PfadnavigationHomeICONISTPartnerschaft„Niemand ließe sich auf Untreue ein, ahnte er, wie sie ausgeht“Von Christian ThielStand: 12:18 UhrLesedauer: 6 MinutenWer lange keine Nähe und Anerkennung erfährt, wird empfänglich für Zuwendung von außenQuelle: Getty Images/MaskotAufmerksamkeit bekommt sie von ihrem Mann nicht mehr – aber von einem seiner Geschäftspartner. Obwohl sie sich heftig fremdverliebt hat, will sie die Ehe der Tochter zuliebe retten. Warum das der völlig falsche Weg ist, erklärt der Paarberater.Seit über 20 Jahren berät Christian Thiel in seiner eigenen Praxis Singles und Paare. Er ist Buchautor, Podcaster und veranstaltet Workshops und Coachings für Partnersuchende. In seiner Arbeit rund um Liebe, Lust und das Fehlen von beidem bekommt er immer wieder ähnliche Fragen gestellt: „Warum kritisiert sie mich?“ oder „Warum will er kein Kind?“ – die beantwortet er auf seinem Blog. Antworten auf andere Fragen gibt er regelmäßig bei WELT. Haben Sie auch eine Liebes-Frage? Dann melden Sie sich damit gern unter liebe@welt.de.Die Frage:„Mein Mann will schon seit der Geburt unserer Tochter (8) keinen Sex mehr mit mir (44). Er ist überhaupt sehr sparsam, nahezu geizig, was mich ständig stört. Wir wollen die Ehe aber trotzdem aufrechterhalten – wegen des Kindes. Nun habe ich mich, für mich völlig unerwartet, in einen Geschäftspartner (62) meines Mannes verliebt, mit dem wir regelmäßig Kontakt haben. Er scheint diese Gefühle zu erwidern. Wir werfen uns oft heiße Blicke zu – und das in Anwesenheit unserer Ehepartner. Durch die Resonanz, die ich bei dem anderen Mann finde, verwandle ich mich irgendwie, werde immer schöner und strahlender und bekomme von allen Seiten überschwängliche Komplimente. Plötzlich habe ich auch in anderen Zusammenhängen eine Reihe von Verehrern, die mir das teilweise auch sagen, trotz meiner Ehe – das kommt alles unerwartet und zu meinem grenzenlosen Erstaunen. Und es ist natürlich sehr gut für mein Selbstbewusstsein. Trotzdem weiß ich nicht so richtig weiter. Fremdverliebt zu sein, fühlt sich dermaßen angenehm an, nach all den Jahren der Abstinenz. Aber eine Perspektive gibt es ja nicht.“Lesen Sie auchDas antwortet der Paarberater: Sie begnügen sich in der Liebe in meinen Augen gern mit den besonders niedrig hängenden Früchten – und halten das für eine gute Strategie für das Lebensglück. Ich stimme dem ganz ausdrücklich nicht zu. Sie sind jetzt bereits dreimal in der Liebe falsch abgebogen – bei der Partnerwahl, bei der Entscheidung, Ihr Liebesleben womöglich für viele weitere Jahre stillzulegen, und auch, als Sie sich in eine imaginäre Liebe geflüchtet haben, eine fiktive Liebesgeschichte ohne Aussichten.Fangen wir mit der Partnerwahl an. Die Wahl eines Mannes, der ungern Sex hat, ist nur für Frauen eine gute Lösung, die auch ungern Sex haben. Sie gehören nicht dazu. Zudem ist Ihr Mann auch noch wenig freigiebig (was zu der geringen Bereitschaft zum Geben beim Sex gut passt). Das ist eine Blaupause für eine schwierige Ehe. Und für ein geringes Lebensglück. Diese unglückliche Ehe lastet jetzt auf Ihrem Kind. Für ein Kind und seine Entwicklung ist das nicht gut. Sie gehen davon aus, Ihrem Kind in einer distanzierten und lieblosen Ehe ein gutes Zuhause zu bieten. Ich nicht.Lesen Sie auchZudem besteht Ihr Leben aus einer dauerhaften Lüge. Sie schauspielern eine gute Ehefrau, die Sie nicht sind. Und Sie glauben ernsthaft, Ihr Kind bekäme von alledem nichts mit? Das ist erstaunlich. Und es ist sehr unwahrscheinlich. Mit Ihrer Entscheidung für eine funktionale Ehe (auch Eltern-WG genannt) sind Sie ein weiteres Mal falsch abgebogen. Das menschliche Gefühlsleben hält so etwas nur in Ausnahmefällen aus. In der Regel leidet es. Keine Anerkennung, keine Wertschätzung, keine Komplimente, keine Bewunderung als Mensch wie als Frau, keine Zärtlichkeiten und – kein Sex. Kaum jemand hält das dauerhaft gut aus, vermutlich auch Ihr Mann nicht. Ich hatte auch schon Fälle in der Beratung, bei denen der Mann angeblich keinen Sex mehr wollte, und trotzdem hat er seine Frau nach einigen Jahren betrogen. Womit wir beim dritten Fall von falschem Abbiegen sind. Ihrer Untreue.Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugenÜber viele Jahre emotional unterversorgt zu sein, das macht empfänglich für emotionale Zuwendung von außen. So ist es auch Ihnen ergangen. Und dabei haben Sie Ihre Ansprüche noch einmal heruntergeschraubt. Der Mann, in den Sie sich verliebt haben, ist nicht zu haben. Er ist sehr einfach zu entflammen, ist er doch gleich 18 Jahre älter als Sie. Das schmeichelt seinem Ego. Der Kontakt ergibt sich aufgrund geschäftlicher und privater Verbindungen. Sie müssen sich nicht einmal bemühen. Sie nehmen also den Mann, der „zur Hand ist“, wie ich es nenne. Das dürfte auch für die anderen Männer gelten, die Ihnen jetzt eindeutige Angebote machen.Wie oft ich von solchen Konstellationen höre? In der Beratung kommen sie ganz regelmäßig vor. Keine der Geschichten ist gut ausgegangen. Und mit „gut ausgegangen“ meine ich, dass Sie als die untreue Frau (emotional untreue Frau) erheblichen Schaden nehmen können. Das Gleiche gilt natürlich auch für alle anderen an der emotionalen Affäre Beteiligten: Ihren Flirtpartner, seine Frau und auch Ihren Mann.Lesen Sie auchRegel Nummer eins für die Untreue lautet: Sie kommt nahezu immer raus. Ich wäre ganz froh, wenn alle, die sich in Richtung Untreue bewegen, diese Regel kennen würden. Mehr als ein Prozent Wahrscheinlichkeit, dass es bei Ihnen nicht herauskommt, gebe ich Ihnen nicht. Dann erwartet Sie möglicherweise ein erhebliches Chaos. Ihr Mann kann komplett ausrasten, haben Sie ihn doch unter seinen Augen mit einem Mann betrogen, der eigentlich loyal zu ihm stehen sollte. Ihr Kind kann sich geschockt gegen Sie wenden. Die Ehefrau des Geschäftspartners Ihres Mannes kann die Nachricht von Ihrer Untreue in der ganzen Stadt verbreiten. Die Liste der Dinge, die dann Ihr Leben zur Hölle machen können, ist leider unendlich lang. Das ist im Übrigen auch der Grund, warum im Verlauf einer Untreue immer wieder die untreue Person selbst erhebliche psychische Probleme bekommt – und womöglich in eine Klinik muss. Ich habe diesen Fall gerade zweimal in der Beratung. Ganz ehrlich: Ich wünsche das niemandem.Regel Nummer zwei bei Untreue lautet: Nahezu niemand würde sich je auf eine Untreue einlassen, wenn er auch nur den Hauch einer Ahnung hätte, wie sie ausgeht. Die Schäden, die im Rahmen solcher Konstruktionen entstehen, sind leider sehr hoch. Ihre derzeitige emotionale Untreue lebt von dem angenehmen Gefühl, niemandem geschadet zu haben, sowie von der Annahme, Ihre Handlungen kämen nicht heraus. Beides ist falsch, auch das Erstere. Lesen Sie auchSie haben der Ehe des Geschäftspartners bereits erheblich geschadet. Sollte alles herauskommen, wären auch Ihr Mann und Ihre Tochter tief verletzt – womöglich so sehr, dass fraglich ist, ob beide jemals wieder mit Ihnen sprechen möchten. Kommt es dann zu einem langgezogenen Rosenkrieg, wie es bei Untreue häufig geschieht, würde Ihre Lage noch schwieriger.Meiden Sie bitte jede Begegnung mit diesem Mann. Konzentrieren Sie sich auf Ihr reales Liebesleben. Hierfür müssen Sie bessere Lösungen finden. Sorgen Sie bitte für eine klare Trennung. Danach suchen Sie sich einen passenden Partner. Biegen Sie bitte nicht auch noch ein viertes Mal falsch ab. Alle Männer, die Ihnen in den vergangenen Wochen und Monaten eindeutige Angebote gemacht haben, sollten Sie nach einer Trennung komplett ignorieren. Ein passender Mann ist erstens Single und macht zweitens keiner verheirateten Frau Angebote.Christian Thiel ist auch im WELT-Podcast „Die Sache mit der Liebe“ zu hören. Darin räumt er mit der Paarberaterin Anna Peinelt mit weitverbreiteten Liebesmythen auf. Ein Podcast für Singles, Paare und alle, die wissen möchten, was hinter dem Liebesglück steckt.Abonnieren Sie den Podcast bei Spotify, Deezer, Amazon Music oder direkt per RSS-Feed.