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Biotechnologie: So sieht der Trennungsplan bei Biontech mit den Gründern aus Hunderte Mitarbeiter sollen nach Handelsblatt-Informationen ins neue Unternehmen wechseln. Welche Forschung bei Biontech bleibt, was an die Gründer geht und was Investoren bekommen könnten.
Helena Smolak, Annika Keilen 09.06.2026 - 08:45 Uhr Artikel anhörenTüreci und Sahin, mRNA-Modell: Es zeichnet sich ab, wie es für Biontech nach dem Abgang der Gründer weitergehen soll. Foto: Biontech (2), Reuters, Getty Images [M]München. Nach dem Abgang der Gründer hat Biontech eine erste wichtige strategische Entscheidung getroffen: Das Mainzer Biotechnologieunternehmen setzt weiter auf mRNA, jene Technologie, die Biontech mit dem Corona-Impfstoff weltbekannt gemacht hat. Dies berichten mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen.Unter anderem wird das Unternehmen weiter eines seiner Krebsforschungsprojekte (iNEST) vorantreiben. Dabei handelt es sich um maßgeschneiderte mRNA-Impfstoffe für individualisierte Krebsimmuntherapien. Auf ihnen ruhen große Hoffnungen für zukünftiges Wachstum.Die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci hatten im März ihren Rückzug zum Jahresende und den Aufbau eines neuen Unternehmens angekündigt. Biontech war während der Coronapandemie rasant gewachsen und zwischenzeitlich an der Börse mehr als 100 Milliarden Euro wert. Die Impfstoffe des Unternehmens auf mRNA-Basis waren weltweit gefragt.mRNA ist praktisch die Bauanleitung einer Zelle, ein genetischer Code, der dem Körper sagt, welches Protein er herstellen soll – und wie er sich bei Impfungen gegen Erreger schützen kann. Nach der Pandemie brachen aber die Umsätze ein und der Börsenwert sank auf ein Viertel.Biontech bleibt in der Frühphasenforschung präsentNach der Ankündigung des Rückzugs war lange offen, wie viel mRNA-Kompetenz in die neue Firma der Gründer abwandert. Nun ist klar: Biontech bleibt weiterhin in der frühen Forschung präsent, also in den ersten Forschungsphasen. Ein Teil der Frühforschungsbereiche fließt jedoch in das neue Unternehmen, darunter das Portfolio der CAR-T-Zelltherapien, bei denen körpereigene Immunzellen im Labor genetisch verändert und gegen Krebs eingesetzt werden. Dies erfuhr das Handelsblatt aus Unternehmenskreisen.Nach Angaben von Insidern soll auch die Forschung zu RiboMAB – einer Klasse von mRNA-kodierten Antikörpern mit dem Ziel der Tumoreliminierung – ins neue Gründerunternehmen fließen. Der Transfer gibt Hinweise auf die künftige Zusammenarbeit zwischen Biontech und der neuen Gründergesellschaft: Bisher sei RiboMAB von der Kommerzialisierung weit entfernt. Sahin und Türeci sollen eine Lizenz erhalten, um RiboMAB voranzutreiben. In einer späteren Entwicklungsphase sollen sie es wieder zurück an Biontech übertragen.Biotech Top-Investoren umwerben neues Projekt der Biontech-Gründer – auch Bill Gates dabei Offen ist noch, welche Rechte das neue Unternehmen erhält. Die Patente der Wirkstoffkandidaten liegen aktuell alle bei Biontech, sind einiges wert, und sollen auch weiterhin bei Biontech bleiben. Die größte Hürde sei daher derzeit die finanzielle Bewertung dieser Vermögenswerte, berichten mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen. Darüber wird aktuell verhandelt.Die endgültige Aufteilung ist noch nicht abgeschlossen und steht unter dem Vorbehalt der Zustimmung der zuständigen Gremien. Das Gründerpaar bleibt mit rund 16 Prozent an Biontech beteiligt und über Kooperationen und Lizenzen eng mit dem Unternehmen verbunden.Anfangs habe die Sorge bestanden, hier entstehe ein „Biontech 2.0“, das dem Mutterkonzern Konkurrenz machen könnte. Diese Sorge habe sich gelegt, heißt es in den Kreisen. Das liegt auch an der neuen, klaren Arbeitsteilung: Die Firma von Sahin und Türeci übernimmt einen Teil der frühen Forschung – und soll geeignete Wirkstoffkandidaten für die späte klinische Entwicklung an Biontech weiterreichen.Weitere Projekte sollen abgespalten werdenDaneben könnte eine weitere Gesellschaft entstehen. Biontech plant, die frühphasigen Wirkstoffe gegen entzündliche Erkrankungen des übernommenen chinesischen Biotech-Unternehmens Biotheus zu verkaufen, und verhandelt darüber mit spezialisierten Kapitalgebern. Das erfuhr das Handelsblatt aus Investorenkreisen. Hintergrund sei der Wille, Ressourcen zu bündeln, nachdem sich das Unternehmen in der Vergangenheit in seinem Medikamentenportfolio zu breit aufgestellt habe.Die Biotheus-Übernahme 