Sechs Wochen vor der geplanten Lokalwahl im pakistanisch verwalteten Teil Kaschmirs wachsen die politischen Spannungen in der Region. Bereits am Sonntag wurden bei gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei in der Stadt Rawalakot laut späteren Medienberichten mindestens elf Personen getötet und 70 weitere verletzt.Hintergrund der Unruhen ist ein Streit um zwölf der 53 Sitze im Lokalparlament. Die Sitze sind seit dem Jahr 1960 für Abgeordnete reserviert, die Flüchtlinge aus dem indisch verwalteten Teil Kaschmirs repräsentieren sollen. Pakistan unterstreicht damit gegenüber dem Erzfeind Indien seinen Territorialanspruch auf die gesamte Kaschmirregion. Die Abgeordneten leben aber außerhalb der Bergregion in verschiedenen Teilen Pakistans. Kritiker argumentieren, dass das politische Establishment in Islamabad die Sitzvergabe missbrauche, um Einfluss auf die Regierungsbildung in der teilautonomen Region zu nehmen.Ein lokales Bündnis zivilgesellschaftlicher Gruppen, das Joint Awami Action Committee, wurde vergangene Woche verboten, nachdem es für diese Woche zu Protesten und einem Generalstreik aufgerufen hatte. Das Bündnis fordert die Abschaffung der reservierten Sitze. Die Lokalregierung begründete das Verbot mit einem angeblichen Terrorismusverdacht und warf der Organisation die Verbreitung von Hass und Unsicherheit vor. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International bezeichnete das Verbot als „unverhältnismäßig, rechtswidrig und einen Verstoß gegen die Versammlungsfreiheit“.Amnesty berichtet von massenhaften willkürlichen FestnahmenZudem warf Amnesty den Behörden „massenhafte willkürliche Festnahmen und den tödlichen Einsatz von Gewalt“ vor. In Teilen der Region wurde das Internet gesperrt, um eine Mobilisierung von Protesten zu erschweren. Zusätzliche Sicherheitskräfte wurden in die Region verlegt. Touristen wurden aufgefordert, die Region zu verlassen. Viele Bewohner deckten sich aus Furcht vor weiteren Unruhen mit Lebensmitteln ein.Es ist nicht das erste Mal, dass Forderungen nach einer Stärkung lokaler politischer Mitsprache in der Hauptstadt Islamabad Abwehrreaktionen auslösen. Auch in anderen Teilen des Landes geht der Staat mit Verboten und Gewalt gegen lokale Protestbewegungen vor, etwa gegen die paschtunische Tahafuz-Bewegung in Khyber Pakhtunkhwa.Das Joint Awami Action Committee hat sich in den vergangenen zwei Jahren zu einer einflussreichen Protestorganisation im pakistanisch verwalteten Teil Kaschmirs entwickelt. Ihr gehören Anwälte, Studenten, Händler, Transportunternehmer und Aktivisten an. Mit Aktionen gegen wirtschaftliche Missstände, etwa bei der Stromversorgung, hat sie sichtbare Veränderungen bewirkt. Schon bei früheren Protesten des Bündnisses war es 2024 und 2025 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen, bei denen mehrere Personen getötet wurden, darunter auch mehrere Polizisten.