Eigentlich dachte man, es ist auf immer vorbei mit der Kultur des Briefeschreibens. Die Menschheit kommuniziert heute so viel wie nie, die Kommentarspalten im Netz und das Whatsapp-Gebimmel zeugen davon. Aber Briefe, längere, intensive Mitteilungen? Nicht mehr in Mode. Sogar im Postgesetz wurden inzwischen die Fristen zur Zustellung erweitert. Doch in der bayerischen Politik dreht sich seit ein paar Wochen alles um den Brief, diese Form der Botschaft erlebt eine Renaissance. Der Versuch einer Rekonstruktion.Den Anfang machte Manfred Weber, der Europapolitiker und CSU-Parteivize. In seinem „Pfingstbrief“ vollbrachte er das Kunststück, das Wirken von Ministerpräsident Markus Söder durchgängig mit dem Etikett „mangelhaft“ zu versehen – ohne dessen Namen zu erwähnen. Dazu passend wurde das voluminöse Schreiben zwar vielen Mandatsträgern der CSU zugestellt, nicht aber Söder. Danach machte ein Brief des CSU-Kreisverbands Bad Tölz-Wolfratshausen die Runde; in Presseberichten wohlgemerkt. Diese Abrechnung mit Söder und dessen tölpelhaften Schuldzuweisungen nach der Kommunalwahl war zwar direkt an diesen adressiert. Anscheinend verließ die Verantwortlichen nach dem Verfassen aber doch der Mut. Und man verabsäumte es, die brisante Sendung einzuwerfen.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Das Medium Brief ist also wichtig für die Politik im Freistaat und Hubert Aiwanger fragte sich da offenbar, warum er so gar nicht präsent ist auf diesem Feld. Daher teilte er gerade auf Facebook einfach mal einen Brief, den er selbst erhalten hat: von Eisengießern, die sich über Belastungen für ihre Branche durch die europäische Politik echauffieren. Den Brief versah Aiwanger dann digital mit einem neuen Adressaten, Manfred Weber, „jeder Tag ein neuer Sargnagel aus Brüssel für unsere Industrie“.Ausgerechnet Weber, bekanntester Briefschreiber in diesen Wochen, entgegnete auf Facebook, dass diese ganze Öffentlichmacherei von Briefen nicht zielführend sei, das habe nichts mit „Politik machen“ zu tun. Und übrigens, so Weber, hätten Aiwangers Freie Wähler im EU-Parlament besagter Industriepolitik zugestimmt. „Eine schöne Woche. Dein Manfred.“Nur einer schreibt keine Briefe: Markus SöderEs ist nicht bekannt, ob Aiwanger per Brief gekontert hat. Denkbar wäre es, denn einerseits umfasst das Inventar der Familie Aiwanger ja eine taugliche Schreibmaschine. Zum anderen ist Aiwanger gut in Übung, er hat in den vergangenen Jahren unzählige Briefe geschrieben, vor allem an Robert Habeck. Als der Grüne noch Bundesminister war, geriet der Austausch zu einer richtigen Brieffeindschaft. Und 2025 auf seiner USA-Reise kündigte Aiwanger an, wegen des Zollstreits auch mal „dem Donald“ einen Brief zu schreiben. Nur einer scheint gerade gar keine Briefe zu schreiben: Markus Söder. Aber der ist ja – das ist hinlänglich bekannt – ein moderner Landesvater, dem der Weltraumfunk näher liegt als nörgelnde Schreibarbeiten.Was bleibt davon? Natürlich gibt es Briefwechsel, die über ihre Zeit hinaus Bestand haben, Goethe mit Schiller, Hermann Hesse mit Thomas Mann oder Stefan Zweig. Dass das literarische Ausnahmen sind, wussten indes schon die Zeitgenossen. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb ein Autor in der Deutschen Rundschau: Briefe seien keineswegs „Produkt schärferen Nachdenkens“ – sondern verdanken ihre Entstehung dem Augenblick, „wenn der Geist ergriffen ist von momentanem Drange, sich auszusprechen“, wenn es gelte, „innere Unruhe zu beschwichtigen“. So ungefähr ist das wohl gerade im politischen München.
Schreib mal wieder! Warum der Brief in der bayerischen Politik wieder in Mode ist
Manfred Weber an die CSU, die CSU-Basis an Markus Söder. Sogar Hubert Aiwanger greift wieder zur Feder, um sich mitzuteilen. Eine Glosse.






