Fertig? Ist das hier lange nicht. Die Südostfassade ist noch mit Folien verhängt, Stahlstangen ragen aus dem Beton. Teile des Baus sind eingerüstet und ein Baukran überragt die Szenerie. Nein, die Sagrada Família, Barcelonas berühmtes Wahrzeichen, an dem seit mehr als 140 Jahren gebaut wird, ist noch immer nicht fertig. Die wenigsten der Tausenden Touristen, die den Bau täglich besuchen, wissen, was da auf der Südostseite an der Calle Mallorca noch fehlt: das Hauptportal nämlich sowie die prunkvollste der drei Gebäudeseiten, die Glorienfassade.Doch die Unfertigkeit ist, ebenso wie die Entstehungsgeschichte, Teil der Magie, die seit Jahren wachsende Besucherströme anzieht. Sie verleiht Besuchern das Gefühl, an einem Jahrtausendprojekt teilzunehmen. Mittlerweile sind es an die fünf Millionen Menschen jährlich, die den Sühnetempel besuchen, fast so viele wie die Insel Teneriffa.Den Bauherren und Stadtoberen von Barcelona ist das noch immer nicht genug. Von „Europas Taj Mahal“ träumt Barcelonas Tourismuschef Mateu Hernández. Mehr noch als der Eiffelturm oder die Rialtobrücke soll die Sagrada Família die Massen begeistern. Da kommt es gerade recht, dass Papst Leo XIV. an diesem Mittwoch die Kirche segnen wird – pünktlich zum 100. Todestag von Antoni Gaudí, Barcelonas Architekturgenie, das die Sagrada Família einst erdacht, geplant und teils gebaut hat.Kirchenbau Sagrada Família:Das Pubertier der WahrzeichenSeit 141 Jahren wächst Barcelonas Wahrzeichen heran: Jetzt hat die Kirche Sagrada Família von Antoni Gaudí zwei neue Türme. Das Tempo wird langsam fast unheimlich.Die Sagrada Família ist längst Wallfahrtsort des Instagram-TourismusUm Antoni Gaudí wird in Barcelona, und weit darüber hinaus, ein wahrer Kult betrieben. Zeitlebens war der asketische Einzelgänger, der sein Leben bei einem Straßenbahnunfall verlor, für seine unkonventionellen Entwürfe verspottet worden. Von „besoffener Kunst“ sprachen manche Zeitgenossen, eine „steinerne Missgeburt“ nannten einige den Kirchenbau.Doch die Zeit gab Gaudí recht: Die Sagrada Família mit ihrer einzigartigen, organischen Geometrie und Ornamentik ist zum Wallfahrtsort des globalen Instagram-Tourismus geworden. Mit Dutzenden Veranstaltungen feiert die Stadt in diesem Jahr das „Any Gaudí“, das Gaudí-Jahr. Dass die folienverhangene Glorienfassade erst in einigen Jahren zu bewundern sein wird, stört niemanden.Seit im vergangenen Februar das 17 Meter hohe gläserne Kreuz auf dem 172,5 Meter hohen Jesusturm montiert wurde, dem letzten der 18 Türme, hat die Sagrada Família den Ulmer Münster als höchste Kirche der Welt abgelöst. Dass die Kirche das Erste sein werde, was Besucher vom Meer aus zu sehen bekommen, wie Gaudí es einst erträumte, wird sich trotzdem nicht erfüllen. Dafür ist die Stadt zu dicht bebaut. Doch wird die Kirche auch in Zukunft, mehr noch als heute, das sein, was Barcelonas Besucher am meisten fasziniert.SZ MagazinEssen und Trinken:Wie Koch-Profis den Airfryer nutzenPommes klappen leicht, aber wie gelingen Tofu, Fisch, Fleisch und sogar Eier in der Heißluftfritteuse? Und braucht man dafür spezielles Zubehör? Drei Köchinnen verraten ihre Tricks und Lieblingsrezepte.Gaudí selbst konnte zeitlebens nur die Geburtsfassade an der Nordostseite der Kirche sowie einen einzigen Turm, den Barnabas-Turm, fertigstellen. Dutzende Architekten, Künstler und Steinmetze haben in den vergangenen Jahrzehnten sein Projekt fortgesetzt, Türme errichtet, Fassaden geschmückt. Einige der Selbstverwirklichungen von Gaudís Nachfolgern sorgen für Kontroversen, vor allem die von kantiger, fast brutalistischer Figuristik geprägte, ganz und gar ungaudíeske Passionsfassade auf der Südwestseite.Dennoch ist es ein beeindruckender Bau. „Ich kenne kein Werk, das ambitionierter, schöner, erhabener, monumentaler und kühner ist als dieses“, schrieb der 36-jährige linksintellektuelle Schriftsteller David Uclés kürzlich in der Zeitung La Vanguardia. Ihm selbst fehle die Fähigkeit, an Gott zu glauben, bekennt er, doch die Sagrada Família zu betreten, den von farbigen Fenstern beleuchteten, stillen Marmorwald, „und das Göttliche nicht zu spüren, ist fast unvorstellbar“.Künstliche Intelligenz:„Der Arbeitskräftemangel wird das dominante Phänomen auf dem Arbeitsmarkt bleiben“Die Angst geht um, dass KI-Technologie zu Massenarbeitslosigkeit führen wird. Der Soziologe Florian Butollo prognostiziert genau das Gegenteil. Ein Gespräch.Finanziert wurde el templo, wie es bei einem Sühnetempel üblich ist, von Spenden und Eintrittsgeldern. Tageskassen gibt es schon lange nicht mehr. Die 26 bis 40 Euro teuren Tickets kann man nur online vorab erwerben. Mehr als 100 Millionen Euro spülen Besucher und Mäzene jährlich in die Kassen der Projektverantwortlichen.Das war nicht immer so, sagt Gabriel Mercadal, ein älterer Mann mit gewitztem Blick, der anderthalb Straßenblocks entfernt in der Calle Sardenya wohnt. „In den Siebzigerjahren war der Tempel auf Almosen angewiesen“, erinnert er sich, „Leute liefen mit Sammelbüchsen herum.