Jamie Dimon scheute keine Mühen. Der Vorstandschef der amerikanischen Großbank JP Morgan Chase lud in der vergangenen Woche einige seiner besten Kunden ein, um für den bevorstehenden Börsengang von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX zu werben. Dimon nannte sie seine „Topeinzelinvestoren“. 350 von ihnen kamen in die neue Konzernzentrale in einem opulenten Wolkenkratzer in New York, mehrere Tausend weitere schauten sich eine Übertragung der Veranstaltung in Filialen der Bank an. Die Hauptattraktion war ein Interview von Dimon mit Musk, der per Video zugeschaltet war. Dimon umschmeichelte Musk, er nannte ihn den „Edison unserer Zeit“ und einen „amerikanischen Patrioten“. Musk sprach über seine Pläne, Rechenzentren im Weltall zu betreiben und eines Tages vielleicht sogar Hotels auf dem Mond zu haben. Im Saal kam auch Maye Musk zu Wort, Elon Musks Mutter. Sie erzählte, wie Menschen einst die Augen verdreht hätten, als sie ihnen gesagt habe, ihr drei Jahre alter Sohn Elon sei ein „Genie“.Der Börsengang von SpaceX ist für diesen Freitag an der Technologiebörse Nasdaq in New York angesetzt. Er wird von den 23 Banken, die ihn begleiten und dafür Schätzungen zufolge 500 Millionen Dollar an Gebühren erhalten sollen, zum Monumentalereignis hochgejubelt. Goldman Sachs hat in der Lobby seiner New Yorker Zentrale Attrappen von SpaceX-Raketen aufgestellt. Die Bank of America ließ nachts die Spitze ihres Büroturms anleuchten, sodass sie wie eine Rakete beim Start aussah. Der Überschwang zeigt sich auch daran, dass einige der beteiligten Banken Prognosen für die künftige Geschäftsentwicklung von SpaceX abgeben, die aus heutiger Sicht abenteuerlich klingen. Nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ prognostiziert die Bank Morgan Stanley, dass der Umsatz von SpaceX, der im vergangenen Jahr bei 18,7 Milliarden Dollar lag, bis 2028 auf rund 160 Milliarden Dollar steigen werde und bis 2040 auf 3,4 Billionen Dollar.SpaceX will nach Angaben in seinem Börsenprospekt mit dem Börsengang rund 75 Milliarden Dollar einsammeln, so viel wie noch nie ein Unternehmen auch nur annähernd zuvor. Die Aktien sollen für 135 Dollar ausgegeben werden. Damit würde SpaceX eine Marktkapitalisierung von 1,77 Billionen Dollar erreichen und aus dem Stand zu den zehn wertvollsten börsennotierten amerikanischen Unternehmen gehören.SpaceX wird wohl nur das erste Kapitel in einem Jahr der Superlative für Börsengänge sein. Am Montag gab das auf Künstliche Intelligenz spezialisierte Unternehmen OpenAI bekannt, seinen Börsenprospekt eingereicht zu haben. Dessen Wettbewerber Anthropic hatte dies schon in der vergangenen Woche getan. Beide wurden in ihren jüngsten Finanzierungsrunden mit annähernd einer Billion Dollar bewertet. Wenn also SpaceX, OpenAI und Anthropic an der Börse sind, könnten sie zusammengerechnet auf eine Marktkapitalisierung von vier Billionen Dollar kommen.„Es gibt viel Optimismus im Markt“Die nun kursierenden Bewertungen sind nicht allen Analysten geheuer. Jenseits der Banken, die mit dem Börsengang von SpaceX Geld verdienen, sind auch kritische Stimmen zu hören. Nicolas Owens von der Analysegruppe Morningstar hält den von SpaceX festgesetzten Ausgabepreis für weit überzogen und bewertet die Aktien mit 63 Dollar, also weniger als der Hälfte. Er sagte der F.A.Z., dass die mit dem Ausgabepreis verbundene Bewertung an das Erreichen kühner Ziele geknüpft sei. Dies sei aus heutiger Sicht sehr ungewiss. Das heißt nicht, dass Owens sich auf ein missglücktes Börsendebüt für SpaceX einstellt. „Ich denke, der Kurs wird wahrscheinlich erst einmal steigen. Es gibt viel Optimismus im Markt.