PfadnavigationHomeKulturWeltplus ArtikelArtikeltyp:MeinungLiebeskummer„Deshalb findest du auch nie jemanden“Stand: 10:54 UhrLesedauer: 7 Minuten„Möchtest du einen Teller Gulasch?“ WELT-Autorin Eden PatrichiQuelle: Conrad WegenerWer Liebeskummer hat, will hören, dass man eh was Besseres verdient und die neue Liebe gleich an der nächsten Ecke wartet. Mein Problem: Ich glaube nicht daran. Was, wenn kein Besserer kommt? Und der Verflossene eben doch der Mann fürs Leben war?Wenn Trösten eine Superpower ist, dann bin ich nur Clark Kent, ohne den Superman. Darüber bin ich mir im Klaren. Manche können das unglaublich gut. Die setzen sich mit dir auf den Küchenboden, reichen dir Taschentücher und sagen Dinge wie: „Du verdienst etwas Besseres.“ „Er wird das irgendwann bereuen.“ „Liebe findet immer ihren Weg.“ Und das Verrückte ist: Sie sagen diese Sätze mit einer Selbstverständlichkeit, als hätten sie direkten Kontakt zur Schicksalsverwaltung. Ich dagegen sitze daneben wie ein kaputter Kundenservice-Chatbot: Lesen Sie auch„Hmm, ja, das tut bestimmt weh …“ „Es tut mir leid!“ „Möchtest du einen Teller Gulasch?“ Mehr kommt mir da meistens nicht über die Lippen. Nicht, weil ich gefühllos bin. Ich fühle sogar viel. Das Problem ist nur: Ich glaube überhaupt nicht an die Dinge, die man angeblich beim Trösten sagen soll. Und damit beginnt mein persönlicher sozialer Albtraum. Was ist Liebeskummer?Denn Liebeskummer ist keine normale Unterhaltung. Es ist ein Ritual. Jemand wird verlassen, und plötzlich müssen alle Beteiligten dasselbe emotionale Programm abfahren. Zuerst die Analysephase – alles klar: „Er hat sich verändert.“ „Nein, eigentlich schon seit Monaten.“ „Aber die letzten zwei Wochen waren komisch.“ Dann die digitale Spurensicherung, super spannend: Instagram wird untersucht wie ein Tatort. Warum folgt er plötzlich einer Frau, die aussieht, als würde sie Hafermilch beruflich konsumieren? Warum hat er das gemeinsame Bild vom Gardasee gelöscht? Und warum interessiert er sich plötzlich für Film Noir und Proteinshaker? Doch dann kommt der Teil, an dem ich kläglich scheitere: die Aufbauphase. Ich versage nicht beim Arm-über-die-Schulter-Legen. Ich versage auch nicht beim Tee-Kochen, Schokokuchen-Backen oder Detektiv-Spielen. Das mache ich gerne, und ich sehe darin einen nachvollziehbaren Sinn. Es ist schließlich wissenschaftlich belegt, dass Nähe beruhigt, und ich war auch schon immer daran interessiert, Antworten zu finden. Aber dann sollen die tröstenden Worte kommen. Jetzt erwarten alle Hoffnung. Nicht Mitgefühl. Nicht Zuhören. Sondern Hoffnung. Ich soll Dinge sagen wie: „Da kommt sicher schnell jemand Besseres.“ Und ich denke jedes Mal: Warte kurz, woher weiß man das eigentlich? Gibt es irgendwo einen romantischen Kundenservice, der nach jeder gescheiterten Beziehung automatisch einen passenderen Menschen verschickt? Was, wenn nicht, Jacqueline? Was, wenn Kevin wirklich der Beste war, der dir jemals über den Weg laufen wird? Was, wenn von nun an nur noch Alkoholiker, notorische Fremdgeher und völlige Vollnieten auf dich warten? Aber das kann man natürlich nicht sagen. Lesen Sie auchUnd was heißt überhaupt: „etwas Besseres verdienen“? Ganz sicher war die trauernde Person auch nicht komplett unbeteiligt an der Trennung. Aber man kann dem schluchzenden Menschen, der vor einem auf dem kalten Küchenboden kauert, jetzt auch keinen Vortrag über sein eigenes Versagen halten. Meine Aufgabe als Freundin ist ja erst einmal eine andere: Anteilnahme und Leid mindern. Und genau dort beginnt die eigentliche Frage: Wie tröstet man jemanden, ohne sich dabei zu verbiegen oder zu lügen? Oder sich selbst in eine brenzlige Situation zu bringen? Denn wenn man nach einer Trennung nicht sofort vorhersagt, dass irgendwo bereits der viel schönere, intelligentere, bindungsfähigere Traummensch mit Therapieerfahrung und einem Leben im Griff wartet, gilt man als „verbittert“. Dann heißt es: „Du bist immer so negativ.“ „Deshalb findest du auch nie jemanden.“ „Mit dieser Einstellung kann dich die Liebe ja gar nicht finden.