Kürzlich erreichte uns die E-Mail eines Lesers, er habe beim Versuch, die PS-Zahlen getesteter Fahrzeuge der letzten Monate zu addieren, sich so oft verzählt, dass er inzwischen aufgegeben habe.Aus gegebenem Anlass beginnen wir diesen großen Fahrbericht mit einem Warnhinweis. Die Lektüre der folgenden Zeilen geschieht auf eigene Gefahr. Dieser Fahrbericht enthält Beschreibungen eines Supersportwagens mit hoher Motorleistung, extremer Fahrdynamik und einem Kaufpreis, der das durchschnittliche Jahreseinkommen deutlich übersteigt.Kann bei Autoliebhabern Begehrlichkeiten, spontane Konfigurationsanfälle und vorübergehende Unzufriedenheit mit dem eigenen Fahrzeug auslösen. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Bankberater, Ihren Steuerberater oder Ihren Therapeuten. Der McLaren Artura Spider führt womöglich zu spontanem Verlangen nach 700 PS, offenem Fahren und finanziell fragwürdigen Entscheidungen.Flach: Dass es sich um einen Spider handelt, lässt sich so kaum erkennen.Joshua HildebrandFlott: Das einteilige Hardtop aus Carbon und Alu ist bis 50 km/h binnen elf Sekunden versenkt.Joshua HildebrandFrei: Am genussvollsten ist der Artura ohne Dach.Joshua HildebrandMindestens 275.000 Euro kostet die Frischluftkur. Ist der erste Schock verdaut, gibt es kaum ein besseres Mittel gegen Alltagsdepressionen, stressbedingten Bluthochdruck oder Vitamin-D-Mangel. Ein Blick in den sonnigen Himmel genügt. Jawohl, das Glück ist mit uns.Elektrotherapie mit EffektBeflügelnd ist schon das Öffnen der Türen, schwingen sie doch nach oben. Mithin sind eine gewisse Gelenkigkeit und möglichst wenige Wohlstandskilos ratsam, wenn es um das Hineinfalten ins Kohlefasermonocoque mit tiefen Schalen geht.Ist man erst einmal drin, ist es wie im Wartezimmer des Arztes. Ewig sitzen, nur hier tut man es gern. Der Tacho, wie die Patientenakte längst digital, ist eng mit dem Lenkrad verbunden, beides wird in einem verstellt. Die Sitzposition ist tief, das Lenkrad liegt fast zwischen den Knien, die Windschutzscheibe steht flach. Und doch ist unter der Fronthaube Platz für die Sporttasche. Sollen wir doch ohnehin mehr Bewegung haben, hat der Doktor gesagt.McLaren verleiht Flügel: Das Öffnen der Türen ist ein Hingucker, die Farbe Shibuya Spirit ebenso.Joshua HildebrandSo wandert der erste Griff an den oberen Rahmen der Windschutzscheibe, wo sich die Taster zum Öffnen der Heckscheibe und des Verdecks befinden. Lässige Typen machen das während der Fahrt bis 50 km/h.Binnen elf Sekunden faltet das einteilige Hardtop aus Carbon und Alu hinfort. Dank der extremen Verwindungssteifigkeit des Monocoques benötigt der Spider keine zusätzlichen Dachversteifungen. Es ließe sich auch nur das Glaswindschott herunterfahren, um dem Klang des Mittelmotors zu lauschen.Von ihm ist zunächst nichts zu hören. Der Artura Spider ist ein Hybrid, startet und fährt immer elektrisch los, was den nachbarschaftlichen Beziehungen zuträglich ist. Möglich macht das der elektrische Herzschrittmacher, bestehend aus einer 7,4-kWh-Batterie und einem Axialflusselektromotor mit 95 PS im achtstufigen Doppelkupplungsgetriebe.Das Glaswindschott lässt sich manuell betätigen, auch, wenn das Dach geschlossen ist.Joshua HildebrandDamit stehe der Fahrer für maximal 33 Kilometer unter Strom, sagen die Operateure im britischen Woking. In Wahrheit pendelt der Wert um 25 Kilometer. Die Batterie kann über den Verbrenner oder extern mit gut 2,4 kW an der normalen Steckodse geladen werden, was aber wohl niemand machen wird.Geht es um eilige Arzneimittel, sind die beiden Metallwippen links und rechts vom Digitaltacho zu betätigen. Dann meldet sich ein drei Liter großer V6 mit Trockensumpfschmierung und zwei Turboladern zu Wort. Jener baut kompakter und leichter als ein V8, was die Packungseffizienz verbessert.Besondere motorische FähigkeitenDer Hybridantriebsstrang bietet 700 PS und 720 Nm, die gut 1600 Kilo bewegen müssen. Das ohne jegliche Zurückhaltung. Der Artura Spider schnalzt schneller auf 100 als ein Privatpatient die Nummer des Zahnarztes gewählt hat, nämlich binnen drei Sekunden, während die Elektromaschine Drehmomentlöcher zu einem Fremdwort macht.Setzen Sie sich: Nur wenige Zentimeter trennen den Fahrer vom Boden, die Schalen sind komfortabler als gedacht.Joshua HildebrandDann bohrt sich der V6 mit Elektrounterstützung in Ekstase, legt ab gut 6000 Umdrehungen noch eine ins Gehör fräsende Schippe drauf. Die Gangwechsel