Vor einigen Jahren hat Schulleiter Andreas Leibold Gäste aus Südafrika durch die damals noch unsanierte Stadtschule in Schlüchtern geführt, deren Gebäude aus den Achtzigerjahren stammt. Sie fragten ihn ungläubig: Sehen alle Schulen in Deutschland so aus? Leibold ist der Vorsitzende des Interessenverbands hessischer Schulleitungen und erzählt die Anekdote auf einer Pressekonferenz zum Thema Schulbau.Inzwischen ist seine Haupt- und Realschule im Main-Kinzig-Kreis saniert, nach acht Jahren Bauzeit. Seit den Osterferien sind die Bauarbeiten beendet. Und Leibold weiß es zu schätzen, in schattigen, kühlen Räumen zu unterrichten. Die erste Hitzewelle des Jahres hätten Schüler und Lehrer in dem sanierten Gebäude problemlos überstanden. Leibold ist überzeugt: In guten Gebäuden erbringen Schüler eine bessere Leistung.Aber vielen Schulen in Hessen geht es noch nicht so gut wie der Stadtschule in Schlüchtern. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat ermittelt, wie es um den baulichen Zustand der Schulen in Hessen bestellt ist. Kai Eicker-Wolf, finanzpolitischer Referent der GEW Hessen, hat in die Haushalte der Schulträger geschaut und sich von der Verwaltung erläutern lassen, wie viel Geld im vergangenen Jahr in den Neubau, den Unterhalt und die Sanierung von Schulgebäuden investiert wurde. Diese Statistik führt die GEW schon seit einigen Jahren, sodass inzwischen ein aussagekräftiger Datensatz entstanden ist, wie Eicker-Wolf erläutert.In Frankfurt ist der Sanierungsstau am höchstenDer GEW-Vorsitzende Thilo Hartmann bringt es auf den Nenner: „In der Gesamtschau sind zu viele Schulen marode und in einem schlechten Zustand.“ Die Ausgaben seien nur moderat gestiegen. Die Gewerkschaft schätzt den Investitionsstau an Hessens Schulen auf mindestens sechs Milliarden Euro. Etwa die Hälfte davon entfalle auf Frankfurt und Marburg, wo in der vergangenen Woche die Decke einer Schule eingestürzt sei. „Wenn Gebäude so aussehen, kommt das einer mangelnden Wertschätzung der Schüler gleich“, sagt Hartmann.Steigt man tiefer in die Zahlen ein, so ergeben sich große regionale Unterschiede. Schlusslicht der Statistik ist Kassel, wo die Investitionen seit Jahren weit unter dem Durchschnittswert liegen. Der beträgt, gemittelt über 32 Jahre und alle Schulträger, pro Schüler 804 Euro im Jahr. Kassel steckt jährlich pro Schüler nur 331 Euro in seine Schulgebäude. Auf dem Spitzenplatz liegt der Hochtaunuskreis, dem seine Schulen jedes Jahr 1500 Euro pro Schüler wert sind. Auch Schulleiter Leibold bestätigt diese Diskrepanz: „Unter Kollegen im Hochtaunuskreis herrscht eine größere Zufriedenheit als in Nordhessen.“Frankfurt liegt mit Investitionen von rund 1100 Euro pro Schüler auf den vorderen Plätzen. Doch Hessens größte Stadt hat auch den größten Sanierungsstau zu bewältigen, wie Eicker-Wolf erläutert. „Frankfurt investiert vergleichsweise viel pro Jahr, hat aber auch den höchsten Investitionsstau, weil die Bausubstanz sehr schlecht ist“, sagt er. Außerdem führe der besonders hohe Zuzug in die Stadt zu einem erhöhten Neubaubedarf an Schulen.Stadtelternbeirat sieht „strukturelles Versagen“Katja Rininsland, Vorsitzende des Stadtelternbeirats von Frankfurt, zeichnet ein dunkles Bild vom Zustand der Schulen in Frankfurt und spricht von strukturellem Versagen: „Es fehlen Schulen, Mensen, Turnhallen, Schwimmbäder. Und Sanierungen gehen viel zu langsam voran.“Viele Schulträger legen der GEW zufolge ihre Hoffnungen auf das Sondervermögen des Bundes. „Das wird aber nicht reichen“, sagt Eicker-Wolf. Seiner Rechnung zufolge gehen in Hessen 4,7 Milliarden aus dem Sondervermögen an die Kommunen, was kaum ausreiche, um den Investitionsstau zu beheben. Hinzu komme, dass von 2028 an die Körperschaftsteuer schrittweise gesenkt werde, was zu erheblichen Mindereinnahmen führen werde, die von 2032 an die Einnahmen aus dem Sondervermögen sogar überträfen.„Das hat niemand auf der Rechnung“, sagt Eicker-Wolf und fordert, auf die Steuersenkung zu verzichten. Außerdem sollte das Land über seine Förderbank WI-Bank für drei Milliarden Euro Kredite aufnehmen und den kommunalen Schulträgern zur Sanierung ihrer Gebäude zur Verfügung stellen, um die dringendsten Bauaufgaben zu erledigen. Das Land solle die Zinsen und die Tilgung übernehmen.Mit einem Aktionstag am 17. Juni fordert die GEW „mehr Geld für Bildung“, mit Kundgebungen auf dem Hessentag in Fulda und an vielen anderen Orten. Am 7. September soll es zudem eine Anhörung mit Experten zu den Schulbauausgaben geben.