“SpaceX hat verschiedene Geschäftsfelder: Traditionell ist das Unternehmen auf Raketen und Raumschiffe spezialisiert, die Nutzlast und Astronauten ins Weltall bringen, insbesondere für die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA. Die mittlerweile umsatzstärkste Sparte ist Starlink, das mittels Satelliten aus dem Weltall Hochgeschwindigkeitszugänge zum Internet zur Verfügung stellt. In diesem Jahr hat SpaceX auch X.AI übernommen, das KI-Unternehmen aus Musks Imperium, das mit OpenAI und Anthropic konkurriert und zu dem auch die Onlineplattform X gehört.Morningstar-Analyst Owens hält mit Blick auf die Bewertung zwei Fragen für ausschlaggebend: Gelingt es SpaceX, beide Stufen seiner neuen Rakete Starship, die noch in der Testphase ist, wiederverwertbar zu machen und damit häufige Raketenstarts zu niedrigen Kosten zu ermöglichen? Und kann das Unternehmen seine Pläne für Rechenzentren im Weltall technisch umsetzen und diese Rechenzentren rentabler machen als auf der Erde? Owens meint, dass SpaceX „besser positioniert als jedes andere Unternehmen“ sei, um diese Ziele zu erreichen. Aber die angestrebte Bewertung setze voraus, dass die Pläne von SpaceX voll aufgehen, und dies sei unwahrscheinlich. Der von ihm errechnete faire Wert von 63 Dollar gehe darauf zurück, verschiedene Szenarien für SpaceX mit Wahrscheinlichkeiten gewichtet zu haben.SpaceX will 30 Prozent des Aktienkontingents, das beim Börsengang ausgegeben werden soll, für Einzelaktionäre reservieren. Das ist ein deutlich höherer Anteil als üblich. Zu dieser Gruppe gehören die vermögenden Bankkunden, um die JP-Morgan-Chef Dimon wirbt, ebenso wie Kleinaktionäre, die auf Plattformen wie Robinhood mit Aktien handeln.Aufnahme in Börsenindex könnte Kurs stützenOwens meint, dass SpaceX auf eine „sehr enthusiastische Investorengemeinde“ hoffen könne. Darunter dürften viele Anleger sein, die zu den Aktionären des Autoherstellers Tesla gehören, Musks bisher einzigen börsennotierten Unternehmens. Ihnen gefalle die Aussicht, in ein weiteres Musk-Unternehmen investieren zu können. Daneben werde die SpaceX-Aktie wohl auch bald von Indexfonds gekauft. Das Unternehmen hat sich von Nasdaq zusichern lassen, schon 15 Handelstage nach dem Börsendebüt und damit ungewöhnlich schnell in den Index Nasdaq 100 aufgenommen zu werden. Dann wird die Aktie gewissermaßen automatisch zum Portfolio von Indexfonds gehören, die den Nasdaq 100 nachbilden. Owens sagt, dass das „strukturelle Nachfrage“ nach der SpaceX-Aktie schüren und somit den Aktienkurs stützen werde. Dem Kurs werde wohl auch helfen, dass SpaceX zunächst nur einen vergleichsweise kleinen Teil seiner Aktien an die Börse bringen will.Nach mehreren Medienberichten wird der Börsengang von SpaceX deutlich überzeichnet sein. Die Nachrichtenagentur Reuters schrieb am Wochenende, dass es Nachfrage nach Aktien im Wert von 150 Milliarden Dollar, also dem Doppelten des angestrebten Betrags, gebe. Bloomberg berichtete am Montag, dass mehrere institutionelle Investoren SpaceX-Aktien im Wert von zehn Milliarden Dollar bestellt hätten.Owens meint, dass es eine offene Frage sei, ob sich dieses hohe Nachfrageniveau auch mit Blick auf die erwarteten Megabörsengänge von Anthropic und OpenAI halten lasse. Aber im Moment deute noch nichts auf eine Abkühlung hin. Das habe auch die kürzlich vom Google-Mutterkonzern Alphabet angekündigte Kapitalerhöhung in Höhe von 85 Milliarden Dollar unterstrichen, die überzeichnet gewesen sei. „Alle Zeichen deuten darauf hin, dass der Börsengang für SpaceX ziemlich gut verlaufen wird“, sagt Owens.