Russland baut seine militärischen Stellungen an der NATO-Ostflanke offenbar rascher aus als bisher bekannt. So hat Russland etwa mit dem Bau der ersten komplett neuen Garnison in Petrozavodsk rund 160 Kilometer entfernt von der finnischen Ostgrenze begonnen. Dort sind offenbar zehn große Kasernengebäude im Bau. Das berichtet der finnische Sender Yle sowie mehrere andere nordische und baltische Medien unter Berufung auf neue Satellitenbilder und Angaben von Militärs und Geheimdienstlern.Bisher gab es in der russischen Republik Karelien nur eine geringe Zahl russischer Truppen. Bald würden dort bis zu 15.000 Soldaten stationiert sein, sagte der finnische Militärfachmann und Oberst a. D., Marko Eklund, dem Sender Yle. Eklund geht davon aus, dass Russland in der neuen Garnison eine motorisierte Infanteriebrigade oder die Hauptteile einer motorisierten Infanteriedivision stationieren könnte, was 4000 bis 6000 Mann bedeuten könnte.Auch nahe der norwegischen Grenze, in Petschenga, werden den Berichten zufolge Militärunterkünfte gebaut. Einen massiven Ausbau von Militärinfrastruktur gibt es offenbar auch in Baltijsk, dem früheren Pillau, in der Exklave Kaliningrad. Vielerorts werden selbst an bestehenden militärischen Standorten neue Gebäude errichtet und Fahrzeuge zusammengezogen.In Helsinki hat man den Ausbau der Stellungen erwartetFinnland teilt eine mehr als 1300 Kilometer lange Grenze mit Russland, entsprechend aufmerksam verfolgt man in Helsinki die russischen Aktivitäten. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des finnischen Parlaments, Jukka Kopra, sagte der F.A.Z, der Ausbau der Stellungen sei erwartet worden. Diese Maßnahmen seien von Russland bereits angekündigt worden. Der Aufbau erfolge langsam, aber stetig, so Kopra.„Russland strebt an, seine militärische Präsenz in der Nähe Finnlands von etwa 30.000 Soldaten auf bis zu 80.000 zu erhöhen. Dies bedeutet zwar keine unmittelbare militärische Bedrohung, stellt jedoch eine dauerhafte Veränderung unseres Sicherheitsumfelds dar. Deshalb müssen die Verteidigung Finnlands, die nördliche Abschreckung der NATO und die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaft insgesamt langfristig und entschlossen gestärkt werden“, sagte Kopra.In Helsinki wird davon ausgegangen, dass die russische Truppenpräsenz entlang der Grenze auf das Niveau des Kalten Kriegs ausgebaut wird. Bisher ist sie nicht annähernd dort, bisher geht es bei dem Ausbau vor allem um die Infrastruktur. Doch wird davon ausgegangen, dass sich bei Ende des Kriegs in der Ukraine rasch ein anderes Bild bieten könnte.In einem kürzlich veröffentlichten Bericht einer Arbeitsgruppe des finnischen Parlaments zur Verteidigung heißt es, die militärische Bedrohung, die von Russland für Finnland ausgehe, werde höchstwahrscheinlich zunehmen, sobald der Krieg in der Ukraine ende oder die Intensität des Konflikts anderweitig nachlasse. Ähnlich äußerten sich nun führende Militärs der nordischen Staaten.Gefahr vor allem nach einem Ende des Krieges in der Ukraine„Solange Russland in der Ukraine engagiert ist, ist die konkrete große militärische Bedrohung, auf die wir uns vorbereiten, gering. Das kann sich jedoch sehr schnell ändern, sollte es in der Ukraine zu einem Waffenstillstand kommen“, sagt etwa der dänische Generalmajor Brian Nissen dem Sender SVT.Russland lerne aus dem Krieg in der Ukraine, „wir gehen davon aus, dass nach dem Ende des Krieges in der Ukraine ein anderes Russland an unserer Grenze stehen wird“, sagte Norwegens Generalstabschef, General Eirik Kristoffersen, gegenüber dem Sender NRK. „Im schlimmsten Fall stehen wir einem Russland gegenüber, das über kampferprobte Soldaten und eine auf Hochtouren laufende Kriegswirtschaft verfügt und schneller an unseren Grenzen stehen könnte, als wir uns das vorgestellt hatten.“Der frühere Geheimdienstoffizier Eklund geht den Berichten zufolge davon aus, dass Russland plane, insgesamt etwa 115.000 Soldaten – davon den weitaus größten Teil Kampfsoldaten – nahe der Nordostgrenze der NATO zu stationieren, wenn die Kampfhandlungen in der Ukraine eingestellt werden.Darüber hinaus werde Russland in der Lage sein, rasch Hunderttausende kampferprobte Truppen aus anderen Teilen des Landes an die Grenze zu den nordischen und baltischen Staaten zu verlegen. „Das ist in höchstem Maße eine Bedrohung, die wir ernst nehmen sollten“, sagt dazu der Generalleutnant und Chef des schwedischen Militärgeheimdienstes, Thomas Nilsson, gegenüber SVT.
Russland baut seine Stellungen an der Nordostgrenze der NATO offenbar aus
Finnland verfolgt die russischen Aktivitäten aufmerksam. Bisher ging es beim Ausbau vor allem um Infrastruktur. Doch nach einem Ende des Krieges in der Ukraine könnte sich das ändern.












