KommentarDer Iran-Krieg lässt die Energiewende wieder aufleben. Jetzt dürfen alte Fehler nicht wiederholt werdenMehr Solarmodule und Elektroautos: Von Asien über Afrika bis Europa wählen Konsumenten Elektrizität als Alternative zu Öl. Das Momentum muss genutzt werden – diesmal auf die richtige Art.10.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenSolarzellen vor einer Hütte in Tschad: Afrikas Importe von Modulen sind in die Höhe geschossen.Dan Kitwood / GettySeit mehr als hundert Tagen erlebt die Welt mit dem Iran-Krieg die grösste Einschränkung der Ölproduktion in der jüngeren Geschichte. Wenn sich die globalen Ölvorräte weiterhin so schnell leeren, ist im Sommer die Versorgung bedroht. Darin sind sich die Internationale Energieagentur (IEA), die Weltbank, die Welthandelsorganisation (WTO) und der Internationale Währungsfonds (IWF) einig.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trotzdem kostet ein Fass Rohöl der Referenzsorte Brent weniger als 100 Dollar. Investoren und Händler wissen, dass das Schmiermittel der Weltwirtschaft eigentlich teurer sein müsste. Aber sie fürchten, dass Donald Trump plötzlich doch einen Deal mit Iran aus dem Hut zaubert. Wer dann auf einen steigenden Preis gesetzt hat, verliert viel Geld. Deshalb warten Investoren und Händler lieber ab.Die Börse verkennt die RealitätAber der theoretische Preis für ein Fass Rohöl am internationalen Finanzmarkt spiegelt nicht die volle Realität: In Teilen Afrikas und Asiens sind die Preise für die physischen Ölprodukte wie Diesel oder Flüssiggas deutlich stärker gestiegen. Während Investoren und Händler an den Börsen auf Zeit spielen, müssen Konsumenten und Unternehmen längst reagieren – und geben der Energiewende neuen Schub.Wer heute in diesen Weltregionen Diesel zum Fahren oder Flüssiggas zum Kochen benötigt, braucht Alternativen. Denn wer nicht auf importierte Kraftstoffe angewiesen sein will, muss die Energie selbst produzieren. Weil die Reserven von Öl und Gas ungleich verteilt sind, ist die Alternative in vielen Fällen Strom. Elektrizität lässt sich vor Ort herstellen, insbesondere dank erneuerbaren Energien.Die USA und Israel begannen ihre Angriffe auf Iran Ende Februar. Der März, der erste Kriegsmonat, fiel noch in das erste Quartal 2026 – mit durchschlagender Wirkung: In diesem Zeitraum haben sich die Exporte von Solarmodulen aus China nach Afrika und Asien gegenüber dem Vorjahresquartal mehr als verdoppelt.Fünfzehn afrikanische Länder importierten laut IEA so viele Solarpanels wie noch nie. Die Verkäufe von Elektroautos in Asien und Lateinamerika stiegen im ersten Quartal um 75 bis 80 Prozent.Auch in Europa ist die Elektrifizierung wieder auf der AgendaUnd obwohl Europa nicht das primäre Ziel der Exporte von Rohöl und Ölprodukten der Golfländer war, ist die Elektrifizierung auch hier zurück auf der Agenda. Strom verspricht Sicherheit. 17 Prozent mehr Wärmepumpen und 30 Prozent mehr Elektroautos wurden in Europa gekauft, wie die IEA gezählt hat.Konsumenten rund um den Globus entscheiden sich für Elektrizität und gegen Brennstoffe. Das Momentum gilt es zu nutzen – auch in den Industrieländern, wo die Energiewende jüngst an Schwung verlor. Energieversorger und Staaten dürfen die wachsende Akzeptanz nicht ignorieren.Aber sie dürfen nicht in das Muster zurückfallen, den Kauf von Elektroautos, Solarmodulen oder Wärmepumpen ungezielt mit der Giesskanne zu fördern. Die Technologie ist kein Luxus mehr: Es gibt längst auch günstige Modelle.Diesmal gehört das Netz ins Zentrum, nicht der NutzerStattdessen muss endlich die Strominfrastruktur im Mittelpunkt stehen: Es braucht mehr Investitionen nicht nur in die Stromerzeugung, sondern auch in die Transportnetze und die Speicherung der Elektrizität. Erst mit diesen Ausbauten werden die Erneuerbaren zum vollwertigen Pfeiler im Stromverbund. Das wurde lange vernachlässigt. Deshalb blieb die Energiewende Stückwerk.Man darf hoffen, dass die Dringlichkeit erkannt ist: Die weltweiten Ausgaben für Stromnetze dürften dieses Jahr laut IEA um 20 Prozent auf 550 Milliarden Dollar wachsen. Jene für Batteriespeicher zur kurzfristigen Speicherung des Stroms gar um einen Drittel auf mehr als 100 Milliarden Dollar. Das sind wichtige Bausteine. Auch hier hilft, dass die Technologien viel billiger geworden sind.Der Ausbau der Stromversorgung stärkt die Widerstandskraft – aber nur, wenn er richtig aufgesetzt wird.Passend zum Artikel