«Es ist keine Überraschung, dass es wieder passiert ist», sagt der Sportkardiologe zur Herzattacke des Fussballers Christian EriksenVor fünf Jahren brach Christian Eriksen zum ersten Mal bei einem Fussballspiel zusammen und musste wiederbelebt werden. Nun hatte er erneut eine Herzattacke auf dem Platz. Ein Kardiologe erklärt, wie das passieren konnte.09.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenNoch tut das Herz seinen Dienst: Christian Eriksen vor der Attacke beim Länderspiel am 7. Juni gegen die Ukraine im dänischen Odense.Kent Rasmus / ImagoEigentlich sollte das nicht mehr passieren: Vor fünf Jahren wurde Christian Eriksen ein Defibrillator eingepflanzt. Er soll dem Fussballer bei einem Herzstillstand das Leben retten. Nun ist der Däne erneut kollabiert. Wie ist das möglich? Und welche Lehren sind für andere Menschen mit implantierten Defibrillatoren daraus zu ziehen? Christian Schmied ist Kardiologe am Zürcher Herzgefäss-Zentrum im Park. Ausserdem leitet er die Forschungsgruppe für Sportkardiologie am Unispital Zürich. Er glaubt weiter an die Zuverlässigkeit der Geräte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Christian Schmied, Kardiologe.PDHerr Schmied, dank seinem Defibrillator sollte Christian Eriksen doch vor Herzstillständen auf dem Sportplatz geschützt sein. Wie konnte es dennoch zu einem solchen Zwischenfall kommen?Ich kenne bis anhin auch nur die Fernsehbilder und die Äusserungen von Kollegen. Aber man kann sicherlich sagen: Es ist keine Überraschung, dass es wieder passiert ist. Denn die Herzkrankheit, die den Herzstillstand vor fünf Jahren ausgelöst hat, wurde ja nicht geheilt, die ist immer noch vorhanden. Und dass ein Defibrillator bei einem Kammerflimmern erst dann einsetzt, wenn der Patient schon ohnmächtig ist, ist auch alles andere als ungewöhnlich.Könnten Sie das näher erklären?Die Ursache für den Herzstillstand von Eriksen vor fünf Jahren war ein sogenanntes Kammerflimmern. Das ist ein Zustand, in dem die Herzmuskeln so schnell und wild erregt werden, dass ein richtiges Pumpen nicht mehr möglich ist. Ein Defibrillator misst kontinuierlich die elektrische Erregung, die bestimmt, wann sich der Muskel zusammenzieht. Wird der Rhythmus zu schnell, versucht der Defi gegenzusteuern und mit eigenen Impulsen einen gesünderen Takt vorzugeben.Manchmal lässt sich ein Kammerflimmern aber trotzdem nicht verhindern. Die eigentliche Notfallfunktion des Defibrillators, der Wiederbelebungsmechanismus, springt aber in der Regel erst an, wenn das Herz flimmert und nicht mehr richtig schlägt. Dann wird das Herz mit viel stärkeren Stromstössen behandelt. Bis dahin ist der Patient aber oft schon ohnmächtig und zu Boden gesunken. Das Gerät soll den Tod verhindern – nicht das Flimmern.Und wie schafft der Defibrillator das?Indem er den Patienten «schockt». Ihm einen so starken Stromstoss gibt, dass das Flimmern unterbrochen wird und der normale Herzrhythmus wieder anspringt. Ein Kammerflimmern kann aber auch unvermittelt auftreten, ohne dass das Herz vorher schneller schlägt. Auch in einem solchen Fall werden die Patienten oft ohnmächtig, bevor der Defibrillator anspringt.Wenn ein Fussballer trotz Defibrillator zusammenbricht, heisst das also nicht, dass die Geräte nicht funktionieren?Nein, wie gesagt, es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand ohnmächtig wird, bevor der Defibrillator schockt. Die Geräte sind extrem zuverlässig. Das zeigen zum Beispiel die Ergebnisse einer grossen Datenbank, in der über solche Fälle Buch geführt wird. Dort ist bei über tausend Sportlern, die mit einem eingepflanzten Defibrillator unterwegs sind und weiter aktiv sind, seit vielen Jahren kein