PfadnavigationHomePolitikAuslandÜbergriffe in EuropaDie erschreckenden Erkenntnisse der EU über Gewalt gegen FrauenStand: 12:48 UhrLesedauer: 7 MinutenQuelle: Getty Images/Viktoriya SkorikovaFast jede dritte Frau in der EU wird in ihrem Leben Opfer von Gewalt. In den Ländern unterscheiden sich aber nicht nur die Gewalterfahrungen stark, sondern auch die Definition und der Strafrahmen. Das soll sich jetzt ändern.Es ist ein Fall, der überall passieren könnte. Jederzeit. Nach außen hin war Sebastian Swamy ein netter Typ. Er grüßte die Nachbarn, mähte den Rasen und tollte mit den Kindern herum. Nachbarn beobachteten, dass er häufiger Blumen mit nach Hause brachte. Aber von dem Martyrium, das sich hinter den Mauern seiner Wohnung abspielte, bekamen sie nichts mit. Der Mann schrie seine Ehefrau Abigail Blake immer wieder an, befahl, was sie anziehen sollte und wie sie ihren Lippenstift aufzutragen hatte. Er schlug sie und verbot ihr zeitweise, die Zähne zu putzen. Er wollte ihren Willen brechen. Abigail Blake fand nicht die Kraft, ihn anzuzeigen. Denn zwischendurch war ihr Mann immer wieder charmant und liebevoll. Dann eskalierte die Situation: Swamy stieß seine Frau zu Boden, trat ihr auf den Rücken und in den Nacken. Blake, Mutter von zwei Kindern, zog sich mehrere Rippenbrüche und einen Riss in der Lunge zu. Schwerverletzt schleppte sie sich nach draußen, Nachbarn fanden das Opfer. Der Täter flüchtete und stellte sich erst nach fünf Tagen der Polizei. Danach reichte Blake die Scheidung ein. Lesen Sie auchDer Fall, der sich im Jahr 2017 in Großbritannien zugetragen hatte, beschäftigte die Öffentlichkeit noch lange und löste eine Debatte über die Verhinderung von Gewalt in den eigenen vier Wänden aus. Eine Debatte, die auch in der Europäischen Union geführt wird. Verena Mertens kennt viele ähnliche Fälle. Die 44-jährige Juristin war Kripochefin in Paderborn in Ostwestfalen. An diesem Dienstagnachmittag sitzt sie in ihrem Büro, Raum 115 im 15. Stock des Europäischen Parlaments in Brüssel. Mertens bietet Kekse und Tee an. Die CDU-Politikerin ist seit dem Sommer 2024 Abgeordnete im EU-Parlament und Mitglied im Rechtsausschuss. Für sie ist Gewalt gegen Frauen kein Orchideenthema. Sondern „erschreckende Realität“.Mertens verweist auf neue Zahlen der EU-Grundrechteagentur (FRA) vom März: Demnach hat jede vierte Frau in Deutschland in ihrem Leben schon einmal körperliche Gewalt, Drohungen oder sexuelle Gewalt erlebt. Fast 15 Prozent der Frauen in Deutschland zwischen 18 und 74 Jahren mussten im Laufe ihres Lebens konkrete sexuelle Gewalt erfahren. Besonders brisant: Fast jede zweite Frau (47,6 Prozent) in Deutschland wurde laut der gemeinsamen Erhebung der EU-Grundrechteagentur, dem Statistikamt Eurostat und dem Europäischen Institut für Gleichstellungsfragen (EIGE) in ihrer Kindheit körperlich oder psychisch von den Eltern misshandelt.Die Gleichstellungsexperten haben in einer jahrelangen Befragung, an der mehr als 115.000 weibliche Personen teilgenommen haben, die Gewalterfahrungen von Frauen in den 27 EU-Mitgliedsländern abgefragt. Das Ergebnis: Fast jede dritte Frau in der EU hat persönlich schon mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt erlebt. In Finnland sind es sogar 57 Prozent der Frauen, in Schweden 52 