So wie das Smartphone einst den Handymarkt revolutionierte, will Siemens Mobility die Lokomotivbranche auf den Kopf stellen. Von Mittwoch an läuft die Lokplattform Vectron nur noch als X-Variante vom Band: Siemens Mobility integriert einen App-Store in die Lok. „Wir vergleichen die Entwicklung intern mit dem Smartphone. Kein Mensch denkt bei seinem Telefon nur ans Telefonieren“, sagte Michael Peter, der Geschäftsführer von Siemens Mobility, der F.A.Z.Man könnte es auch so formulieren: Ein Smartphone mit 9000 PS und 90 Tonnen Gewicht soll den Lokführern das Leben leichter machen. Mit dem Fokus auf Software und Digitalisierung steht der Konzern exemplarisch für die aktuellen Entwicklungen im grenzüberschreitenden Güterverkehr.Keine Zwischenstopps mehr an den GrenzenDie Vectron X ist eine Weiterentwicklung des Vectron-Modells, eine Mehrsystemlokomotive, die seit 14 Jahren Europa durchquert. In 20 europäischen Ländern ist sie zugelassen, 2952 Exemplare hat der Konzern bisher verkauft. Die elektrisch betriebenen Fahrzeuge wechseln an den Grenzen mit einem Knopfdruck das Zugsicherungssystem und, wenn nötig, die Stromart. Im Dschungel der verschiedenen Eisenbahnnetze auf dem Kontinent erspart das Konzept den Lokführern langwieriges Abkoppeln und Einhängen von neuen Loks. Die europäischen Streckenkorridore erfordern somit keine zusätzlichen Stopps an den Grenzen mehr.Dieser Fortschritt spart viel Zeit und sorgt im notorisch verspäteten Güterverkehr für Aufsehen. „Eine Vectron läuft fast doppelt so viele Kilometer am Tag wie eine Lokomotive vor 30 Jahren“, sagt Siemens-Manager Peter. Rund 100 Kunden, darunter DB Cargo und viele Leasingfirmen, können die Loks nach dem Baukastenprinzip modifizieren und ihren Bedürfnissen anpassen. Bis zu 80 Varianten sind möglich.Siemens Mobility hat in der neuen Vectron X einen Smartscreen verbaut.Siemens MobilityDie Vectron X unterscheidet sich vor allem im Inneren von ihren Vorgängerinnen. Ein großes Display mit einer Diagonale von 11,6 Zoll ermöglicht den Zugriff auf einen App-Store, der auch Angebote von Wettbewerbern und den Betreibern enthält. Trainplay, analog zum automobilen Carplay, spiegelt das eigene Telefon. Lokführer verfügen über eine breite Palette von Apps auf ihrem Handy, darunter eine Übersicht über die einsatzbereiten Fahrer des Unternehmens. Wenn ein Zug arg verspätet ist, muss dieser schon mal ausgewechselt werden. Eine App in erreichbarer Nähe soll die Kommunikation mit dem Unternehmen erleichtern.Die Vectron-App Eco Cruise teilt dem Lokführer mit, wo auf der vorgesehenen Fahrstrecke Energiesparmöglichkeiten bestehen, wo er also bergab den Motor ausschalten und trotzdem den Fahrplan einhalten könnte. Dem Komfort dient die Funktion, das Fahrzeug im Winter bereits vom Frühstückstisch oder Büro aus mit der App zu starten. Die Lokomotive benötigt einige Zeit, ihre Systeme hochzufahren und zu erwärmen.Eine wichtige Applikation, die eine datenintensive Zusammenarbeit mit Drittanbietern nahelegt, ist das Wartungsmanagement. Das Fahrzeug meldet regelmäßig mit Datensätzen, wie es seinen Systemen geht, wo Wartungen zu erwarten sind und wann sie sinnvoll wären. Diese Unterstützung der Planung soll mit nur einem Wisch auf dem Smartscreen der Effizienz auf den Schienen zugutekommen.Die Branche fokussiert