Mit einem rundum erneuerten Sprachassistenten Siri will Apple die Aufholjagd im KI-Wettrennen schaffen. Hilfe bekommt der iPhone-Konzern ausgerechnet vom Konkurrenten Google. Doch Kunden in der EU können den Dienst nicht nutzen.09.06.2026, 03.36 Uhr6 LeseminutenApples CEO Tim Cook begrüsst das Publikum an der Entwicklerkonferenz in Cupertino.LIPO CHING / EPADer Auftakt zu Apples Entwicklerkonferenz ist so etwas wie das teuerste Public Viewing des Silicon Valley. Tausende Entwickler, Influencer und Journalisten kommen jedes Jahr im Juni am hypermodernen Firmensitz in Cupertino zusammen, um zu sehen, an welchen Produktinnovationen der Technologiekonzern zurzeit tüftelt. Seit der Corona-Pandemie ist die Eröffnungs-Keynote allerdings voraufgezeichnet, Jedermann kann es live im Internet streamen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch Apple ist bekannt als Vermarktungskünstler. So wurde auch dieses Jahr wieder die Filmvorführung in der Cafeteria zu einem Spektakel – samt Liegestühlen und eigens angeheuerten Stimmungsmachern.Den Auftakt zu Apples Entwicklerkonferenz bildet ein vorab aufgezeichnetes Video, das vor ausgewählten Besuchern in der Cafeteria gezeigt wird.REUTERSDie neue «Siri KI» soll nun endlich die Versprechen von 2024 einlösenDie Angereisten sowie die am Bildschirm Zusehenden versuchte der Konzern am Montag zu überzeugen, dass Apple im Wettrennen um künstliche Intelligenz nicht abgehängt ist, sondern dass die Aufholjagd nun endlich gelungen ist. Dreieinhalb Jahre nach dem Beginn der KI-Revolution präsentierte Apple den Sprachassistenten Siri, von Grund auf erneuert und künstlich intelligent.Die neue «Siri KI» kann über Programme hinweg auf Informationen eines Nutzers zugreifen, Fragen beantworten und selbständig Aktionen ausführen – zum Beispiel Konzertkarten kaufen oder Nachrichten verfassen und versenden. Siri soll auf jeder Plattform funktionieren, also auf dem Smartphone ebenso wie auf dem Tablet-Computer und gar Apples Virtual Reality-Brille.«Siri ist jetzt ein richtig leistungsfähiger Assistent», sagte Mike Rockwell, der neuerdings die Sparte KI bei Apple verantwortet.Es sind Versprechen, die Apple bereits vor zwei Jahren an seiner Entwicklerkonferenz gemacht hatte – und damit böse auf die Nase gefallen war. Die hauseigene «Apple Intelligence» konnte in Wahrheit nicht das liefern, was die Manager vollmundig auf der Bühne versprochen hatten. Es war eine Riesenblamage, Konsumentengruppen klagten. Kürzlich einigte sich Apple mit ihnen auf eine Entschädigung von 250 Millionen Dollar, eine der höchsten in der Konzerngeschichte.Zwei Jahre und mehrere Personalabgänge später soll die neue «Siri KI» nun tatsächlich all das können, was Apple schon 2024 versprochen hatte. Um das glaubhaft zu machen, führten mehrere Manager das neue Siri in Echtzeit vor: Finde ein Rezept, das meine Freundin mir jüngst geschickt hat! Welche Getränke passen dazu? Pack all diese Informationen in eine Einladung zum Sommerfest und verschicke sie.Die Vorführungen in Echtzeit wirkten bisweilen zäh, doch die Botschaft dahinter war klar: Wir liefern keine leeren Versprechen mehr. Und die Anfragen funktionierten. Entscheidend ist dabei, dass Siri den Bildschirm des Nutzers erkennt und damit den Kontext einer Anfrage kennt.«Wir haben Siri von Grund auf verändert», sagte Rockwell. Auch die Sprachsteuerung scheint nun zu klappen – bekanntlich eine chronische Schwachstelle von Siri. Die Zeiten, in denen Siri einen nicht versteht oder unaufgefordert losplappert, scheinen vorbei.Apple verspricht mehr Datenschutz als die KonkurrenzFür sich allein genommen sind Apples neue KI-Funktionen nicht bahnbrechend – andere KI-Firmen haben bereits ähnliches auf dem Markt. Der entscheidende Unterschied liegt in dem Datenschatz, auf dem Apple sitzt: Das iPhone ist für Millionen von Nutzer der Dreh- und Angelpunkt ihres Privatlebens. Und den Zugriff auf diesen Schatz regelt Apple als Gatekeeper. Kann Siri künftig tatsächlich programmübergreifend auf Informationen auf einem Gerät zugreifen und Befehle ausführen, könnte das einen echten Mehrwert für Nutzer schaffen.Aufrufen kann man den Assistenten via Sprachbefehl, per Knopfdruck oder mit einem Wischen über den Bildschirm. «Für uns ist Siri kein separater Chatbot, den man aufruft, sondern ein Werkzeug, das genau versteht, was ein Nutzer in dem Moment meint», sagte Rockwell.Ein weiterer Vorteil für Apple: Die Firma vermarktet sich seit langem als Verfechter von Privatsphäre und Datenschutz. