An die Tageskarte zum 7:1 gegen Brasilien kann er sich natürlich erinnern. Philip Waechter nahm am Tag nach dem Sieg der deutschen Mannschaft im Halbfinale der WM 2014 einfach die Schlagzeile der „Bild“-Zeitung zum Anlass für seine Zeichnung: „Ohne Worte“. Andere Sprüche aus dem Sommer hat er längst vergessen, zum Beispiel den kindlichen Ausruf zum Tor des 36 Jahre alten Miroslav Klose gegen Ghana: „Der alte Mann trifft!“Die Brasilianer nach dem 7:1: Deutschland hatte sich damit den Weg ins Finale geebnet.Philip Waechter (Repros Emil Eichinger)Immer wieder kommen Erinnerungen hoch, wenn man die gezeichneten Szenen von Philip Waechter durchsieht. „Ja“, sagt er, „dann fällt einem auch wieder ein: Das war die WM, bei der Klose einen Torrekord aufgestellt hat.“ Das zweite Tor gegen Brasilien war der 16. Treffer des „alten Manns“ bei insgesamt vier Weltmeisterschaften. Der Brasilianer Ronaldo kam auf 15, Gerd Müller auf 14, Lionel Messi auf 13. Bei der WM 2026 könnte der Rekord kippen: Kylian Mbappé hat schon zwölfmal getroffen – und Frankreich kommt in diesem Turnier vermutlich sehr weit.Die Deutschen nach dem 7:1: Tageskarte vom 9. Juli 2014Philip WaechterSo assoziativ die kleinen Kunstwerke des Frankfurter Zeichners, so viele Ideen entwickelt der Betrachter – als würden die mit Tusche-Fineliner gezogenen und manchmal mit Aquarell angereicherten DIN-A6-Strichzeichnungen mit den spärlichen Kommentaren besonders viel Raum lassen für eigene Vorstellungen.„Der alte Mann trifft“: Auch im Spiel gegen Ghana schoss Miroslav Klose ein Tor, sodass es am Ende für ein 2:2 reichte. Natürlich feierte er den Treffer mit seinem berühmten „Klose-Salto“.Philip WaechterSchon seit dem 1. Januar 2000 zeichnet Philip Waechter seine Karten, jeden Tag eine. Inzwischen sind es mehr als 9000, alle eingeordnet, jeweils drei Jahre passen in eine Schublade. Die meisten Szenen hätte er längst vergessen, wenn er sie nicht festgehalten hätte.„Mit einem Kind eine WM zu erleben, das ist toll“: Hier bereiten sich Vater und Sohn auf das Turnier vor.Philip WaechterBegonnen hat diese Bildergeschichte aber noch viel früher. Philip Waechter ist der Sohn von F. K. Waechter, der zur Neuen Frankfurter Schule von Zeichnern und Autoren gehörte. Schon als Kind beobachtete er seinen Vater beim Zeichnen. Auch auf die Idee mit den Tageskarten kam er durch familiäre Verbindungen: Die Zeichnerin und Trickfilmerin Leonore Poth, seine Cousine („Unsere Mütter sind Schwestern“), zeichnete ebenfalls eine Zeit lang Tageskarten. Als sie die Karten in einer Ausstellung präsentierte, schenkte ihm seine Frau Moni Port (auch sie eine Zeichnerin) einen Stapel von 365 leeren Postkarten und sagte: „Das musst du auch machen.“Vor dem Finale: Am Ende scheint selbst der Zeichner nervös zu werden.Philip WaechterKlar, dass die Familiengeschichte weitergeschrieben werden muss. Auf den Zeichnungen zur WM 2014, die wir hier zum ersten Mal veröffentlichen, sind auch Waechters Frau und der gemeinsame Sohn zu sehen. Johann war damals acht Jahre alt, ein schönes Alter für Fußballfans. „Mit einem Kind eine WM zu erleben, das ist toll: Trikot kaufen, Panini-Sticker sammeln und all der ganze Quatsch“, sagt der Achtundfünfzigjährige, der selbst Fußball gespielt hat, zuletzt bei Concordia Eschersheim. Sein Sohn Johann, jetzt 20 Jahre alt, spielt beim SV Sachsenhausen. Eine Dauerkarte für Eintracht Frankfurt teilen sie sich. „Im Idealfall organisieren wir uns noch eine zweite und gehen dann zusammen.“Manche Themen der mehr als 9000 Zeichnungen lassen sich zu Büchern zusammenfassen, etwa die Komplexe Eintracht („Nur die SGE“) und Vaterschaft („Sohntage“). Aber das ist nicht das Ziel seines Tagwerks. „Das tägliche Zeichnen, ohne dass daraus ein Buch werden muss, ist eine gute Übung“, sagt Waechter. „Keine Vorzeichnung, nicht groß drüber nachdenken.“ Sein Strich, sagt er, sei mit der Zeit lockerer geworden. Für die WM 2026 kann das nur Gutes bedeuten.