Der geopolitische Spielraum von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un wächst weiter. Dies zeigt der erste Besuch von Chinas Staatschef in Nordkorea seit sieben Jahren.Martin Kölling, Tokio08.06.2026, 16.23 Uhr3 LeseminutenDer nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un empfängt in Pjongjang den chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping.Tingshu Wang / ReutersChinas Staats- und Parteichef Xi Jinping hat am Montag einen zweitägigen Staatsbesuch in Nordkorea begonnen. Es ist seine erste Auslandreise in diesem Jahr – sein letzter Besuch in Nordkorea liegt bereits sieben Jahre zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die nordkoreanischen Gastgeber empfingen den chinesischen Präsidenten mit grossem Protokoll. Der Machthaber Kim Jong Un holte den chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping und dessen Frau Peng Liyuan persönlich auf dem Flughafen von Pjongjang ab. Nach einer opulenten Willkommenszeremonie, der Tausende Personen beiwohnten, fuhr der chinesische Autokonvoi zudem durch den Triumphbogen der Hauptstadt.Präsident Xi hatte in einem Beitrag für Nordkoreas Parteizeitung «Rodong Sinmun» die Bedeutung seines Besuchs angedeutet: einen Schulterschluss in wachsenden geopolitischen Spannungen. Er schrieb von einer «unzerbrechlichen und dauerhaften Freundschaft». Beide Seiten sollten «den Austausch auf hoher Ebene als Leitlinie beibehalten und auf dem Fundament des gegenseitigen politischen Vertrauens aufbauen», sagte er laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Kim soll geantwortet haben, dass die Stärkung der bilateralen Beziehungen strategisch eine Top-Priorität sei.Was in Pjongjang geschieht, wirkt bis nach EuropaDie geopolitische Tragweite des Treffens ist gross. Nordkorea rüstet trotz Sanktionen der Vereinten Nationen immer weiter atomar auf – und stärkt damit sein Drohpotenzial gegenüber den USA und deren Alliierten Südkorea und Japan. Der Machthaber Kim ist auch viel selbstbewusster geworden, kennt seine Spielräume und seinen wachsenden geopolitischen Einfluss – auch gegenüber seiner wichtigsten Schutzmacht China.Durch einen neuen Militärpakt mit Russland, der Waffenlieferungen und die Entsendung von Soldaten für Putins Ukraine-Krieg umfasst, gestaltet Kim nämlich nicht nur die Lage in Ostasien mit. Der südkoreanische Experte Mitch Shin, derzeit Forscher am schwedischen Institut für internationale Angelegenheiten, betont: Kims Entscheidungen hätten sogar «direkte Implikationen für die euroatlantische Sicherheit».Gleichzeitig schafft es Kim immer stärker, seine langjährige diplomatische Isolation zu durchbrechen. Im September 2025 reiste er nach Peking, wo Xi mit anderen Staats- und Regierungschefs den Tag des Sieges über die japanischen Eroberer feierte. Im März dieses Jahres war der weissrussische Präsident Alexander Lukaschenko in Pjongjang, um die Kooperation mit Putins ostasiatischem Partner auszubauen.Auch die ostasiatischen US-Verbündeten begegnen dem Land nicht mehr mit Ablehnung: Südkoreas Präsident Lee Jae Myung und Japans Regierungschefin Sanae Takaichi haben beide die Bereitschaft geäussert, sich mit Nordkoreas Herrscher zu treffen.Nordkorea stärkt sein Bekenntnis zu AtomwaffenBisher lehnt Kim allerdings all diese Avancen ab – und auch jeglichen Verhandlungsversuch bezüglich seines wachsenden Arsenals an Atomwaffen und -raketen. Kims einflussreiche Schwester, Kim Yo Jong, wiederholte am Wochenende die Botschaft, dass Nordkoreas Status als Atommacht unumkehrbar sei.Kim selbst besuchte kürzlich eine neue Produktionsstätte für waffenfähiges Nuklearmaterial. Experten deuten dies auch als Signal an China, das offiziell nach wie vor am Ziel einer Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel festhält.Auch für China ist die Lage neu. Mit Argwohn beobachtet die Führung, wie der Einfluss von Nordkoreas wichtigster Schutzmacht schwindet. Denn als Gegenleistung für seine Militärhilfe erhält Nordkorea von Russland wichtige Ressourcen, neue Handelswege und vor allem militärisches Know-how. Auch die wirtschaftliche Lage verbessert sich in dem verarmten Land, in dem ein grosser Teil der Bevölkerung mangelernährt ist.Die Experten vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) in den USA erwarten daher, dass Xi sich vor allem darum bemühen wird, Chinas traditionelle Stellung als wichtigster Partner Nordkoreas zu festigen. Mehr noch, der frühere US-Spitzendiplomat Victor Cha, derzeit Präsident der Abteilung für Geopolitik und Aussenpolitik am CSIS, erwartet, dass China sich eindeutiger als bisher auf die Seite Nordkoreas stellen wird.Wirtschaftliche Hilfe ist Teil einer alten Strategie, Nordkorea an China zu binden. So stieg der bilaterale Handel der Länder im vergangenen Jahr um 25 Prozent auf 2,7 Milliarden US-Dollar an und erreichte somit das Niveau der Zeit vor der pandemiebedingten Grenzschliessung.Kim sitzt dagegen fester im Sattel denn je. Die Korea-Beobachterin Gabriela Bernal urteilt in ihrem Newsletter «Peninsula Dispatch», dass Kim zu Nordkoreas diplomatischem Drehbuch aus dem Kalten Krieg zurückgekehrt sei, als das Land seine Verbündeten China und Russland zum eigenen Nutzen gegeneinander ausspielte, und manchmal auch die USA. «Nordkorea bestimmt zunehmend die Bedingungen für den Umgang mit den Grossmächten der Welt», so Bernal.Passend zum Artikel