Auf der Weltkarte sieht es aus wie ein Druckfehler. Fast überall leuchtet es rot, orange, gelb – der Fingerabdruck einer aufgeheizten Erde. Nur südlich von Grönland und Island liegt ein blauer Fleck: kühler als vor Jahrzehnten, kühler als der Rest des Atlantiks. Dieses Bild kursiert gerade in sozialen Netzwerken, und die Botschaft dazu ist dramatisch: Der Golfstrom schwächelt. Europa friert. Berlin liegt auf der Breite von Neufundland.Geografisch stimmt das ungefähr. Klimatisch ist es zu einfach. Aber harmlos ist die Sache nicht.

Was steckt hinter dem Kälteloch?

Worum es geht, ist nicht der Golfstrom allein, sondern die Atlantische Umwälzzirkulation – kurz AMOC. Warmes, salziges Wasser fließt an der Oberfläche nach Norden, kühlt ab, wird dichter, sinkt in die Tiefe und fließt zurück nach Süden. So transportiert der Atlantik Wärme nach Europa. Der Golfstrom ist der bekannteste Teil dieses Systems, aber das System ist größer – und fragiler.Eine neue Studie in den Geophysical Research Letters von Stefan Rahmstorfs Team liefert jetzt eine präzisere Diagnose: Das blaue Loch ist kein dünner Film an der Oberfläche. Die Abkühlung reicht tief in die Wassersäule. Und der Grund ist nicht, dass der Ozean dort mehr Wärme abgibt – sondern dass weniger Wärme durch Strömungen ankommt. Kurz: Das Förderband arbeitet schlechter.