Die neuesten EntwicklungenICE-Einsätze in den USA: Die Einwanderungsbehörde erhält ab Juni einen neuen ChefDie umstrittene amerikanische Einwanderungspolizei (ICE) wird unter Präsident Donald Trump für Massenabschiebungen von Einwanderern eingesetzt. Die neuesten Entwicklungen im Überblick.NZZ-Redaktion09.06.2026, 15.15 Uhr5 LeseminutenIm Januar 2026 hat die ICE in Minneapolis ihre bis jetzt grösste Operation durchgeführt.Dave Decker / ImagoDie neusten Entwicklungen:David Venturella übernimmt per Anfang Juni die Leitung der Einwanderungsbehörde (ICE). Das hat die Regierung von Präsident Donald Trump am 12. Mai verkündet. Venturella war bisher ICE-Beamter und hatte davor mehr als zehn Jahre bei dem privaten Gefängnisbetreiber GEO Group gearbeitet. Dieser betreibt unter anderem zivile Haftanstalten für Einwanderer. Der bisherige Chef Todd Lyons tritt per Ende Mai zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.InhaltsverzeichnisWas ist die ICE?Was geschah in Minneapolis?Wie lief der Einsatz in Minneapolis ab?Wie reagierte die Regierung auf die Todesfälle von Minneapolis?Was führte zu den Protesten der Bevölkerung?Was ist die ICE?Die Abkürzung ICE steht für U. S. Immigration and Customs Enforcement (Einwanderungs- und Zollfahndungsbehörde). Die Behörde wurde im Jahr 2003 im Zuge von Umstrukturierungen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gegründet und ist dem Heimatschutzministerium unterstellt. Ihr Auftrag ist es, Gesetze zur Grenzkontrolle, zum Zollwesen und zur Einwanderung durchzusetzen.Der amerikanische Präsident Donald Trump hat die ICE seit Januar 2025 einem radikalen Wandel unterzogen. Die Behörde wurde personell und finanziell stark ausgebaut und strategisch verändert. Im Rahmen der «Big Beautiful Bill» hat der Kongress im vergangenen Sommer 75 Milliarden Dollar für den Ausbau der Einwanderungsbehörde gesprochen und damit das Budget verdreifacht. So konnte die Behörde wachsen und 10 000 neue Kräfte anheuern.Unter früheren Regierungen konzentrierte sich die ICE primär auf Migranten, die schwere Straftaten begangen hatten. Trump hob diese Priorisierung auf und lässt die ICE vermehrt gegen Personen ohne kriminelle Vorgeschichte vorgehen – mit Festnahmen auf offener Strasse und Razzien in Wohnvierteln, an Arbeitsplätzen oder in der Nähe von Schulen oder Spitälern.Was geschah in Minneapolis?In Minneapolis im Gliedstaat Minnesota führte die Einwanderungspolizei von Dezember 2025 bis Februar 2026 die grösste Operation ihrer Geschichte durch. Es hatte zuvor andere Einsätze gegeben, im letzten Jahr vor allem in Los Angeles und Chicago, wo es zu Razzien und Auseinandersetzungen kam. Der Einsatz in Minneapolis markierte allerdings eine neue Dimension.Die Stadt gilt als «Sanctuary City» mit einer liberalen Migrationspolitik. Sie ist damit eine der Städte, die die Zusammenarbeit mit den Bundesbehörden bei der Abschiebung illegal eingewanderter Personen einschränken. Das widerspricht der Migrationspolitik von Donald Trump. Er versprach bei den Präsidentschaftswahlen im Herbst 2024 die grösste Massenabschiebung in der Geschichte der USA.Beamte der Einwanderungspolizei treffen auf Protestierende in Minneapolis.Star Tribune / GettyDie ICE begründete ihre Operation in Minneapolis mit der Durchsetzung des Bundesrechts. Die beteiligten ICE-Beamten sollten dort insbesondere in der somalischen Gemeinschaft durchgreifen. Nachdem ein massiver Betrug mit Covid-Geldern publik geworden war, bezeichnete Präsident Trump sämtliche Somalier als «Müll». Er stellte den Gliedstaat Minnesota als Beispiel für das Versagen der vorherigen demokratischen Regierung dar.Kritiker sahen in der Aktion gezielte Gewalt gegen die somalische Gemeinschaft. In der Stadt leben rund 80 000 Menschen somalischer Abstammung. Die Mehrheit von ihnen sind amerikanische Bürger oder besitzen eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung.Wie lief der Einsatz in Minneapolis ab?In Minneapolis waren rund 3000 Beamte vor Ort. Unter dem Motto «Turn and Burn» setzten sie auf maximale Sichtbarkeit: Maskierte und bewaffnete Bundesbeamte patrouillierten durch die Strassen und führten Razzien durch. Die oft gewaltsamen Aktionen fanden mitten im Stadtzentrum statt oder in friedlichen Aussenquartieren, vor Gerichtsgebäuden – überall, wo Migranten arbeiten, leben oder Behörden aufsuchen.Ab Jahresbeginn eskalierten die Einsätze in Minneapolis. Am 7. Januar erschoss ein ICE-Beamter die 37-jährige Aktivistin Renée Good. Sie protestierte mit ihrer Frau und anderen Nachbarn gegen die Präsenz der Einwanderungspolizei in einem Wohnquartier im Süden von Minneapolis. Videos zeigen, wie Good in ihrem Auto einer Festnahme entgehen wollte und abdrehte. Ein Beamter stand vor dem Wagen, zielte auf die Windschutzscheibe