sich auf SoftwareIn der Branche werden die Bemühungen von Siemens positiv bewertet. „Loks sind nur noch Software auf Rädern“, sagt Sven Flore, der ehemalige Chef der Cargosparte der Schweizer Bahngesellschaft SBB. Die Hardware, also der eigentliche Zug, sei heute nicht mehr das Problem, es gehe immer um IT-Themen. Flores Wunsch für den Zugführer der Zukunft: In dessen Smartphone stecken alle wichtigen Daten für die Fahrt, und die müssen nur noch an das Fahrzeug übertragen werden. Siemens’ neues Konzept scheint in diese Richtung zu weisen.Der Münchner Konzern ist nicht der einzige, der an der Lokomotive der Zukunft arbeitet. Sein großer französischer Konkurrent Alstom hat ein ähnliches Produkt im Angebot. Traxx sei eine der erfolgreichsten Lokplattformen der Welt, rund 2800 dieser Lokomotiven habe man bereits verkauft, heißt es aus dem Hause Alstom: „Insbesondere im Bereich Zugdigitalisierung setzt dieser Loktyp seit vielen Jahren den Maßstab für den grenzüberschreitenden Lokverkehr.“Doch sieht Siemens sich in Europa als klarer Marktführer. Auch der Anbieter Stadler Rail spielt zwar eine immer größere Rolle im Lokgeschäft, mit der SBB als wichtigem Kunden. Doch die Schweizer belegen im Konkurrenzranking nur den dritten Platz. In Fachkreisen wiederum stoßen Alstoms Traxx-Lokomotiven auf Kritik. Von Unzuverlässigkeit ist die Rede. Damit musste das Unternehmen schon in der Vergangenheit kämpfen. Die Deutsche Bahn hatte einst Traxx-Lokomotiven wegen gravierender Softwareprobleme nicht angenommen. Das war allerdings noch in der Bombardier-Ära. Alstom hatte Bombardier 2021 übernommen.Bahnsparte auf Kurs der DigitalstrategieDie Weiterentwicklung der Vectron bringt die Bahnsparte Siemens Mobility auf Kurs der konzernweiten Digitalstrategie Xcelerator, die zum ersten Mal vor vier Jahren angekündigt worden war. Man will sich Wettbewerbern und Partnern öffnen, weg von einem geschlossenen System hin zu einer daten- und softwaregetriebenen, offenen Plattform mit Schnittstellen für Drittanbieter. Die Hoffnung ist, mehr Flexibilität und Effizienz zu schaffen: Wer vernünftig miteinander kommuniziert, kann beim anderen andocken.Während die Umstellung des Softwarebereichs bereits abgeschlossen wurde, markiert die Lokomotive Vectron X nun den ersten Schritt der Umstellung des Rollmaterials. Zentral dafür ist die Künstliche Intelligenz. Diese wird für das Aufspüren wartungsbedürftiger Lokteile schon länger eingesetzt. Kommt das Fahrzeug in den Service, wissen die Techniker schon, was es braucht und wie viel Zeit sie für die Arbeit benötigen.KI stehe heute an vorderster Stelle im Entwicklungsprozess, sagt Michael Peter von Siemens Mobility. „Wir haben vor vier, fünf Jahren gesagt, wir wollen diesen Schatz an Daten heben. Damals hatten wir KI noch nicht so stark im Fokus.“ Der App-Store, auf den die Kunden in der Vectron X zugreifen können, liefert die Hälfte der Apps von Anfang an mit, den Rest können die Kunden kaufen. Wenn irgendwann Drittanbieter dort Apps zur Verfügung stellen, will Siemens die Daten mit qualifizierten Firmen teilen.
Neue Loks von Siemens: Wie ein Smartphone mit 9000 PS
Europas Bahnhersteller setzen zunehmend auf Software und Künstliche Intelligenz. Siemens prescht mit einer neuen Lok nach vorne. Die hat sogar einen App-Store an Bord.