“ Als Sprecher der örtlichen Nachbarschaftsvereinigung kann er viel erzählen über das Leben in einem Stadtviertel, das täglich Dutzende Busladungen Touristen ausspuckt, wo pakistanische Händler Kastagnetten aus fernöstlicher Herstellung verkaufen und Wachleute an der U-Bahn-Rolltreppe aufpassen, dass Selfie-schießende Touristen nicht übereinanderpurzeln.Und er kann erzählen über ein Projekt, von dem viele Besucher der Sagrada Família kaum etwas ahnen: Der Kirche fehlt nicht nur ihre letzte, prunkvollste Fassade. Sie soll auch einen angemessenen, also pompösen Zugang bekommen, eine Prachtallee vor der Glorienfassade samt einem monumentalen Treppenaufgang. Das Problem ist nur: Dort, wo das entstehen soll, stehen dicht bebaute Wohnblöcke.Gabriel Mercadal wohnt anderthalb Straßenblocks entfernt von der Sagrada Família. Patrick IllingerAls Gaudí das Projekt 1883 übernahm und für die restlichen 43 Jahre seines Daseins zu seinem Lebensinhalt machte, war das heute dicht bebaute Innenstadtviertel ein Brachland. In den 1970ern, Spanien schüttelte gerade seine Diktatur ab und Zehntausende Menschen suchten in der damaligen Industriestadt Barcelona Arbeit, fehlte den Bauherren das Geld, um den umgebenden Grund zu kaufen. In diese Lücke stieß der Bauunternehmer und spätere FC-Barcelona-Präsident Núñez de Navarro: Er baute 1976 ein mehrstöckiges Wohngebäude direkt gegenüber der künftigen Portalfassade. Dafür hatte er eine Genehmigung des Kulturministeriums in Madrid erstritten. Nur die von Gaudí erstellte Geburtsfassade sei Kulturgut, befand die spanische Regierung, den Rest könne man zubauen. Im selben Jahr verabschiedete die Stadt Barcelona einen Generalplan, der eine 60 Meter breite Schneise vorsah, die sich vom Hauptportal der Glorienfassade durch die beiden Häuserblöcke gegenüber bis zur Avenida Diagonal zieht. Das Wohngebäude von Núñez de Navarro wurde darin als abrisspflichtig vermerkt.Seit 50 Jahren leben nun Hunderte Barceloneser Familien mit einer schwer erträglichen Ungewissheit: Sie wohnen in Häusern, die laut Stadtplanung nicht mehr stehen dürften. Noch vor zwei Jahren sah es so aus, als könnten Tausende Menschen ihr Zuhause verlieren, um dem Kirchenvorbau Platz zu verschaffen. Gabriel Mercadal und seine Anwohnervereinigung versuchten, bei der Stadt und den Bauherren Gehör zu finden.Bei einem Spaziergang durch die schachbrettförmig angeordneten Häuserblocks seines Stadtviertels Eixample deutet Mercadal an, dass eine Einigung in Sicht sei. Er zeigt auf einen Block schräg gegenüber der Kirche, der innen leer sei „wie eine Schachtel“. Das frühere Grundstück der Societat General d’Aigües sei seit Jahren ungenutzt, die Bauherren der Kirche hätten es aufgekauft. Dort, sagt Mercadal, sollen die Betroffenen unterkommen – in Neubauten, mit Grünfläche davor, und Blick auf die Sagrada Família.Immer mehr amerikanische Touristen kommen nach BarcelonaGenaueres will er noch nicht sagen. Mit den Verantwortlichen der Kirche sei vereinbart, die Pläne erst nach dem Papstbesuch zu veröffentlichen. So bestätigt es auch eine Sprecherin der Sagrada Família auf Anfrage. Das Rathaus verfolgt weiter die Idee einer offenen Stadt, einer, die alle Besucher empfängt. Die Regierung Kataloniens lässt den Flughafen ausbauen, auf dem heute schon Passagiere aus 59 Übersee-Destinationen eintreffen. Jeder siebte der 16 Millionen Touristen jährlich ist Amerikaner, Tendenz steigend.Mit einem 37-Punkte-Plan versucht die Stadtverwaltung mittlerweile, die täglichen Menschenströme und Reisebusse rund um die Sagrada Família zu steuern. Das habe durchaus etwas Entlastung gebracht, sagt Mercadal. „Aber wenn noch mehr Leute kommen, überfluten sie uns trotzdem. Egal, ob wir hier Maßnahmen treffen.“ Die Lösung könne seiner Ansicht nach nur eine sein: weniger Touristen.
Sagrada Família: „Wenn noch mehr Leute kommen, überfluten sie uns“
Die Sagrada Família zieht jährlich Millionen Touristen an. Nun kommt der Papst zu Besuch und die Stadt träumt von noch mehr Besuchermassen.