Prozent und in Dänemark 47,5 Prozent.In Bulgarien (11,9 Prozent), Polen (16,7) und Portugal (19,7) sind die Zahlen dagegen deutlich niedriger. Dafür dürfte in diesen drei Ländern aber die Dunkelziffer sehr hoch sein. Die Grundrechteagentur verweist darauf, dass Frauen in Ländern, in denen in der Alltagskultur tendenziell weniger Gleichheit zwischen den Geschlechtern herrscht, deutlich seltener Gewaltdelikte anzeigen. In nordeuropäischen Ländern ist die Gleichstellung von Mann und Frau traditionell deutlich stärker verwurzelt als etwa in Ost- oder Südeuropa. Die Zahlen lassen sich daher nicht ohne Weiteres vergleichen.Auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist laut Statistik ein großes Thema. Fast jede dritte Frau (30,7 Prozent) in der Europäischen Union wurde bereits am Arbeitsplatz belästigt, die große Mehrheit von Männern. Dabei sind Frauen unter 30 Jahren mit 41,6 Prozent nach eigenen Angaben deutlich häufiger betroffen als etwa Frauen in der Altersgruppe 30–44 Jahre (36,0 Prozent). Die Autoren der Studie betonen jedoch, dass sich „das Bewusstsein der Menschen für das Phänomen der sexuellen Belästigung und die verschiedenen Handlungen, die als sexuelle Belästigung angesehen werden können, im Laufe der Zeit weiterentwickelt“ habe. Dies könne daher „Einfluss darauf haben, inwieweit Frauen verschiedener Altersgruppen das, was sie erlebt haben, als sexuelle Belästigung erkennen“.Erschreckend: Insgesamt meldeten 86 Prozent der Frauen ihre Gewalterfahrungen oder Belästigungen nicht der Polizei. Ging die Gewalt vom Partner aus, zeigten dies sogar nur sieben Prozent der betroffenen Frauen an. War der eigene Partner nicht der Täter, meldeten dies immerhin 21 Prozent der Polizei. Was Mertens an diesem Tag vor allem interessiert, sind die Erhebungen zur sexuellen Gewalt gegenüber Frauen. Sie stehen auf Seite 29 des Reports. Demnach mussten 17,2 Prozent der Frauen in der EU sexuelle Gewalt erfahren, häufig handelte es sich dabei um Vergewaltigungen. Die Zahl dürfte in Wahrheit viel höher liegen, weil Frauen in zahlreichen Ländern die Delikte nicht anzeigen, weil sie Nachteile fürchten. Besonders häufig erlebten Frauen in Schweden (41 Prozent), Finnland (37,3) und Dänemark (33,3) sexuelle Gewalt. Bemerkenswert: Laut Statistik ging die Gewalt in den meisten Fällen von einer Person aus, die in keinem partnerschaftlichen Verhältnis zu den Frauen stand (12,9). Der Intimpartner war in 7,7 Prozent der Fälle der Täter.Keine einheitliche Definition von „Vergewaltigung“Mertens bereitet Sorge, dass es in der EU keine einheitliche Definition von „Vergewaltigung“ gibt. Zudem werden Sexualstraftäter auch ganz unterschiedlich bestraft. Das will sie ändern. In einigen EU-Ländern gilt immer noch: Nur, wenn sich ein Opfer zuvor körperlich gewehrt hat, kann man überhaupt von einer Vergewaltigung sprechen. In Deutschland wird dagegen, wie in den meisten EU-Ländern, die sogenannte Widerspruchsregelung angewandt: Es handelt sich demnach um eine Vergewaltigung, wenn eine Frau den Sexualverkehr zuvor abgelehnt hat („Nein heißt Nein“).Dem EU-Parlament genügt aber auch diese Anforderung nicht. In einem Initiativbericht fordern die Abgeordneten die EU-Kommission mit großer Mehrheit auf, einheitliche Regeln in der Union zu schaffen, die