Wenn die Berge richtig steil werden, dann müssen die Sherpas helfen. Das ist im Himalaja nicht anders als im politischen Berlin. Dort ist der Reformberg über die vergangenen Wochen und Monate immer höher geworden: Steuern, Rente, Pflege, Krankenversicherung, Wirtschaftswachstum. Sechs Männer, intern Sherpas genannt, sollen sich dieser vielen Themen nun annehmen und ein Reform- und Kompromisspaket schnüren: Thorsten Frei (CDU), Jens Spahn (CDU), Alexander Dobrindt (CSU), Alexander Hoffmann (CSU), Björn Böhning (SPD) und Matthias Miersch (SPD). Hinzu kommen die Protokollanten.Mehrfach in der Woche wollen sich diese Verhandler treffen. Das nächste Mal am Dienstagabend, bevor am Mittwoch die Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter zu einem Treffen mit den Koalitionsspitzen im Kanzleramt eingeladen sind. Eine Dreierrunde aus Frei, Dobrindt und Böhning gab es schon seit Beginn der Koalition. Umso mehr stellt sich also die Frage: Warum haben die Verhandler bisher keine umfassenden Reformen auf den Weg bringen können? Und warum sollte das jetzt plötzlich anders sein?Kanzleramtsminister Frei muss qua Amt alle Gesetzes- und Reformvorhaben im Blick haben. In der SPD wird er kritisch gesehen. Sozialdemokraten erinnern immer wieder mal daran, dass Frei im vergangenen Jahr einen Koalitionsausschuss in Berlin sausen ließ, um an einer Veranstaltung in seinem Wahlkreis teilzunehmen. Auch das gescheiterte Koalitionstreffen in der Villa Borsig vor einigen Wochen legen viele Sozialdemokraten ihm zur Last; Frei habe das Treffen nicht gut vorbereitet.Mehrfach in der Woche will sich die Runde treffenAuf der SPD-Seite kommt die Aufgabe des Überblick Behaltens Böhning zu, der allerdings kein Minister ist, sondern Staatssekretär im Bundesfinanzministerium unter Lars Klingbeil (SPD). Böhning hat einen etwas ungewöhnlichen Lebenslauf: Er war Juso-Vorsitzender, machte Karriere in der Berliner Landespolitik und im Bundesarbeitsministerium – und wechselte dann als Lobbyist in die Filmwirtschaft. Sein Freund Klingbeil holte ihn vor einem Jahr zurück in die Politik.Und dann gehört noch Dobrindt zur Dreierrunde – aber warum eigentlich? Dobrindt ist als Innenminister gut ausgelastet und nicht der oberste CSU-Mann in Berlin. Doch ausgerechnet bei der SPD ist man froh über ihn. Dobrindt hat ein erstaunliches Geschick darin entwickelt, trotz harter Migrationspolitik einen stabilen Gesprächskanal zu den Sozialdemokraten aufzubauen. Gleichzeitig genießt er das Vertrauen von CSU-Chef Markus Söder, ohne dessen Zustimmung es keine einzige Reform geben wird.Miersch und Spahn hatten kein enges VerhältnisDie Runde der Sherpas wurde erweitert, um frühzeitig die beiden Koalitionsfraktionen einzubeziehen. Im ersten Jahr ihrer Zusammenarbeit mussten Union und SPD erleben, dass Einigungen, die sie an der Spitze miteinander ausgehandelt hatten, in den Fraktionen auf harten Widerstand stießen – etwa beim Ende vorigen Jahres beschlossenen Rentenpaket. Andere Vorhaben wie die Wahl der Verfassungsgerichtskandidatin Frauke Brosius-Gersdorf scheiterten sogar. Das soll nun vermieden werden.Daher sind die beiden Fraktionsvorsitzenden Spahn und Miersch mit in der Runde der Verhandler, ebenso der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Alexander Hoffmann. Durch dessen Anwesenheit hat die CSU in der Sechsergruppe zwei Mitglieder, so wie die beiden größeren Parteien. Die CSU stellt 44 Abgeordnete in der Unionsfraktion. Ohne sie kommt keine Mehrheit zustande.Das Verhältnis von Spahn und Miersch hatte zu Beginn der gemeinsamen Koalitionszeit noch geknirscht. Auch wenn ihre Büros im Jakob-Kaiser-Haus übereinander liegen und mit einer kleinen Treppe verbunden sind, mussten sie eine politische Distanz überwinden. Spahn gehört zum konservativen Flügel der CDU, mancher in der SPD hatte vor allem anfangs die Sorge, er könnte mit dem Gedanken an eine Annäherung an die AfD spielen.Miersch hingegen war vor seiner Wahl zum Fraktionsvorsitzenden einer von drei Sprechern der Parlamentarischen Linken in der SPD-Bundestagsfraktion. Doch nachdem die Richterwahl am Widerstand der Unionsfraktion gescheitert und es infolgedessen zu einer Vertrauenskrise gekommen war, rauften sich Spahn und Miersch zusammen. Heute gilt ihr Arbeitsverhältnis als eng und gut. Hoffmann kommt mit beiden zurecht.Die drei – wie der Rest der Unterhändler – wissen, dass sie sich sehr viel auf den Reformteller geladen haben, der bis zur parlamentarischen Sommerpause zumindest im Wesentlichen geleert sein soll. Zuletzt stimmte Miersch in den wachsenden Chor derjenigen ein, die vor den entscheidenden Verhandlungstagen zum Realismus aufriefen. „Das wird sehr, sehr stark jetzt drauf ankommen, wie die Arbeitgeber und die Gewerkschaften auch Bereitschaft zeigen am Mittwoch“, sagte Miersch in der ARD mit Blick auf das für Mittwoch geplante Treffen mit Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften im Kanzleramt. Auch in der Sommerpause, fügte der SPD-Politiker hinzu, könne noch weitergearbeitet werden.
Reformen: Auf diese sechs Verhandler kommt es jetzt an
Die Koalition startet in eine entscheidende Verhandlungswoche. Um ein Scheitern zu verhindern, haben Union und SPD die Runde der sogenannten Sherpas erweitert.