und drückte ab. Good, eine dreifache Mutter aus Colorado, wurde tödlich getroffen.Knapp drei Wochen später tötete ein ICE-Polizist am 24. Januar den 37-jährigen Aktivisten Alex Pretti bei einem weiteren Einsatz.Wie reagierte die Regierung auf die Todesfälle von Minneapolis?Donald Trump behauptete, Renée Good habe «gewaltsam, vorsätzlich und böswillig» den ICE-Beamten überfahren wollen. Der Polizist habe in Notwehr gehandelt, sagte Trump. Schuld an dem tödlichen Vorfall seien «radikale Linke», die tagtäglich die Beamten bedrohten und angriffen. Die Innenministerin Kristi Noem bestätigte Trumps Darstellung.Zu den Umständen der Tötung von Alex Pretti halten die Behörden viele Details zurück, etwa den genauen Ablauf des Schusswaffeneinsatzes und die Rolle der angeblichen Bewaffnung von Pretti. Das Heimatschutzministerium teilte nach dem Vorfall mit, Pretti sei bewaffnet gewesen und habe die Beamten angegriffen. Die Behörde veröffentlichte das Foto einer Pistole. Trumps Vize-Stabschef Stephen Miller sprach von einem «inländischen Terroristen».Laut dem Polizeichef von Minneapolis war der Getötete berechtigt gewesen, eine Waffe zu tragen. Verifizierte Videos von dem Vorfall zeigen allerdings, dass Pretti während der Interaktion mit den Polizisten keine Waffe in der Hand gehalten hat. Laut Recherchen von Medien soll er versucht haben, eine von einem Beamten zu Boden gebrachte Frau zu schützen, und sei mit Pfefferspray besprüht worden, bevor die Schüsse fielen.Beide Vorfälle sind Gegenstand laufender juristischer Ermittlungen. Das amerikanische Justizministerium untersucht gemeinsam mit der Bundespolizei (FBI), ob Beamte gegen Bürgerrechte verstossen haben. Auch lokale Strafverfolgungsbehörden beschäftigen sich mit den Fällen.Was führte zu den Protesten der Bevölkerung?Nach den Tötungen von Good und Pretti spitzte sich die Lage in Minneapolis zu. Das brutale Vorgehen der Einwanderungspolizei versetzte nicht nur Migranten in Angst. Es kam zu landesweiten Protesten, Streiks und Blockaden. Aktivisten, Gewerkschaften und NGO kritisierten die Gewalt, fehlende Transparenz und Eingriffe in die lokale Selbstbestimmung.Die Vorfälle sorgten auch im Lager der Demokraten für Kritik. Die beiden demokratischen Ex-Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton riefen zu Protesten auf. Auch der Bürgermeister von Minneapolis, Jacob Frey, forderte die ICE zum Verlassen der Stadt auf.Die Zustimmung der Amerikaner zur Einwanderungspolitik von Donald Trump fiel laut einer Reuters/Ipsos-Umfrage von Ende Januar auf den niedrigsten Stand seit seiner Rückkehr ins Weisse Haus.Eine Frau bringt Blumen an den Tatort, wo Alex Pretti erschossen wurde.Craig Lassig / EPAWann endete der Einsatz in Minneapolis?Der Grenzschutzbeauftragte Tom Homan kündigte am 12. Februar ein Ende des ICE-Einsatzes in Minneapolis an. Der Rückzieher der Regierung unter Trump ist maximalem Druck geschuldet. Die Lage war politisch gekippt: Die Empörung in der Bevölkerung wuchs, und die Beweislage rückte stärker in den Mittelpunkt.Tom Homan zeigte sich zufrieden über die Fortschritte vor Ort. Er gab an, dass «viele Kriminelle» festgenommen worden seien, darunter Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung. Minnesota sei nun «weniger ein Zufluchtsort für Kriminelle».Der amerikanische Grenzschutzbeauftragte Tom Homan hat den ICE-Einsatz in Minnesota beendet.Ryan Murphy / APWelche personellen Veränderungen hat es bei den amerikanischen Migrationsbehörden seit dem Einsatz in Minneapolis gegeben?Noch während des Einsatzes in Minneapolis zog Donald Trump Ende Januar den Grenzschutzkommandanten Gregory Bovino aus Minnesota ab. Bovino hatte mit seinem martialischen Auftreten als Gesicht der gewaltvollen Operation gegolten. Der mit dem nationalen Grenzschutz Beauftragte Tom Homan übernahm daraufhin die Kontrolle über den Einsatz und leitete dessen Ende ein.Im März hat Donald Trump die umstrittene Heimatschutzministerin Kristi Noem entlassen. Das Ministerium ist der ICE übergeordnet. Auf Noem folgte der Senator Markwayne Mullin. Dieser erklärte, dass er die ICE künftig aus den Schlagzeilen herauszuhalten gedenke. Die personellen Veränderungen deuten auf einen Strategiewechsel Donald Trumps nach der massiven Kritik an den brutalen Einsätzen hin.Im März entliess Donald Trump die frühere Heimatschutzministerin Kristi Noem.Elizabeth Frantz / ReutersPer Anfang Juni übernimmt David Venturella die Leitung der ICE vom zurückgetretenen Todd Lyons. Venturella gilt als gemässigt. Auch seine Ernennung zum ICE-Chef veranschaulicht die neue Linie der Regierung. Donald Trump scheint seiner zur Schau gestellten Härte in der Migrationspolitik abzuschwören und bewusst auf eine geräuschlosere Abschiebebürokratie zu setzen.Passend zum Artikel