Ukrainischer Doppelschlag gegen Russlands Raketenmacht: Für Kiew ist Angriff die beste VerteidigungDie Ukraine hat ein Attentat auf den Chef der Munitionsbehörde verübt und eine wichtige Rüstungsfabrik in Brand geschossen. Die Strategie dahinter ist klar: Weil sich das Land kaum gegen Russlands Raketen schützen kann, muss es sie schon vor dem Start stoppen.10.06.2026, 14.14 Uhr4 LeseminutenNach dem ukrainischen Luftangriff vom Mittwoch steigt Rauch aus der russischen Rüstungsfabrik von Tscheboksary hoch (Videobild).Social Media / UGCRussland hat im Laufe des Ukraine-Krieges seine Produktion von ballistischen Raketen hochgefahren und stellt nun jährlich schätzungsweise 600 bis 800 dieser Waffen her. Das ist nicht nur für die Ukraine ein riesiges Problem, sondern auch für Europa insgesamt, das im Konfliktfall keine ausreichenden Mittel gegen diese Bedrohung hätte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zur Abwehr von russischen Iskander-Kurzstreckenraketen oder Kinschal-Hyperschallwaffen werden im Durchschnitt etwa zwei Abfangraketen benötigt, vorzugsweise des Typs Patriot. Um die russische Raketengefahr glaubwürdig zu kontern, müssten deshalb jährlich rund 1500 solcher Lenkwaffen hergestellt und beschafft werden. Die jährliche Produktion von Patriot-Raketen, derzeit schätzungsweise 1000 Stück, liegt deutlich unter dieser Zahl – ganz abgesehen davon, dass Europa und erst recht die Ukrainer weit hinten in der Warteschlange für amerikanische Patriot-Raketen stehen.Luftverteidigung ist die grösste Schwachstelle der UkraineDie ukrainischen Arsenale an Abwehrlenkwaffen sind weitgehend erschöpft, mit der Folge, dass beispielsweise beim letzten Grossangriff auf Kiew Anfang Juni nach Militärangaben nur ein Drittel der russischen Iskander-Raketen abgewehrt werden konnte. Russland hat diese ukrainische Schwachstelle längst erkannt. Es nutzt sie konsequent aus, um eine Rekordzahl von Raketen einzusetzen und einst besser geschützte strategische Ziele wie Rüstungsfabriken oder Energieanlagen zu treffen.Diese Gefahr nimmt zu und relativiert die in westlichen Medien und Fachkreisen immer häufiger vorgebrachte These, dass der Ukraine ein Wendepunkt im Krieg gelungen sei. Im Bodenkrieg stellt sich die Lage tatsächlich deutlich anders dar als noch vor einem halben Jahr. Russland hat in den vergangenen Monaten keine bedeutenden Gebietsgewinne mehr erzielt. Lokal bleiben russische Durchbrüche möglich, wie in den letzten Tagen das zunehmende Einsickern von russischen Frontkämpfern, sogenannten «Schturmowiki», in die belagerte Donbass-Stadt Kostjantiniwka zeigte. Aber insgesamt ist die russische Offensive erlahmt, und die ukrainischen Verteidigungslinien wirken so stark wie noch nie in diesem Krieg.Um eine eigentliche Wende herbeizuführen, müssten die Ukrainer jedoch auch stärkere Mittel gegen den russischen Luftkrieg finden. Denkbar ist ein Szenario, in dem Russlands Armee an allen Fronten feststeckt, aber der Kreml sich wegen seines überlegenen Raketenarsenals trotzdem am längeren Hebel sieht und der Ukraine verheerende Schäden aus der Luft zufügt.Beim russischen Grossangriff auf Kiew am 2. Juni sind zahlreiche Gebäude wie dieses in der ukrainischen Hauptstadt zerstört worden.Patryk Jaracz / ImagoAngriffe im Innern Russlands als AuswegIn dieser Situation ist für die Ukraine Angriff die beste Verteidigung: Wenn sie wegen des fehlenden Nachschubs aus den USA zur Wehrlosigkeit gegen Russlands Raketen verurteilt ist, so bleibt nur die Option übrig, den Gegner bereits im Hinterland zu schwächen.Zu dieser Strategie passt, dass mutmasslich ukrainische Agenten am Dienstag ein Attentat auf einen hohen russischen Offizier verübt haben. Laut offiziell unbestätigten, aber glaubwürdigen Berichten ist dabei Oberst Damir Dawydow getötet worden, der Chef der russischen Militärabteilung für Raketen- und Artilleriemunition. Videobilder zeigen das durch eine Bombenexplosion völlig zerstörte Fahrzeug des Opfers in einem Vorort von Moskau.Augenzeugenaufnahmen zeigen den brennenden Wagen.ReutersHier, im «Mikrorajon der Luftfahrer», einem vor allem für Militärfamilien errichteten Neubauviertel, war im April 2025 mit Generalleutnant Jaroslaw Moskalik bereits ein anderer für die Kriegsführung wichtiger Offizier einem Anschlag zum Opfer gefallen.Dawydows Abteilung im Verteidigungsministerium, bekannt unter dem Kürzel Grau, ist für die Versorgung der russischen Streitkräfte mit Munition zuständig. In der Vergangenheit hat die Ukraine wiederholt die zentralen Grau-Depots mit Kamikazedrohnen angegriffen, letztmals am Wochenende bei einer Operation an der Ostsee in der Nähe von St. Petersburg. Nun ging es offensichtlich darum, auch die Führungsspitze zu treffen.Bedrohte Lieferkette bei der RaketenproduktionIn dieselbe Strategie fügt sich ein Angriff vom Mittwochmorgen auf eine Rüstungsfabrik 600 Kilometer östlich von Moskau ein. Die Ukraine verwendete dabei ihre neu entwickelten Marschflugkörper des Typs Flamingo (FP-5), wie die Behörden in Kiew bestätigten und auf Videos von Augenzeugen gut erkennbar ist. Das Hauptgebäude der Fabrik Wniir-Progress in der Stadt Tscheboksary an der Wolga geriet dabei in Flammen.Die Fabrik ist spezialisiert auf die Produktion elektronischer Komponenten für Raketen und Drohnen, unter anderem Empfänger für die Satellitennavigation und Geräte zur Überwindung ukrainischer Störsender. Es bleibt abzuwarten, inwieweit durch den Angriff die russische Produktion behindert wird.Die Ukraine hatte die Fabrik in Tscheboksary schon früher mit Kamikazedrohnen angegriffen, aber diese können aufgrund ihrer geringen Sprengkraft oft nur beschränkte Schäden anrichten. Flamingo-Marschflugkörper dagegen verfügen laut Herstellerangaben über einen Gefechtskopf von 1150 Kilogramm und damit sogar über mehr Sprengkraft als amerikanische Tomahawk-Marschflugkörper. Die auf Bildern erkennbaren schweren Zerstörungen in Tscheboksary zeugen von der Wirksamkeit dieser neuen Waffe. Produziert werden die Flamingos bis anhin allerdings erst in kleinen Stückzahlen.Passend zum Artikel
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