«Die wollen Transjugendliche vernichten!» – «Die SVP hat alle Menschen gern»Im Zürcher Kantonsrat gab es am Montag kein Halten mehr. Eine Vorlage zur Gleichstellung von queeren Menschen verführte links und rechts zu abstrusen Argumenten.08.06.2026, 17.28 Uhr4 LeseminutenQueere Menschen demonstrieren auf dem Helvetiaplatz in Zürich. Die Debatte im Kantonsrat am Montag lief stellenweise aus dem Ruder.Ennio Leanza / KeystoneWenn schon Debatte am frühen Montagmorgen, dann bitte richtig. «Hass ist Hass – die Vorstufe realer Gewalt!» – «Der LGBT-Community wurden, von der bürgerlichen Mehrheit! ihre Menschenrechte verwehrt.» – «Wir durften nicht heiraten, wir durften keine Kinder kriegen, wir durften nicht adoptieren.» – Man werde zwangssterilisiert und therapiert. «Insbesondere bei Trans- und Interpersonen passiert das nach wie vor!»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kurz danach gab es für David Garcia Nuñez kein Halten mehr: «Sie haben einen EDU-Vertreter in Ihrer Fraktion: Die wollen Transjugendliche vernichten!», rief das Sprachrohr der Alternativen Linken im Zürcher Kantonsrat der SVP entgegen. «Diese Kinder und Jugendlichen brauchen diese Behandlung!» Das sei keine politische Frage, sondern eine Frage der Menschenrechte. Und ja: er sei emotional. «Es geht um meine Familie, es geht um meine Leute, es geht um meinen Job!»Hauptberuflich leitet Garcia Nuñez die Abteilung Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel. Sein Fachgebiet: Plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie. Ein Geschäft, das viel Feingefühl verlangt. Am Montag indes versuchte sich Nuñez als Grobrhetoriker.Es kam nicht gut an. Markus Bopp von der SVP versuchte die Debatte zu beruhigen. «Wir haben alle Menschen gern.» Ihm sei es doch egal, wie andere leben. Sein Parteikollege Ueli Bamert zeigte sich «schockiert» über die «ungeheuerlichen» Vorwürfe von Garcia Nuñez. Am Narrativ der Volkspartei hielt er allerdings fest. Die Zuwanderung – die bevorzugte Zutat der SVP in sehr vielen Debatten – sei ein Treiber von Homophobie. Bei Menschen aus dem Nahen Osten und aus weiteren muslimischen Ländern sei die Abneigung gegen Schwule und Lesben viel ausgeprägter «als bei Bio-Schweizern», sagte Bamert.Von der hörbaren Empörung der Linken bei diesem Begriff wollte Bamert wiederum nichts wissen. Garcia Nuñez hatte seiner Fraktion schliesslich vorgeworfen, Transjugendliche vernichten zu wollen. Also gab sich der SVP-Mann staatsmännisch und mahnte, bei allem Verständnis für Emotionen in der Politik: «Bitte halten Sie sich in diesem Rat mit solchen polemischen Äusserungen zurück.»Lange Liste von EmpfehlungenZwangssterilisierung, Homophobie, «Vernichtung» von anders Lebenden. Es war eine Debatte der grossen Worte. Wobei der EDU-Vertreter Hans Egli in seiner kurzen Wortmeldung für Gleichstellung für alle und lediglich dagegen plädiert hatte, dass sich eine kantonal finanzierte Fachstelle für medizinische Behandlungen von Minderjährigen einsetzt.Denn darum ging es in dieser hitzigen und über weite Strecken wenig sachlichen Auseinandersetzung: Wie die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Interpersonen zu fördern und wirksame Massnahmen gegen sogenannte Hass-Kommentare und andere Formen verbaler Angriffe gegen Angehörige der LGBTI-Community zu entwickeln seien. Das Anliegen geht auf einen Vorstoss der früheren SP-Kantonsrätin Hannah Pfalzgraf zurück.Drei Jahre später hat die Regierung unter Federführung von Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) wie verlangt einen detaillierten Bericht vorgelegt, der aufzeigt, wie die beiden anvisierten Themen – Gleichstellung von LGBTI-Personen und Massnahmen gegen Hassreden gegen sie – bisher angegangen wurden und was für Schritte für die Zukunft anzupeilen seien.Die Liste der Handlungsempfehlungen zuhanden der kantonalen Gleichstellungsbeauftragten ist lang:Sensibilisierung von Fachpersonen und BerufsgruppenSensibilisierung der ÖffentlichkeitPräventionskampagnenInformations- und Meldeangebote für Betroffene von HassredenSchutzmassnahmen wie Schulungen der Polizei und anderen StrafverfolgungsbehördenDatenerhebung und Forschung zu Diskriminierung und Lebensrealitäten von LGBTI-PersonenLeitfäden für inklusive Sprache, Bewerbungsverfahren und zum Umgang mit Regenbogenfamilien für die öffentliche VerwaltungRechtliche Verbesserungen für einen umfassenden Gleichstellungsauftrag zuhanden des KantonsDas klingt nach viel Arbeit. Wenig überraschend soll die Fachstelle Gleichstellung in diesen Plänen um einen weiteren Bereich ergänzt werden: Künftig sollen sich die Mitarbeitenden dort auch mit «sexueller und geschlechtlicher Vielfalt» beschäftigen.Umerziehung?Konkret soll das neue Gebiet der Fachstelle – wie Susanne Brunner (SVP) vor der Ratsdebatte von Justizdirektorin Jacqueline Fehr erfahren hatte – zusätzliche 1,8 Vollzeitstellen erhalten.Ob das helfen wird? Die Volkspartei bezweifelt es. Damit werde Gleichstellung zur Staatsaufgabe, sagte Brunner in der Debatte. Doch die «Umerziehung» diskriminierender Übeltäter in der Bevölkerung gelinge weder mit 180, noch mit 1800 Stellenprozenten. Den linken Postulanten warf Brunner vor, das Problem lediglich zu bewirtschaften, statt es tatsächlich lösen zu wollen.Dabei liege diese Lösung doch auf der Hand: ein Ja zur Nachhaltigkeitsinitiative der SVP am 14. Juni. Gelingende Integration sei eine Frage des Masses, deklarierte Brunner. Auch die Rechte verstand sich darauf, das Thema des Tages ins Unkenntliche auszuweiten. Doch es nützte nichts. Nach über einer Stunde abstruser Vorwürfe auf beiden Seiten hatte das Plenum ein Einsehen. Man schritt zur Abstimmung. Mitte Links setzte sich durch. SVP und FDP unterlagen mit 74 zu 99 Stimmen. Die Fachstelle Gleichstellung wird also ein neues Arbeitsgebiet erhalten.Passend zum Artikel