Olivia Fischer / NZZZerstörte Häuser, verlassene Dörfer: Der Krieg hat im Südlibanon tiefe Spuren hinterlassen. Trotz Waffenruhe bleibt die Lage angespannt, und Israels Armee schafft weiter Fakten am Boden. Ein Überblick über die Zerstörungen im Süden des Landes.Seda Motie, Olivia Fischer09.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenNach vier Jahrzehnten weht wieder eine israelische Flagge auf der Beaufort-Burg in Südlibanon, inmitten zerstörter Gebäude und von Trümmern. Direkt daneben: die Flagge der Golani-Brigade. Am 31. Mai gab die israelische Armee bekannt, die strategisch wichtige, rund neunhundert Jahre alte Festung eingenommen zu haben. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sprach von einer «entscheidenden Wende».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Einnahme der Burg markiert die bisher tiefste Ausdehnung der israelischen Bodenoffensive seit Beginn der jüngsten Kämpfe mit dem Hizbullah im März. In der Nacht zum 2. März hatte der Krieg mit Iran auch Libanon erreicht: Nach der Tötung des iranischen Obersten Führers, Ayatollah Ali Khamenei, feuerte der von Iran unterstützte Hizbullah Raketen auf Israel ab. Israel bombardierte im Gegenzug Ziele aus der Luft und marschierte einige Wochen später im Süden Libanons ein.Die israelische Armee hat nun mit Waffengewalt im Süden Libanons eine faktische Pufferzone geschaffen – und will sie weiter ausdehnen. Die Folgen für die Bevölkerung in Südlibanon sind verheerend. Mehr als drei Monate nach Beginn der Kämpfe sind laut UNHCR-Angaben 1,3 Millionen Menschen in Libanon geflohen oder vertrieben worden. Das entspricht rund einem Viertel der gesamten Einwohnerzahl des Landes.Viele ihrer Wohnhäuser liegen in Trümmern, zerstört durch Luftangriffe oder Sprengungen. Zahlreiche Dörfer wurden in Schutt und Asche gelegt. Einige von ihnen waren bereits während der israelischen Bodenoffensive in Südlibanon 2024 schwer beschädigt worden. Hochauflösende Satellitenbilder zeigen die Trümmerwüsten in den Orten.Die Vorher-Aufnahmen stammen von Anfang März 2026, die Nachher-Bilder von April und Mai 2026.Planet Labs/Airbus via Vertical52Die umkämpfte Zone wächst und wächstDer Norden Israels leidet seit Jahrzehnten unter Beschuss. Wegen Angriffen des Hizbullah wurden Zehntausende Israelis Ende 2023 aus dem Norden des Landes in sicherere Regionen umgesiedelt. Viele von ihnen kehrten zwar in den vergangenen Monaten zurück. Doch selbst während der derzeitigen Waffenruhe verschiesst der Hizbullah aus dem Süden Libanons weiterhin Raketen auf den Norden Israels.Am 4. März veröffentlichte das israelische Militär die ersten Evakuierungsanordnungen für die libanesische Bevölkerung südlich des Litani-Flusses. Darin forderte die Armee die Menschen auf, sich nach Norden zu begeben. Wenige Tage nach Beginn der Luftangriffe bestätigte Israel dann am 17. März den Einsatz von Bodentruppen. Mit «begrenzten und gezielten Bodeneinsätzen» begann die israelische Armee nach eigenen Angaben, ihre Kontrolle über Gebiete südlich des Litani-Flusses auszuweiten.Am 17. März wurden die Anordnungen auf das Gebiet bis zum Zahrani-Fluss ausgeweitet. Von der nördlichsten Stadt Israels aus ist der Fluss mindestens 15 Kilometer entfernt. Rund 20 Prozent des libanesischen Staatsgebiets gelten damit heute als umkämpfte Zone.Nach dem Waffenstillstand Mitte April richtete Israel dann in Südlibanon eine Sperrzone ein. Sie umfasst