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Versprechen in einer Zeit, in der die Skepsis gegenüber KI wächst. «Heute versprechen viele KI-Anbieter Datenschutz, aber in den Standardeinstellungen der Chatbots werden Ihre persönlichen Interaktionen gespeichert», sagte Apples Software-Chef Craig Federighi.Software-Chef Craig Federighi teilte am Montag immer wieder gegen die Konkurrenz aus, die punkto KI übereilt nach vorn presche.Laure Andrillon / REUTERSMit einem weiteren Seitenhieb an die Konkurrenz fügte er hinzu: «Andere preschen mit KI zurzeit nach vorne ohne Rücksicht auf Datenschutz.» Apple werde den Kunden nie auf ihren KI-Anfragen basierende Werbung zusenden, versprach er. «Sie als Nutzer haben absolute Kontrolle über Ihre Informationen zu jedem Zeitpunkt.»Wann immer möglich, sollen die KI-Anfragen lokal auf dem Handy verarbeitet werden. Reicht das nicht aus, greift Siri auf KI-Modelle in der Cloud zurück. Dafür hat sich Apple mit dem Konkurrenten Google zusammengetan, dessen KI-Modelle zu den führender der Branche zählen. Auch in solchen Fällen seien die Daten des Nutzers geschützt, sagte Federighi. «Niemand, auch nicht Apple, kann ihre Anfragen sehen.»In einem Hintergrundgespräch mit Journalisten zeigte Rockwell schematisch eine Skizze, wie Apple künftig KI-Anfragen verarbeite. «Nur die notwendigsten Daten werden an die Cloud geschickt. Nichts wird gespeichert, niemand hat Zugriff, auch nicht Apple.» Dieses Versprechen könne auch jederzeit von Dritten verifiziert werden. «In einer Welt der personalisierten KI glauben wir ganz fest an Privatsphäre.»Was Apple für die Nutzung seiner KI-Modelle an Google zahlt, ist nicht bekannt. Keine Rede mehr war von der Kooperation mit Open AI, die noch vor zwei Jahren mit viel Trommelwirbel verkündet worden war. Gemäss Berichten von «Bloomberg» hat Apple inzwischen Bedenken zum Datenschutz bei Open AI. Zudem sei man verärgert, dass die Firma hinter Chat GPT ihrerseits ein eigenes KI-Gerät entwickelt, das dem iPhone Konkurrenz machen könnte. Open AI wiederum erwägt offenbar eine Klage gegen Apple wegen Vertragsbruch.Die neue Apple KI kommt nicht in die EU und nach China Nicht nur Siri, auch andere Programme bei Apple bekommen künftig einen KI-Anstrich: «Apple Intelligence», wie die Technologie in Apples Marketing-Sprech heisst, soll dem Nutzer beim Schreiben helfen, Browserfenster gruppieren, und Fotos verbessern. So sollen Nutzer künftig auch dann noch die Perspektive eines Fotos verändern können, wenn sie es schon geschossen haben.Alle neuen KI-Funktionen sollen im Herbst als Teil des nächsten grossen Software-Updates verfügbar werden. Mehrere Funktionen, darunter das neue Siri, setzen dabei ein iPhone der jüngsten Generation voraus. Nur diese haben Apples hauseigene KI-Chips eingebaut; konkret sind das iPhones 15 Pro oder neuer.Ein entscheidender Nachteil zu KI-Produkten der Konkurrenz ist jedoch, dass Apples neues Siri vorerst nur Englisch beherrscht. Weitere Sprachen sollen folgen. Für Nutzer in der EU besonders ärgerlich: Sie werden das neue Siri KI vorerst gar nicht nutzen können. «Aus regulatorischen Gründen» könne man das Produkt zurzeit nicht nach Europa bringen, sagte Federighi. Die Schweiz ist davon nicht betroffen. Europa ist nach Amerika der zweitwichtigste Absatzmarkt für Apple, doch neue Regulatorien wie der EU AI Act sehen dort strenge Auflagen für KI-Firmen vor.In China geht Apple noch einen Schritt weiter: Dort wird gar keine Form von Apples KI verfügbar sein. Die Volksrepublik ist gemessen am Umsatz der drittgrösste Absatzmarkt für Apple.Auffällig war am Montag, dass Apple zu keinem Zeitpunkt das Wort «Agent» verwendete. Dabei sind KI-Agenten der jüngste Trend im Silicon Valley, mit dem sich jede KI-Firma schmückt. Gemeint sind autonom handelnde Programme, die selbständig planen, entscheiden und aktiv werden – ganz ohne menschliche Zwischenschritte.Siri sei genauso mächtig wie Agenten, sagte Federighi auf Nachfrage – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Siri nicht eigenständig handle, sondern nur auf Befehl des Nutzers. Was er bei der Konkurrenz beobachte, seien vor allem «aufregende Experimente». Er sei überzeugt, dass es noch ein längerer Weg sei zu wirklich hilfreichen Agenten.Abschied von der Ära Tim CookJohn Ternus, designierter CEO von Apple.Bloomberg / BloombergAnders als in Vorjahren stellte Apple am Montag nur wenige Neuerungen jenseits der KI vor. So führt der Konzern künftig etwa separate Nutzerkonten für Kinder ein, die Eltern kontrollieren können. Doch Ankündigen zu neuen Uhren, Kopfhörern oder gar der vielbeschworenen KI-Brille blieben aus. Mit 75 Minuten war die Keynote auch deutlich kürzer als in Vorjahren.Das «Public Viewing» hatte auch den Hauch eines Abschiedsfests: Es war die letzte Entwicklerkonferenz von Tim Cook, nach 15 Jahren an der Konzernspitze gibt der 65-Jährige das Amt im Herbst ab. Mit einem kurzen Auftritt verabschiedete er sich von den anwesenden Entwicklern.John Ternus, der designierte CEO, ergriff hingegen nicht das Wort, sondern hörte nur im Publikum zu. Doch eines war bereits klar: Das neue Siri wird seine Ära an der Konzernspitze prägen.Passend zum Artikel
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