“ Eine erstaunlich unfaire Anschuldigung von einem Menschen, der sich gerade noch verzweifelt bei einem ausgeheult hat. Und dann kippt etwas. Vorher war man gemeinsam gegen den oder die Ex: gegen die Bindungsangst. Gegen die Kommunikationsprobleme. Gegen die plötzlich notwendige „Freiheit“. Aber je länger man nicht enthusiastisch genug an die eine große Liebe glaubt, desto mehr verschiebt sich die Dynamik. Plötzlich sitzt man selbst auf der Anklagebank. Dann geht es nicht mehr um die Trennung, sondern um den eigenen angeblich verlorenen Glauben an die heile Disney-Märchenwelt: Warum du „so pessimistisch“ bist. Warum du immer „alles kaputt denkst“. Warum du „niemanden heranlässt“. Huh? Wann wurde ich denn hier zum Thema? Mach mal halblang, Jacqueline! Ironischerweise passiert dann Folgendes: Ich werde angeschaut, als wäre ICH der eigentliche Staatsfeind ihrer romantischen Beziehungen. Als wäre nicht der emotional unverfügbare Ex-Partner mit Commitment-Issues das Problem, sondern meine fehlende Begeisterung für pseudo-deepe Sprüche und den naiven Glauben an die wahre, ewig währende Liebe. Lesen Sie auchDenn wenn man nur zusammen fest genug daran glaubt, dann wird es schon wahr sein – oder? Dann ist man ein Teil der Community unerschütterlicher Romantiker. Und wer diesen Glauben nicht teilt, enttäuscht nicht nur – der verunsichert zutiefst. Denn der stellt infrage, ob Liebe zuverlässig genug ist, um dem Leben seinen Sinn zu geben.Die Wahrheit ist: Ein Mensch mit Liebeskummer will im Grunde nicht bloß Trost. Er will eine Versicherung. Dass man sich wieder öffnen sollte. Dass Beziehungen nicht nur schöne Anfangsphasen mit späterem emotionalem Brandschaden sind. Er will einen Beweis, dass Dating trotz allem immer noch Sinn ergibt. Ist bei mir aber nicht drin, Jacqy. Vielleicht reagieren manche deshalb so aggressiv auf meinen Realismus. Nicht auf den lustigen Großstadt-Zynismus mit Aperol und ironischen Datinggeschichten. Sondern auf diesen existenziellen Zweifel, der tiefer geht. Denn Menschen verwechseln Optimismus oft mit Wärme. Wer Hoffnung schenkt, gilt als empathisch. Wer sich da eher weniger enthusiastisch ausdrückt, wird als frustriert abgetan. Und wie das bei Rudelverhalten oft der Fall ist, kommen der Ausgegrenzten – also in diesem Fall mir – wiederum auch Bedenken. Ich halte mich eigentlich für die Vernünftige. Die Reflektierte. Eine Frau, die sich nicht von Hollywood-Logik einlullen lässt. Der entscheidende UnterschiedAber was, wenn sich andere Menschen etwas bewahrt haben, was ich eingebüßt habe? Nicht Romantik. Sondern Vertrauen. Vertrauen darin, dass es dort draußen noch Menschen gibt, mit denen eine schöne, respektvolle Beziehung möglich ist. Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum ich bei diesem Teil des Trost-Programms scheitere. Weil jede hoffnungsvolle Aussage plötzlich auch etwas von mir verlangt. Wenn ich zu einer Freundin sage: „Du wirst hundertprozentig wieder lieben und geliebt werden“, dann muss zumindest ein Teil von mir selbst daran glauben. Und genau da verstummt es in mir. Vielleicht bin ich gar keine Realistin. Vielleicht bin ich einfach nur müde. Trotzdem sitze ich weiter auf Küchenböden. Ich höre zu. Ich bringe Gulasch und Schokokuchen mit. Ich analysiere Nachrichten, als wäre ich nebenberuflich beim BKA angestellt. Vielleicht bin ich tatsächlich nicht besonders gut darin, Menschen Hoffnung zu verkaufen. Aber ich bleibe. Auch dann, wenn die motivierenden Sätze längst aufgebraucht sind. Wenn niemand mehr „Du hast etwas Besseres verdient“ sagt, weil die Trennung inzwischen gesellschaftlich langweilig geworden ist. Ich bin noch da, wenn die Person drei Monate später im Supermarkt weint, weil irgendwo das gemeinsame Lieblingslied läuft. Ich bin da für die peinlichen Rückfälle. Für das nächtliche „Ich vermisse ihn noch“. Für die emotionalen Rückwärtssaltos. Ich bin vielleicht keine Hoffnungspredigerin, aber ich bin zuverlässig. Und vielleicht ist das ja am Ende meine nachhaltigere Version von Trostspenden: keine große, glänzende Hoffnung mit Universum und Schicksal. Sondern die kleine, stille Versicherung, dass Menschen traurige Dinge überleben können. Dass man Kummer aushält. Dass Nähe manchmal einfach bedeutet, gemeinsam enttäuscht zu sein, ohne sofort eine inspirierende Lektion daraus machen zu müssen. Und vielleicht ist das der eigentliche Unterschied zwischen mir und den anderen: Sie glauben daran, dass alles gut wird. Ich glaube daran, dass niemand allein sein sollte, wenn es gerade nicht gut ist. Eden Patrichi ist Drehbuchautorin, Schauspielerin und Kolumnistin des Feuilletons. Hier schreibt sie über Beziehungen, Alltag und Freundschaft in Berlin.
Liebeskummer: Was, wenn der Ex wirklich die große Liebe war? - WELT
Wer Liebeskummer hat, will hören, dass man eh was Besseres verdient und die neue Liebe gleich an der nächsten Ecke wartet. Mein Problem: Ich glaube nicht daran. Was, wenn kein Besserer kommt? Und der Verflossene eben doch der Mann fürs Leben war?