einen breiten Grenzstreifen in Südlibanon mit mehr als fünfzig Dörfern und Städten. Ihre Bewohner können nicht zurückkehren, denn Verteidigungsminister Israel Katz hatte Ende März angekündigt, dass «alle Häuser in den libanesischen Dörfern in der Nähe der Grenze zerstört werden» sollen.Die Mitte April ausgerufene Waffenruhe beruhigte die Lage kaum. Nach ihrem Inkrafttreten am 17. April gingen die israelischen Bodenoperationen weiter. Zugleich intensivierte der Hizbullah in den vergangenen Wochen seine Drohnenangriffe, gegen die die israelische Armee bisher nur begrenzte Mittel gefunden hat. Im Norden Israels löst der Beschuss durch die Miliz immer wieder Warnsirenen aus.Seit Beginn des Krieges wurden rund fünfzig libanesische Grenzdörfer im Zuge der Bodenoffensive von Israel angegriffen. Die Luftangriffe trafen 377 Gemeinden im ganzen Land, darunter nahezu alle von der Bodenoffensive betroffenen Grenzorte. Mehr als fünftausend Luftangriffe zählt der Konfliktbeobachter Acled von März bis Anfang Juni. Besonders betroffen waren laut Acled-Daten die Gouvernements Nabatäa und Südlibanon. Schiitische Hochburgen wie Bint Jbeil, Taybeh oder Beit Lif wurden dabei weitgehend zerstört.Spezialeinheiten wie Yahalom, die 91. Division und die Alpinisten-Einheit operieren in Südlibanon, um militärische Infrastruktur des Hizbullah zu zerstören. Im Fokus stehen vor allem Tunnel, Bunker, Waffenlager und Überwachungsposten. In Kantara sprengte die israelische Armee nach eigenen Angaben ein unterirdisches Tunnelnetz des Hizbullah. Grosse Teile des Dorfes wurden dabei zerstört.Israel verweist immer wieder auf angeblich weitverzweigte Tunnel unter Ortschaften in der Grenzregion.IDF/InstagramVideos aus sozialen Netzwerken, auch aus Kanälen der israelischen Armee, dokumentieren die Schäden an zivilen Gebäuden. Dazu zählen Schulen in Marwahin und Bint Jbeil, Teile einer Klosteranlage in Yaroun, die vierhundert Jahre alte «Grosse Moschee» in Bint Jbeil oder das bekannte schiffförmige Restaurant «Safina» am Kap Ras al-Bayada südlich von Tyros.Neben Gebäuden gerieten auch Brücken gezielt ins Visier. Die Zerstörungen entlang des Litani-Flusses verfolgten die militärische Strategie, Südlibanon komplett zu isolieren, um den Nachschub an Kämpfern und Waffen für den Hizbullah zu unterbinden. Nur wenige Stunden vor Beginn der Waffenruhe im April zerstörten die Truppen die letzte intakte Brücke über den Fluss. Während diese Achsen laut Israel vor allem dem Waffenschmuggel dienen, sind sie auch essenziell für die zivile Versorgung. Die Zerstörung blockiert neben militärischen Bewegungen auch die Fluchtwege der Bevölkerung.Im mehrheitlich christlichen Debel walzten Bulldozer Solaranlagen und kommunale Maschinen nieder, die das Dorf mit Strom versorgten und die Wasserstation betrieben. Auch Strassen, Stromnetze und landwirtschaftliche Betriebe wurden beschädigt, Olivenbäume entwurzelt. Mehrere Häuser und Höfe brannten. Laut Angaben der israelischen Armee wird der Vorfall mit der Solaranlage untersucht, entsprechende Massnahmen gegen die beteiligten Soldaten würden ergriffen.Was die israelische Führung als Schutzmassnahme für die eigene Grenze deklariert, bewerten libanesische Stellen als Beginn einer faktischen Besetzung. Zurück bleibt eine Trümmerlandschaft aus Dörfern, die nicht nur evakuiert, sondern für ihre Bevölkerung unbewohnbar gemacht werden.Mitarbeit: Jan Ludwig.Passend zum Artikel