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Stuttgart21: „Solche Projekte haben selten nur eine Ursache für Verspätungen“ Die Eröffnung des neuen Stuttgarter Bahnhofs verzögert sich wohl um fünf Jahre. Ein Grund: das Zugsicherungssystem ETCS. Was das ist und wo es hakt, erklärt ein Bahnexperte.

Anabel Schröter 10.06.2026 - 16:30 Uhr Großbaustelle in Stuttgart. Foto: picture-allianceMit fünf Jahren Verzug sollten in diesem Jahr die ersten Züge in den neuen Stuttgarter Bahnhof einfahren. Doch daraus wird nichts. Ende Juni will Bahnchefin Evelyn Palla nun das neue Eröffnungsdatum für das Prestigeprojekt Stuttgart21 bekannt geben. Berichten zufolge soll das erst 2031 sein.Die Bahn begründete den Aufschub mit Verzögerungen bei der Digitalisierung des Verkehrsknotens. Strecken und Züge sollten auf das European Train Control System (ETCS) umgerüstet und von einem digitalen Stellwerk gelenkt werden. Doch das geht laut einem Bericht des SWR nicht. Im Randbereich des Bahnknotens würden noch jahrelang Güterzüge ohne ETCS fahren, heißt es. Was das für die Großbaustelle bedeutet, erklärt Raphael Santos Cavalcanti, Gründer von Nova Mobility Consulting und Berater für Bahnunternehmen.WirtschaftsWoche: Die Eröffnung von Stuttgart21 verzögert sich weiter. Ende Juni will die Deutsche Bahn das neue Eröffnungsdatum bekanntgeben. Als Grund für die Verzögerung nennt die Bahn die Digitalisierung und damit auch die Umrüstung auf das European Train Control System (ETCS). Was ist das ETCS überhaupt?Raphael Santos Cavalcanti: ETCS ist ein Leit- und Sicherungssystem-Standard, der vor vielen Jahren entwickelt wurde, um die verschiedenen Signalsysteme in den europäischen Ländern zu vereinheitlichen. Dadurch sollen Züge mit der gleichen Hardware grenzüberschreitend fahren können, ohne dass es dafür zusätzliche Signaltechnik benötigt.Raphael Santos Cavalcanti Foto: Privat Zur Person Raphael Santos Cavalcanti ist Gründer von Nova Mobility Consulting. Seine Erfahrung umfasst Strategie, Geschäfts- und Produktentwicklung sowie kommerzielle Positionen in der Industrie und Beratung für Bahnunternehmen, Infrastrukturmanager, Verkehrsbehörden, Gründer und Investoren.Welche Vorteile hat das System?Mit ETCS kann die Kapazität erhöht werden und es werden höhere Sicherheitsanforderungen erfüllt. Das wird durch Digitalisierung und die digitalen Elemente ermöglicht. Ein weiterer Nebeneffekt von dem System ist die Fehlererkennung. Durch die digitalen Daten werden Störungen schneller erkannt und können besser behoben werden.Welche Probleme gibt es bei Stuttgart21 mit dem System?Stuttgart21 ist ein sehr komplexes Projekt. Die Verzögerung wird aber nicht nur an ETCS liegen. Allerdings hat Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bisher sehr wenig von dem System in ihrem Netz verbaut. Deshalb muss das ETCS in Deutschland mit den bestehenden Systemen harmonisiert werden. Fahrzeuge brauchen dann zusätzliche Onboard-Komponenten, um auch auf anderen Netzabschnitten fahren zu können. Diese Schnittstellen zwischen mehreren Systemen machen es komplizierter. Dass es funktioniert, zeigt aber beispielhaft die Strecke München–Berlin, die teilweise auf ETCS umgestellt wurde und somit als gemischte Strecke gilt.Welche Probleme gibt es noch bei dem Projekt?Solche Projekte haben selten nur eine Ursache für Verspätungen. Meist ist es eine Konstellation aus Faktoren: unterschätzte Komplexität bei Projektstart, bauliche Überraschungen, eine komplexe Projektmanagement-Struktur mit mehreren Unternehmen – teils mit unterschiedlicher Erfahrung und teils ohne eingespielte Zusammenarbeit. Auch der Bahnhofsbau selbst bindet viele Ressourcen.Alles auf Digitalisierung zu schieben, ist zu viel. Sie hat wahrscheinlich beigetragen, weil man es am Anfang nicht vollständig mitgedacht hat – und weil Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern wenig Erfahrung mit ETCS hatteDeutsche Bahn Es ist Zeit für Zug-Streichungen Damit die Bahn wieder pünktlicher wird, braucht es radikale Schritte. Am besten sofort. Ein Kommentar. Kommentar von Artur LebedewETCS ist in anderen Ländern bereits breit verbreitet. In der Schweiz und Norwegen wird etwa komplett auf dieses System gesetzt. Was lief dort anders?Diese Länder waren konsequenter in der Umsetzung. Sie haben sich für einen Standard entschieden. In Deutschland und Frankreich gab es mehr Widerstände – auch weil die Netze deutlich größer sind. Was man sieht: In vielen Fällen steigt die Sicherheit – und die Kapazität kann höher sein als bei älteren Leit- und Sicherungssystemen.Was kann Deutschland davon lernen? Länder, die früh und konsequent umgestellt haben, stehen heute besser da. Deutschland hat dagegen weiterhin das Problem, teils zwei oder drei Signaltechniksysteme parallel betreiben zu müssen, weil ETCS im Netz bislang nur in vergleichsweisem geringem Umfang verfügbar ist.Zeigt die Deutsche Bahn Interesse, die Technologie weiter hierzulande zu fördern und weiter im Netz zu integrieren?Die Bahn experimentiert viel in Forschung und Entwicklung. Dass Deutschland spät mit ETCS begonnen hat, war aber auch eine politische und wirtschaftliche Entscheidung. Und jetzt zeigt sich die Rechnung: Es wird teurer – nicht nur bei Stuttgart 21, sondern netzweit. ETCS gehört zu einem modernen Bahnsystem und Deutschland ist hier im Rückstand. 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