einziger Fall von Geräteversagen aufgetreten.EKG-Kurve eines Herzens mit normalem Rhythmus (oben) und mit Kammerflimmern (unten).GettyDas heisst, es ist nicht zu riskant, mit einem Herzproblem und Defibrillator Leistungssport zu betreiben? Eriksen und sein Mannschaftsarzt wissen, was sie tun?In der Medizin gibt es das sogenannte Shared Decision Making. Arzt und Patient beraten sich, heisst das, und sollen dann beide einer Therapieentscheidung zustimmen. Wäre Eriksen nach der Defi-Implantation zu mir gekommen, hätte ich mich auf die genannte Datenbank berufen und gesagt: Das Risiko können Sie grundsätzlich eingehen. Immer wenn das Gerät in einem Fall wie Ihrem gebraucht wurde, hat es funktioniert.Es gibt aber auch Krankheiten wie beispielsweise die arrhythmogene Kardiomyopathie, bei denen ich einem Betroffenen stark vom Leistungssport abgeraten hätte. Bei Eriksen spricht aber vieles für ein anderes zugrunde liegendes Problem. Wahrscheinlich war sein Kammerflimmern Folge einer früheren Herzmuskelentzündung. Aber wie gesagt, dazu kenne ich keine Details.Und es gibt keine Nebenwirkungen, die gegen einen Defibrillator sprechen?Doch. Ein solcher Defibrillator kann gerade Sportlern auch inadäquate Schocks bei vollem Bewusstsein geben. Und die sind extrem unangenehm. Mich hat mal ein Patient angerufen, der hat das beim Inlineskaten erlebt. Er sei gerade vier Meter durch die Luft geschleudert worden, hat er das Gefühl beschrieben.Wie kann das passieren?Das Gerät wird in der Regel im Bereich des linken Brustmuskels, direkt über dem Herzen, eingepflanzt. Dort kann es bei entsprechenden Bewegungen dann fälschlicherweise elektrische Impulse der Brustmuskulatur als Rhythmusstörungen interpretieren und einen Schock auslösen.Wie hoch ist das Risiko für andere, beim Sport einen Herzstillstand zu erleiden – also für Menschen, die von ihrem Herzfehler nichts wissen?Hier muss man nach Altersgruppen unterscheiden. Bei jüngeren Menschen ist das Risiko relativ gering. Unter 100 000 Sportlern, die jünger als 30 bis 35 Jahre sind, erleben jedes Jahr zwei bis sechs einen plötzlichen Herzstillstand oder Herztod. Ursache sind meist angeborene, genetische Probleme.Und im höheren Alter?Kann bei manchen beim Sport eine sogenannte Plaque in den Herzkranzgefässen aufbrechen – ausgelöst durch die starke Belastung. Ursache ist eine verborgene lokale Verfettung und Verkalkung der Herzkranzgefässe. Die Folge ist ein plötzlicher Herzinfarkt – und der kann tödlich enden. Besonders gefährdet sind Männer, die im normalen Alltag weniger aktiv sind und sich dann sportlich unter Stress setzen.Und wie kann man sich gegen solche Attacken schützen?Jugendlichen, die regelmässig Sport treiben, empfehle ich schon ab einem Alter von 12 bis 13 Jahren alle zwei Jahre eine Kontrolluntersuchung. Mit einem EKG, einem kurzen Gespräch und einer Untersuchung lassen sich über 90 Prozent der entsprechenden zugrunde liegenden Leiden frühzeitig erkennen.Bei älteren Sportlern ist das schon schwieriger. Denn versteckte Probleme mit den Herzkranzgefässen werden selbst bei einem Belastungs-EKG leicht übersehen. Hier würde ich spätestens ab 35 bis 40 Jahren zu einer persönlichen Risikoeinschätzung beim Arzt raten: Deuten Faktoren wie Familiengeschichte, Zigarettenkonsum, psychischer Stress, Blutdruck oder Cholesterinwerte auf ein erhöhtes Risiko hin, wäre eine aufwendigere Kontrolluntersuchung wie ein Koronar-CT oder ein Ultraschall der Halsschlagader zu erwägen. Eine solche Risikoeinschätzung sollte man regelmässig wiederholen.Passend zum Artikel
Herzstillstand trotz Defibrillator: was der Fall Eriksen über Risiken im Sport aussagt
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