Die Fluglärmkommission (FLK) hat am Mittwoch in Raunheim nach monatelanger Debatte ihre Bewertung zum neuen Betriebskonzept des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport und der Deutschen Flugsicherung (DFS) vorgelegt – und dabei einen Spagat versucht: zwischen Anerkennung einer aus Sicht der Luftfahrt „betrieblichen Notwendigkeit“ und der Würdigung des Lärmschutzkonzepts einerseits und deutlicher Kritik an zusätzlichen Belastungen im Westen der Rhein-Main-Region andererseits. Der Tenor: Das neue Konzept mag für den Flughafenbetrieb in künftigen Verkehrsspitzen unvermeidlich sein, es bedeutet aber vor allem für jene Kommunen Verschlechterungen, die schon heute stark betroffen sind: Flörsheim, Hochheim, Kelsterbach. Entsprechend knüpft die Kommission ihre Unterstützung an klare Bedingungen.Kern der Neuregelung ist eine flexiblere Verteilung westwärts startender Maschinen zwischen den Nordwestrouten und der Südumfliegung in Zeiten von viel Verkehr. Hintergrund: Bei bis zu 560.000 Flugbewegungen im Jahr 2033, so die Prognose, stößt das heutige System laut Deutscher Flugsicherung (DFS) aus Sicherheitsgründen an Grenzen. In Peak-Stunden sollen deshalb mehr Starts auf den Nordwestrouten möglich werden. Neue Flugwege entstehen nicht, die Last verschiebt sich jedoch: häufiger Starts über Flörsheim und Eddersheim, Entlastung für Rüsselsheim und Nauheim.Mehrbelastung „strikt begrenzen und kompensieren“Flankiert wird das Paket von einem Lärmschutzkonzept: Bis 6 Uhr morgens soll die Nordwestroute nicht genutzt werden, bis 7 Uhr nur in Ausnahmefällen. Zudem hat Flughafenbetreiber Fraport ein über die gesetzlichen Pflichten hinausgehendes Paket zum Lärmschutz zugesagt, vor allem in den stark betroffenen Kommunen Flörsheim und Hattersheim-Eddersheim. Überdies hat Fraport laut der Kommission zugesichert, von 2028 an die Entgelte für besonders laute Flugzeuge, sogenannte Heavies, zu erhöhen, damit diese von den Airlines weniger genutzt werden. Die FLK fordert das auch für Nachtflüge und verspätete Flüge.In der Kommission war jedoch auch der Unmut über die Vorgeschichte greifbar. Bereits im vergangenen Jahr hatten Fraport und DFS einen ersten Entwurf für das neue Konzept vorgestellt, in dessen Entstehung die Fluglärmkommission demnach zu wenig eingebunden war. Das habe Vertrauen zerstört, hieß es am Mittwoch. Hinzu komme, dass nun entgegen früheren Zusagen die Nordweststrecken beim Abflug stärker genutzt würden. Viele Kommunalvertreter fühlten sich an frühere Zusicherungen aus dem Ausbauverfahren erinnert, in dem die Südumfliegung als Entlastungsversprechen für die Genehmigung der Nordwestlandebahn gegolten hatte.Der Vorsitzende der FLK, Offenbachs Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP), sagte zum Beratungsergebnis der Kommission: „Die am stärksten Belasteten kriegen eins obendrauf.“ Zwar nehme der Lärm in Rhein-Main insgesamt nicht zu, der Fokus liege aber auf den schon stark Belasteten. „Wenn sich Mehrbelastungen nicht vermeiden lassen, müssen sie wenigstens strikt begrenzt und kompensiert werden“, sagte Weiß. „Es muss rechtlich abgesichert sein, dass nicht noch mehr in Richtung Westen gestartet wird als betrieblich unbedingt notwendig.“Zu diesen Auflagen gehören aus Sicht der FLK: eine verbindliche Begrenzung der Nordwestabflüge in Verordnungen und im Luftfahrthandbuch; die Regel, dass bei deutlich mehr Bedarf auf den Nordwestrouten die Zahl der Starts insgesamt begrenzt werden muss. Bei wenig Verkehr soll auch langfristig das bisherige Betriebskonzept gelten. Zudem fordert die Kommission, dass zweistrahlige Langstreckenmaschinen schon jetzt im Probebetrieb in verkehrsarmen Zeiten häufiger die Südumfliegung nutzen und die Vierstrahligen „zügig“ auf diese wechseln. Ergänzend sollen weitere Lärmpausen geprüft, Verspätungsflüge konsequent über lärmärmere Routen abgewickelt und Entgelte so reformiert werden, dass das Fliegen mit leiseren Jets für Fluggesellschaften attraktiver wird, vor allem nachts. Zudem müsse das Konzept, das auf der Annahme von 560.000 Flugbewegungen bis 2033 basiert, bei höheren Verkehrsmengen vollständig neu bewertet werden.Der Flörsheimer Bügermeister Bernd Blisch im Gespräch mit Medienvertretern im Vorfeld der PressekonferenzLucas BäumlBlisch: „Lärmschutzmaßnahmen sind gute Sache“Das Wirtschaftsministerium hält das neue Betriebskonzept für planfeststellungsrechtlich konform, wie es im Mai verkündet hatte, da keine neuen Routen entstünden und die Auswirkungsbetrachtung den damaligen Maßstäben entspreche. Fraport-Vorstand Pierre Dominique Prümm teilte am Mittwoch mit, dass das Betriebskonzept sicherstelle, dass „auch in Zukunft ein sicherer, geordneter und flüssiger Betrieb am Flughafen Frankfurt möglich“ sei und dass die Kommission diese Notwendigkeit anerkenne. Für Dirk Mahns, den Geschäftsführer der Flugsicherung, ist das nun vorgestellte Beratungsergebnis der Fluglärmkommission „ein wichtiger Schritt“.Der Flörsheimer Bürgermeister Bernd Blisch (CDU), der dem neuen Konzept erwartungsgemäß kritisch gegenübersteht, würdigte Verbesserungen seit dem „Kommunikationsgau“ im vergangenen Jahr: „Die Lärmschutzmaßnahmen der Fraport sind eine gute Sache.“ Am Grundproblem ändere dies aber nichts. „Die Leute wollen weniger Lärm und nicht dickere Fenster“, sagte er.Auch aus Hochheim, Hattersheim und anderen Kommunen kamen deutliche Worte. Mehrere Mitglieder, darunter der Hochheimer Bürgermeister Dirk Westedt (FDP), kündigten an, die rechtliche Basis des Konzepts kritisch zu prüfen.