Auch Wale müssen sterben, und die meisten von ihnen werden nicht an Strände angeschwemmt und anschließend mit Baggern entsorgt, sondern versinken sang- und klanglos im Meer. Als Walfall bezeichnen Wissenschaftler solche versinkenden Kadaver, in Analogie zu einem Wasserfall. Denn mit dem toten Tier wandern auch wertvolle Nährstoffe langsam durch die Wasserschichten bis auf den Meeresgrund herab. Solche Walfälle sind für die Ökosysteme der Meere extrem wichtig, vor allem der Tiefsee. Denn in diese Zone gelangen Nährstoffe nur selten. Passiert es aber doch einmal, ernährt der Kadaver Millionen von Mikroorganismen, von Würmern, Krebstieren und Fischen.Im Südosten des Indischen Ozeans haben Forscher nun aber nicht nur einen einzelnen Walkadaver gefunden, sondern einen ganzen Friedhof der Wale entdeckt. Dieser spektakuläre Fund ist Forschern bei Tauchgängen in 7000 Kilometer Tiefe in der sogenannten Diamantina-Bruchzone gelungen.Im Frühjahr 2023 waren mit dem Tauchboot Fendouzhe 33-mal in das Tiefseetal abgetaucht. Und sie konnten dabei die Überreste von 485 Walfossilien und frischere Walkadaver identifizieren. Die Forscher nahmen Proben und bestimmten damit über die enthaltene DNA die Arten, zu denen die Tiere gehörten. Sie fanden Überreste von Schnabel- und von Bartenwalen.Der älteste Knochenfund stammt demnach von einem Schnabelwal, der vor 5,3 Millionen Jahren hier seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Aber auch Knochen erst kürzlich verstorbener Wale wurden gefunden. Somit ist diese Fossillagerstätte also nicht nur eine „Konzentrat-Lagerstätte“ (also eine Stelle, an der über eine sehr lange Zeit immer wieder neue Fossilien abgelagert werden), sondern sie ist auch eine „wachsende Konzentrat-Lagerstätte“, betont der Paläontologe Stephen J. Godfrey von der Calvert Marine Museum in Maryland in einem begleitenden Kommentar. Diese Nekropole in der Tiefsee sei die größte und älteste bislang bekannte.Der Friedhof der Wale ist aber nicht nur wegen seiner Existenz spektakulär – sondern auch weil er den Wissenschaftlern Aufschluss über die Rolle von Walkadavern für Ökosysteme in der Tiefsee gibt. Denn wie viele oberirdische Friedhöfe ist auch die Ruhestätte am Meeresgrund ein Hotspot der Artenvielfalt: Muscheln, Krustentiere, Würmer, Quallen und Schlangensterne haben sich hier angesiedelt, viele Spezies sind bislang unbekannt.Roboterarm des Forschungstauchboot „Fendouzhe“ bei der ProbennahmeGlobal TREnD, IDSSEIn der Tiefsee der Diamantina-Zone werden Knochen sehr langsam abgebaut.Global TREnD, IDSSEAn den frischen Walkadavern konnten die Wissenschaftler 35 Arten der Makrofauna (also von Tieren, die größer als 0,5 Millimeter sind) identifizieren: Vor allem waren es Ringelwürmer, Krusten- und Weichtiere, Nesseltiere und Fadenwürmer. Auch knochenfressende Würmer, Muscheln, Schnecken und Schlangensterne ernährten sich am Walfall. Diese Organismen betreiben in der Tiefe in Ermangelung von Sonnenlicht Chemosynthese, sie bilden Energie also chemisch und nicht mittels Sonnenlicht. Dabei sind sie darauf angewiesen, dass immer wieder Nachschub an Walkadavern in dieser Region ankommt. Wahrscheinlich spüren sie den Nachschub chemotaktisch auf, indem sie chemischen Signalen folgen. Anders könnten die nur wenig mobilen Arten hier nicht lange überleben.Schnabelwale wohl nicht zufällig zahlreichDass vor allem Schnabelwale wie der Riemenzahn- und der Andrews-Schnabelwal gefunden wurden, ist wahrscheinlich kein Zufall: Schnabelwale sind spezialisiert auf das Tieftauchen, sie können bis zu einer Stunde in einer Tiefe von Tausenden von Metern unter der Meeresoberfläche schwimmen. Sie jagen an Kontinentalhängen nach Tiefseekalmaren und Fischen. Die Diamantina-Bruchzone, die bis auf 7000 Meter hinabreicht und eine „komplexe v-förmige Topographie“ hat, biete Schnabelwalen „ein ideales Tiefseenahrungsgebiet“, schreiben die Wissenschaftler. Diese Topographie könne allerdings auch dazu führen, dass die Wale, wenn sie zu lange in der Tiefe bleiben (physiologisch sind Tiefen von mehr als 3000 Metern sehr anstrengend für sie), zu erschöpft sind, um zur Oberfläche zurückzufinden. Sie sterben dann in der Tiefe und sinken auf den Walfriedhof hinab.Die Häufigkeit von Schnabelwalknochen unter den Fossilien erkläre sich wohl auch damit, dass ihre spitz zulaufende Schnauze (der „Schnabel“) von Natur aus besonders stark verknöchert ist – viel stärker als die Kiefer anderer Walarten. Die Organismen der Tiefsee können sie also nur schlecht abbauen.Kieferknochen („Schnabel“) von zwei ausgestorbenen Schnabelwalen (obere beiden) und von heute noch lebenden Andrews-Schnabelwalen (untere beiden)Global TREnD, IDSSEDie Wissenschaftler präsentieren auch eine Theorie dazu, warum sie im Walfriedhof auch Knochen von Mink- und Seiwalen gefunden haben. Diese Bartenwale wandern entlang der westaustralischen Küste ihrer Nahrungsgrundlage von der Antarktis in Richtung Äquator hinterher. Eine Wanderroute befindet sich in der Nähe der Diamantina-Region.Dennoch sind Fossilfunde mit einem Alter von mehr als 5 Millionen Jahren am Meeresgrund äußerst überraschend. Die Forscher spekulieren, dass die Knochen auch deshalb so gut erhalten blieben, weil ihre sehr dichten und biologisch und chemisch nur schwer abbaubaren Strukturen schnell innen und außen mineralisierten. In der Diamantina-See scheinen zudem auch Eisenmanganoxide direkt aus dem Meerwasser auszufallen. Sie überzogen die mineralisierten Knochen mit einer zusätzlichen Schutzschicht.Der nun entdeckte Walfriedhof liegt 2500 Meter tiefer als die bisher tiefste bekannte Fossil- und Kadaverlagerstätte. „Isolation, gefördert durch die enorme Tiefe, hat hier eine sehr spezialisierte Walfall-Gemeinschaft entstehen lassen, die von Arten dominiert sind, die der Wissenschaft wahrscheinlich bislang nicht bekannt sind“, schreiben die Forscher um Xiaotong Peng von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und Giovanni Bianucci von der Universität Pisa.