2025 hatte sich für Biontech vor allem wegen des Onkologieportfolios gelohnt: Insbesondere der bispezifische Antikörper Pumitamig unter anderem gegen Lungenkrebs, den Biontech mit dem US-Konzern Bristol Myers Squibb (BMS) entwickelt. Er gilt als großer Hoffnungsträger, könnte bereits 2028 auf den Markt kommen und zeigt eine bessere Verträglichkeit als Keytruda des US-Konzerns Merck, das weltweit umsatzstärkste Medikament.Mehrere Hundert Mitarbeiter wechseln in die neue GesellschaftMit den Vermögenswerten wechselt auch Personal: Mehrere Hundert Mitarbeiter, vor allem aus der Forschung, sollen in das neue Gründerunternehmen von Türeci und Sahin wechseln, berichten Insider. Geplant sei ein direkter Personaltransfer. Aktuell ist von knapp 300 Mitarbeitern die Rede, die genaue Anzahl könne jedoch mit dem Stand der Verhandlungen zur neuen Gründergesellschaft noch variieren.Sahin nehme einige seiner engsten Vertrauten mit. Dabei soll nach Informationen des Handelsblatts vertraglich festgelegt worden sein, dass Sahin und Türeci Biontech-Mitarbeiter nicht direkt abwerben dürfen. Bei Investoren und Beschäftigten wirft das eine zentrale Frage auf: Wer macht künftig bei Biontech noch die frühe Forschung?Kommentar Aufbruch statt Rückzug: Die Biontech-Gründer setzen erneut ein Zeichen Helena SmolakDie Suche nach einer neuen Konzernspitze ist fortgeschritten, das Interesse internationaler Kandidaten groß. Das berichten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen. Das Mandat soll bei der Personalberatung Egon Zehnder liegen.Das Entscheidungsgremium treffe derzeit die Bewerber. Eine Priorität bei der Auswahl sei, dass Sahin mit der künftigen Spitze auskomme. Auf Anfrage des Handelsblatts wollte das Unternehmen keinen Kommentar abgeben.Mitarbeiter klagen über fehlende TransparenzStellenabbau, Werkschließungen und die Unsicherheit über die Zukunft Biontechs haben dazu geführt, dass sich Mitarbeiter nach neuen Arbeitgebern umschauen und manche sogar kündigten. Das erfuhr das Handelsblatt aus Betriebsrat und Belegschaft. Darunter Personen, die als wichtige Forscher im Konzern gelten.Zwei Sorgen treiben die Mitarbeiter um. Zum einen ist unklar, welche Teams wechseln werden. Zum anderen ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Stellen in der Mainzer Zentrale wegfallen, weil dort Beschäftigte an gemeinsamen Projekten mit den Standorten arbeiten, die geschlossen werden.Um Angestellte zu binden oder zu belohnen, will Biontech eine Transformationsprämie von bis zu 20 Prozent des Bruttojahresgehalts oder einen Festbetrag von bis zu 15.000 Euro zahlen, so sagten es mit der Angelegenheit vertraute Personen. Die daran geknüpften Ziele seien jedoch so hoch angesetzt, dass viele Mitarbeiter sie für unrealistisch hielten.Morning Briefing Insight Warum schauen wir so oft in die USA – und wie entsteht die Themenauswahl beim Handelsblatt? Die Beschäftigten fürchten, dass mit den Abgängen viel internes Wissen verloren geht. „Gott sei Dank ist mein Teamlead aktuell noch da. Ich will mir die Konsequenzen für unser Team und unsere Forschung gar nicht ausmalen, wenn sie geht“, sagte eine langjährige Mitarbeiterin aus der Forschung.Intern fühle sich vieles wie eine Art Stillstand an. „Aktuell herrscht eine Stimmung, als ob jemand gestorben sei“, sagte ein Mitarbeiter. Daran ändere auch das Sommerfest nichts, das Ende Juni stattfinden soll.Die Unklarheit bremst auch das Tempo. Hochprioritäre Projekte mit festen Fristen gebe es derzeit kaum, weil offen sei, welche Vorhaben überhaupt fortgeführt werden. „Wir arbeiten ganz normal weiter, aber ohne den Termindruck, den man vorher immer hatte“, sagte eine Mitarbeiterin.Biontech-Werk Marburg: Das Unternehmen zieht sich aus der Impfstoffproduktion zurück. Foto: IMAGO/Anadolu Agency Verwandte Themen BiontechForschungEuropaAuch die Standorte des übernommenen Rivalen Curevac sind betroffen. Mit dem radikalen Umbau reagiert Biontech auf die deutlich gesunkene Nachfrage nach Corona-Impfstoffen in Europa und den USA seit dem Ende der Pandemie.Das Unternehmen hält sich den Angaben zufolge zurück, bis die Nachfolge geklärt und die Verteilung der Vermögenswerte zwischen Gründerpaar und Biontech entschieden ist. Beide Entscheidungen werden die strategische Ausrichtung Biontechs maßgeblich prägen. „Ich weiß nicht, ob die Firma selbst weiß, was sie vorhat“, beschreibt ein Mitarbeiter.Erstpublikation: 08.06.2026, 03:59 Uhr. 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