eine klare Zustimmung für sexuelle Handlungen von beiden Partnern erfordern. „Nur Ja heißt Ja“ lautet der Kernsatz der Initiative. Die Frau muss also aktiv zustimmen und der Mann sollte seine Partnerin am besten vorher ausdrücklich fragen, ob sie mit ihm schlafen will.Lesen Sie auchWahrscheinlich wird die EU-Kommission aber niemals einen einheitlichen Rechtsrahmen für ganz Europa verabschieden, weil ihr dazu nach geltendem Recht die Kompetenzen fehlen. Das weiß auch Mertens. „Aber wir wollten im Parlament ein klares Signal setzen. Sexualdelikte sind so schwerwiegend, dass sie eigentlich überall in gleicher Weise hart geahndet werden sollten“, sagt sie.Die Debatten im Parlament über den Bericht seien teilweise „sehr schwierig“ gewesen, berichtet Mertens. „Einige Kollegen aus linken Parteien vertraten dabei auch ein klischeehaftes Bild über stereotypisches Verhalten von Männern, die immer wollen und bereit sind, sich sexuelle Befriedigung mit Gewalt zu holen. Da mache ich nicht mit.“Aber Mertens hat bei den Beratungen im Parlament auch etwas gelernt – und ihre Meinung geändert: „Ich habe früher geglaubt, ‚Nein heißt Nein‘ wäre ausreichend. Mittlerweile bin ich anderer Meinung. Wir bräuchten in Deutschland und in der gesamten EU am besten den Rechtsgrundsatz: ‚Nur Ja heißt Ja‘.“ Lesen Sie auchLänder wie Schweden, Frankreich und Belgien machten es vor, sagt Mertens. „Wir würden dann den gesellschaftlichen Fokus beim Sex auf die Frage legen: Wollen wir das beide? Anstatt nur danach zu fragen, ob die Frau dagegen war. Die Frau sollte explizit sagen, dass sie Sex haben möchte.“ Die Unionsparteien in Deutschland teilen Mertens‘ Forderung bisher nicht. Aber die EU-Abgeordnete will in der Partei ein Umdenken anregen. In dieser Woche findet in Hamburg die Frühjahrstagung der Justizminister der Länder statt. Zehn Jahre nach der Reform des Sexualstrafrechts sollen weiterhin bestehende Schutzlücken geschlossen werden. Allein aus Hamburg liegen drei Beschlussvorschläge vor. Für die Vorsitzende, Hamburgs Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne), ist das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen ein Schwerpunkt der Konferenz. Neben „Nur Ja heißt Ja“ sollen auch die Verjährungsfristen für Sexualstraftaten sowie eine potenzielle Erweiterung des Straftatenkatalogs thematisiert werden.Lesen Sie auchFragt man die EU-Abgeordnete Mertens danach, was sie Frauen rät, um Gewalt gegen sie zu vermeiden, hat die frühere Kripochefin mehrere Ratschläge. „Erstens: Jedem sollte klar sein: Es gibt Gewalt gegen Frauen. Jeder sollte akzeptieren: Männer sind stärker als Frauen. Es ist besser, eine neue Bekanntschaft im öffentlichen Raum zu treffen als zu Hause. Zweitens: Man sollte sich darüber Gedanken machen, was man tun will, wenn ein Mann durch Gewalt Sex erzwingen will. Schreien Sie, sprechen Sie Leute direkt an und flüchten Sie notfalls aus der eigenen Wohnung, anstatt darauf zu warten, dass der Aggressor die Wohnung verlässt. Drittens: Frauen müssen sich wehren. Wehren führt in den meisten Fällen dazu, dass der Täter aufhört.“Christoph B. Schiltz ist Korrespondent in Brüssel. Er berichtet unter anderem über Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU, die europäische Migrationspolitik, die Nato und Österreich.