sind so schnell, dass man Mühe hat, hinterherzukommen. Bis zu 330 km/h sind möglich, dann wird aus dem lauen Lüftchen im offenen Innern ein Sturm.An seinen fahrdynamischen Fähigkeiten gibt es wenig auszusetzen. Richtungswechsel vollführt der Brite dank elektrohydraulischer Lenkung wie ein gut trainierter Athlet. Die ist derart präzise und rückmeldungsfreudig, dass den flotten Jungs und Mädels in Zuffenhausen angst und bange werden könnte.Hinzu gesellt sich ein adaptives Dämpfersystem mit Doppelquerlenkern vorn und einer Multilenkerachse hinten, im Modus „Comfort“ bleiben die Plomben an Ort und Stelle.Die Schaltzentrale ist auf den Fahrer ausgerichtet, das Hochkantinfotainment sitzt etwas zu niedrig.Joshua HildebrandMit aktivierten Stabilitätsprogrammen fährt der Artura Spider fast schon narrensicher, doch wehe dem, der es ausschaltet. Dann ist das mittelmotorische Konzept schnell erlernt, mit all seinen Vor- und Nachteilen. Die Gewichtsverteilung gelingt bestmöglich, doch das Drehen um die Hochachse kann Angstschweiß auf die Stirn treiben.Dafür hat McLaren ein variables Driftsystem namens VDC integriert. Über das Infotainment lässt sich in mehreren Stufen einstellen, wie viel Übersteuern und Radschlupf möglich sein sollen. Das funktioniert erstaunlich gut.In das Fach unter der Motorhaube passt immerhin das Nötigste hinein.Joshua HildebrandSo gut unterhalten, braucht es auch keine überbordende Bildschirmlandschaft. Ein acht Zoll kleiner Zentralbildschirm im Hochformat reicht. Jener sitzt allerdings so weit unten, dass die Augen im Falle von Navigation weit vom Straßengeschehen abwandern müssen. Wenig zeitgemäß ist die ausschließlich kabelgebundene Car-Play-Anbindung.Eilt britischen Fahrzeugen gerne der Ruf voraus, die Verarbeitung sei rudimentär, ist es im Falle des Artura nicht ganz so schlimm. Das meiste ist ordentlich verarbeitet, ein Knarzen hier und da sei als Charakterzug zu werten. Nervig empfanden wir allerdings ein regelmäßiges Knacken aus Richtung der Heckscheibe und eine Sitzkonsole, die während Lastwechseln Spiel zu haben scheint. Aber Aufregen ist bekanntlich nicht gut fürs Herz.Wir sind sicher, nach dieser Testfahrt wird der nächste Gesundheitscheck positiv ausfallen. Haben wir doch nun gute Laune, braune Haut und eine neue Frisur. Das muss förderlich sein. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Oder eben den Bankberater.Unser FazitSTARK: Messerscharf und sauschnell. Krasse Farbe. Gute Laune, braune Haut und eine neue Frisur inklusive.SCHWACH: Die Sonne scheint nicht immer, Carplay nur über Kabel wirkt nicht mehr zeitgemäß und gelegentliches Knarzen gehört offenbar zum britischen WesenTAUSENDSASSA: Zum 1000. Grand Prix des Formel-1-Teams lanciert McLaren den Artura 1000GP.Die DatenMcLaren Artura SpiderEmpfohlener Preis 275.000 EuroPreis des Testwagens 308.000 EuroSechszylinderbenziner, Mittelmotor mit zwei Turboladern, zusätzlich Elektromotor im AutomatikgetriebeSystemleistung 700 PS (515 kW), maximales Drehmoment 720 Nm, Verbrenner mit 605 PS und 585 Nm von 2250 bis 7000 U/min, Elektromotor mit 95 PS und 225 NmLithium-Ionen-Batterie 7,4 kWh nutzbarDoppelkupplungsgetriebe, acht GängeHinterradantriebLänge/Breite/Höhe 4,54/2,08/1,19 Meter, Radstand 2,64 MeterLeergewicht 1635 Kilogramm, Kofferraumvolumen 160, Tank 66 LiterReifengröße 235/35 R 19 vorn, 295/35 R 20 hintenHöchstgeschwindigkeit 330 km/h, elektrisch 130 km/hVon 0 auf 100 km/h in 3,0 sVerbrauch Benziner allein von 11,7 bis 24,5 Liter, im Durchschnitt 14,3 Liter Super Plus, 108 g/km CO₂ bei einem Normverbrauch von 4,8 Litern und 20,7 kWh Strom, Verbrauch vollelektrisch 40,7 kWh auf 100 Kilometer, elektrische Normreichweite 33, im Test 25 Kilometer, Laden von 0 auf 100 Prozent drei Stunden an der HaushaltssteckdoseKomfort & Sicherheit Monocoque, Hardtop und Verdeckdeckel aus Kohlefaser mit Verbundwerkstoff, elektrisches Glaswindschott, variable Driftkontrolle VDC, Reifensensoren liefern Echtzeitdaten (Pirelli Cyber Tire)Die AnderenLamborghini TemerarioSpannender Stier, 920 PS, ab 307.500 EuroFerrari 296 GTBPfeilschnelles Pferd, 830 PS, ab 270.000 EuroMaserati MC PuraDrahtiger Dreizack, 630 PS, ab 222.000 Euro
Eiliges Arzneimittel: Der McLaren Artura Spider im Test
700 Hybrid-PS, oben ohne und ein Kaufpreis jenseits jeder Vernunft: Der McLaren Artura Spider verschreibt Fahrleistungen, die Puls und Glückshormone gleichermaßen in die Höhe treiben.






