat man die Industrie Ende der 90er-Jahre aus preisstrategischen Gründen fusioniert, und das Ergebnis war, dass die Preise nach oben gegangen sind, die Qualität nach unten und es auch zu großen Lieferverzögerungen kam. Den gleichen Fehler machen wir auch, wenn wir Rheinmetall mit einem Auftragspolster in Richtung 70, 80 oder gar 100 Milliarden Euro ausstatten und damit vor allem deren Aktienkurs stützen. Anstatt das Geld aus dem riesigen Schuldenprogramm dort auszugeben, wo es aktuell gebraucht wird. Und was nicht in zwei Jahren geliefert werden kann, das wird erst gar nicht bestellt. So erzwingt man Geschwindigkeit und Innovation.Der Haushaltsausschuss des Bundestags hat zuletzt ein paar Projekte gestoppt.Ja, das stimmt, aber die müssten noch viel mehr stoppen. Im Prinzip müsste alles auf den Prüfstand gestellt werden. Bisher ist das nur ein kleines Knirschen im Getriebe der Lobbyisten von Rheinmetall und den anderen arrivierten Spielern. Es wird verzweifelt daran festgehalten, die eine Brigade in Litauen auszustatten, und dafür sind wir bereit, viele Milliarden auszugeben. Davon kaufen wir zum Beispiel neue Digitalfunkgeräte, die offensichtlich technische Probleme haben, anstatt mal ein paar Tausend Exemplare am Markt zu erwerben, die schon funktionieren.Die Zeit drängt, und für die Bundeswehr scheint es wohl weniger riskant zu sein, bei einem etablierten Vollsortimenter einzukaufen wie Rheinmetall als bei Start-ups, die ihre Produktion parallel noch aufbauen müssen.Aber Rheinmetall glänzt doch nicht durch Liefertreue. Die 30 Sky-Ranger-Systeme für die Bundeswehr sind jetzt schon 16 Monate in Verzug, und niemand weiß, wie lange es am Ende wirklich dauert. Ich bleibe dabei, man sollte 20 bis 30 Prozent der Rüstungsmilliarden in neue Anbieter stecken und auch nicht gleich alles ausgeben. Damit bleiben wir flexibel.Müssen Quantum Systems und die anderen neuen Unternehmen nicht noch schneller versuchen, zu wachsen und eine relevante Größe zu erreichen, anstatt die „Helft den Start-ups“-Karte zu ziehen?Wir ziehen diese Karte nicht. Wir überzeugen mit funktionsfähigen Produkten, die auch lieferfähig sind. Es ist klar, dass die europäische Rüstungsindustrie nicht aus 1000 Start-ups und drei, vier großen Spielern bestehen kann. Aber es gibt ja noch etwas dazwischen, einen Mittelbau an Unternehmen mit vielleicht 5000 Mitarbeitern. Da wollen wir hinkommen. Dafür wollen wir unseren Umsatz von 300 Millionen Euro im vergangenen Jahr 2026 verdoppeln und im kommenden Jahr auf rund 1,2 Milliarden Euro nochmals steigern. Wir sind auf Kurs.Vor der Luft- und Raumfahrtmesse ILA diese Woche in Berlin zeigen Sie im Internet Schnipsel ihrer neuen bewaffnungsfähigen Mehrzweckdrohne Pulse P19. Was werden Sie genau vorstellen?P19 ist unsere Antwort auf sich rasant ändernde Anforderungen. Ein Fluggerät in der Klasse vier bis fünf Tonnen, das optional auch unbemannt fliegen kann. Wie alle unsere Produkte vereint es viele Fähigkeiten in einem System. Wir werden P19 in den Rollen Trainer, Drohnenabwehr, Aufklärung und auch als leichtes Kampfflugzeug anbieten. Der Erstflug ist bereits für 2027 anberaumt. Auf der ILA sprechen wir schon mit ersten Kunden, welche ab 2028 mit dem Zulauf rechnen können.Sie kommunizieren ohnehin viel auf Plattformen, etwa zuletzt ihre Ambitionen, den Geschwindigkeitsrekord für Drohnen mit mehr als 700 Stundenkilometern zu brechen. Ist das Marketing, oder hat es auch einen seriösen Hintergrund?Sie können das Marketing nennen. Wir erreichen damit, dass wir Menschen für die Arbeit bei uns begeistern können. Wir wollen an die Grenzen des Machbaren gehen und schnell daraus lernen. Das ist so ähnlich wie mit der Formel 1 und der Autoindustrie. Wenn die Angriffsdrohnen immer schneller werden, müssen wir das auch.Wann schließen Sie Ihre nächste Finanzierungsrunde ab, die dem Vernehmen nach bis zu 800 Millionen Euro schwer ist, und was machen Sie mit dem Geld?Wir sind auf der Zielgeraden. Es geht noch um einige Tage. Damit haben wir dann die Möglichkeit, unsere Produktion nochmals zu erweitern und auch strategisch zuzukaufen.Am Finanzplatz wird auch schon länger über einen Börsengang von Quantum Systems spekuliert, zumal das Interesse der Investoren an Verteidigung derzeit groß ist. Woran liegt ihre Zurückhaltung?Es gibt viele Gerüchte, seit wir eine Art „Health-Check“ für einen Börsengang gemacht haben. Wir sind also jederzeit bereit. Jetzt schauen wir aber erst mal, was bei der Finanzierungsrunde herauskommt.
Florian Seibel: „Ich sehe das als eine Art Verzweiflungstat der Russen“
Florian Seibel sieht eine neue Dynamik im Ukrainekrieg. Der Ko-Chef des Rüstungsunternehmens Quantum Systems spricht über russische Baupläne aus sozialen Medien, provokante Äußerungen des Rheinmetall-Chefs und sein neues Kampfflugzeug.







